Im Krankenhaus Sant Joan de Déu in Barcelona – bevor die Sicherungsmaßnahmen wegen des Coronavirus strikter wurden. Foto: privat

Fast hätte das Coronavirus die Pläne der Familie Marino verhindert: die Krebsbehandlung ihres Sohnes in Barcelona. Trotz Ausgangssperre und Polizeikontrollen kann die Antikörpertherapie im Krankenhaus jedoch stattfinden

Barcelona/Fellbach - Blauer Himmel, bis zu 20 Grad Wärme, eine kleine Wohnung im Herzen von Barcelona: Urlaub könnte so herrlich sein. Aber in Zeiten des Coronavirus ist alles anders. Doch die Familie Marino ist ohnehin nicht nach Spanien gereist, um Land, Leute und Kultur zu genießen. Ihr Aufenthalt in der Hauptstadt von Katalonien dreht sich um das Wohlbefinden ihres zweijährigen Sohnes Michele. Er ist wegen Krebs seit vielen Monaten in Behandlung.

Bei unzähligen Aktionen kam das benötigte Geld tatsächlich zusammen

Bei Michele wurde im vorigen Sommer ein Neuroblastom diagnostiziert, eine Krebserkrankung des Nervensystems, die in der Regel Kleinkinder trifft. Seither ist das Krankenhaus „das zweite Zuhause“, wie sein Vater Daniele Marino schon Ende des vergangenen Jahres schilderte. Damals begann er, auf Spendensuche zu gehen: für eine nur im Ausland angebotene teure Antikörpertherapie, die verhindern soll, dass der Krebs nach der Behandlung wiederkommt.

Bei unzähligen Aktionen, unter anderem bei einem Benefizkonzert im Fellbacher Rathaus, und durch Spendenaufrufe im Internet kam das benötigte Geld tatsächlich zusammen. Daniele Marino ist bei der Stadt Fellbach im kommunalen Ordnungsdienst beschäftigt. Aktuell selbst im Krankenstand kann er dort wieder einsteigen. Die Perspektive für seine Arbeit ist gesichert.

Eine Patientenmanagerin betreut die Familie

225 000 Euro hat das Krankenhaus Sant Joan de Déu in Barcelona bereits für die Antikörpertherapie von Michele in Rechnung gestellt. Am 7. April soll sie beginnen, bis jetzt standen Voruntersuchungen an. „Michele gilt nach der letzten Chemobehandlung in Deutschland als krebsfrei“, sagt sein Vater erleichtert. Doch erst nach fünf Jahren ohne Symptome gilt Michele auch offiziell als geheilt.

Die Antikörpertherapie, die so in Deutschland nicht möglich wäre, soll auch Krebszellen, die nicht messbar, aber vielleicht doch vorhanden sind, zerstören. Abschließend ist noch eine Bestrahlung des Bereichs, wo der Tumor war, vorgesehen. „Michele hat die besten Voraussetzungen, geheilt zu werden“, berichtet Daniele Marino voller Freude über die Einschätzung des zuständigen spanischen Arztes. Eine Patientenmanagerin betreut die Familie.

Die Marinos sind dankbar, dass alles klappt wie vorgesehen. Am 1. März sind Daniele und seine Frau Mariarosa mit Michele und seiner Schwester Mariella, die noch nicht schulpflichtig ist, in Barcelona angekommen. Wenig später wäre die Einreise wegen der Corona-Krise nicht mehr möglich gewesen.

Aber was es nicht gibt, ist die Möglichkeit, mit der Familie nach draußen zu gehen

Diese hat in Spanien drastischere Auswirkungen auf den Alltag als in Deutschland. „Wir haben alle Ausgangssperre“, berichtet Daniele Marino. Zu den Untersuchungen im Krankenhaus durfte zuletzt nur noch ein Elternteil mit. Auch Einkaufen als Paar ist nicht mehr erlaubt. „Ich wurde schon mehrfach von der Polizei kontrolliert“, sagt der Familienvater, der sich aber insgesamt in Spanien gut aufgehoben fühlt. „Beim Einkauf sind Mundschutz und Handschuhe Pflicht“, sagt er. Einweghandschuhe würden am Ladeneingang ausgegeben. Über die Hamsterkäufe in Deutschland wundert er sich. „Hier gibt es alles, auch Klopapier.“

Aber was es nicht gibt, ist die Möglichkeit, mit der Familie nach draußen zu gehen. Der Balkon des angemieteten Appartements muss genügen. Michele hat damit offenkundig kein Problem. „Er ist fit und spielt, er ist glücklich, trinkt und isst gut“, sagt sein Vater. Nach der Chemotherapie komme Michele wieder langsam zu Kräften. „Er hat auch zugenommen.“ Die Antikörpertherapie wird alle noch einmal fordern. Auch zeitlich. „Wir haben die Wohnung bis Ende Oktober gemietet“, berichtet Daniele Marino.

Wenn die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie irgendwann gelockert werden sollten, kann die Familie bis dahin vielleicht doch noch Barcelona erkunden und ein wenig den spanischen Sommer genießen. Am 26. Juni steht zudem eine Feier im Ausland an: der dritte Geburtstag von Michele. Bei der Rückkehr in Deutschland erwartet alle wohl bereits kühles Herbstwetter. Aber das Wichtigste: Es könnte ein Familienleben ohne stete Sorge um die Gesundheit von Michele beginnen.

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