Alles klebt am richtigen Fleck: Donald Trump von hinten Foto: imago/MediaPunch/Ron Sachs

Haare sind beileibe keine Nebensache und Friseure möglicherweise ein sträflich unterschätzter Berufsstand. Der Schriftsteller und Theologe Paul-Henri Campbell kann die soziale Metaphorik deuten, die die Leute auf den Köpfen tragen.

Die Recherchen zu seinem Buch „Tonsur, Schleier, Vokuhila“, über Haar und Religion, das im Herbst erscheinen soll, haben bei Paul-Henri Campbell keine auffälligen Spuren hinterlassen. In Wien, wo er lebt, frequentiert er, wenn es sein muss die Filiale einer Friseurkette. Dabei kann man mit seinem Kopfputz Politik machen, und manche Prominente geben für ihre Frisuren soviel aus, dass einem die Haare zu Berge stehen.

 

Herr Campbell, man würde Haare ja für etwas Profanes halten, wie sind sie mit dem Bereich des Religiösen verflochten?

Haare haben mit dem Erscheinungsbild von Menschen zu tun. Es gehört zu ihrem Glanz, wie sie uns entgegentreten, zu ihrer Präsenz und zu ihrer Wucht. Möglicherweise hat es die christliche Religion etwas vernachlässigt, sich an der Erscheinung des Menschen zu erfreuen. Haare haben auch etwas Unverfügbares: Wenn wir erschrecken, stellen sie sich auf, sie fallen aus, wann sie wollen oder verfärben sich, ohne dass wir einen Einfluss darauf haben, wenn wir nicht gerade tönen. Die antike Medizin hat sie zu den Seelenorganen gezählt.

Paul-Henri Campbell Foto: www.imago-images.de/via www.imago-images.de

In der Bibel gibt es ja durchaus ein paar prominente Haarträger. Man könnte Dalila, die Samson die Haare abschneidet, als erste Friseurin bezeichnen, mit fatalen Folgen für den Frisierten.

Bei Samson sind die Haare Ausdruck seiner Kraft, er kann Bäume ausreißen, dann werden sie ihm abgeschnitten, doch der Herr lässt sie wieder wachsen, und die Kraft kehrt zurück. Aber dann gibt es auch noch Judith. Während die Stadt von dem assyrischen Feldherrn Holofernes belagert wird, macht sie sich die Haare schön, um ihn zu bezirzen, und als sie ihm das Haupt abschlägt greift sie es am Schopf. Dieses Am-Schopf-Packen ist eine Befreiungsgeste. Auf ähnliche Weise präsentiert Salome den Kopf Johannes des Täufers, da ist es aber eine Demütigung. Welche Bedeutung die Zeichen annehmen, hängt immer vom Kontext ab.

Judith mit dem Haupt von Holofernes der italienischen Barock-Malerin Lavinia Fontana Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Zoonar.com/Bartomeu Balaguer Rotger

Das sind nun allerdings extreme Frisurbeispiele, Radikalrasuren. Wie sieht es bei Christus aus?

Gerade das Haar erregt bei Christus immer wieder Aufsehen. Es gibt holzgeschnitzte Darstellungen, bei denen aber das Haar echt ist. Oder denken Sie an dieses Bild, das in diesem Jahr vor Ostern in Spanien hitzig debattiert wurde: dieser super gut aussehende J.C., langes Haar, getrimmter Bart und vorne total gewachst – all dies ist Teil des menschlichen Glanzes.

Auf der diesjährigen Semana Santa in Sevilla erregte dieses Jesus-Plakat des Künstlers Salustiano Garcia Cruz Aufsehen. Foto: Uncredited/Consejo de Hermandades de Sevilla/AP/dpa

Wie erreicht das die politische Sphäre, was will uns beispielsweise Donald Trump mit seiner Frisur sagen?

Die Frisur, die zu seinem Markenzeichen wurde, soll Vitalität, Jugendlichkeit und Kraft signalisieren. Aber man begegnet dieser sozialen Metaphorik auch bei anderen, dem demokratischen Senator Bernie Sanders etwa. Oder bei Albert Einstein. Das sind ikonische Momente, Attribute, die sich als Alleinstellungsmerkmal eignen. Das ist das eine. Das andere ist eine Körperpolitik mit sich selbst: Frauen, die sich die Haare ganz kurz scheren, pink färben oder sich die Beinhaare wieder wachsen lassen. Auf der Toilette bin ich neulich dem feministischen Aufkleber einer am ganzen Körper mit Haaren bedeckten Zeichentrickfigur begegnet. Die Politik des Haares ist etwas Essenzielles, weil sie auffällt und zeigt, wie man tickt.

Aber kann der Schuss nicht nach hinten losgehen? Irgendjemand hat einmal gesagt, Trump sei für ihn schon deshalb eine Witzfigur, weil er so tun würde, als ob er keine Glatze hätte.

Zu dieser ins Absurde tendierenden Selbstbestimmung gehört die Verleugnung des Körpers dazu. Sie basiert auf Unmengen Haarspray und einem mit der Haarfarbe genau abgestimmten Make-up. Auch der frühere österreichische Kanzler Sebastian Kurz hat das Haar als Zeichen seiner Jugendlichkeit eingesetzt. Ich habe in Wien mit seinem früheren Friseur gesprochen und gefragt, ob dieser wirklich so viele Wirbel gehabt habe? Nein, nein, schönes Haar habe er gehabt, aber keine Wirbel.

Von Meisterhand frisiert: der frühere österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz Foto: www.imago-images.de/TOBIAS STEINMAURER via www.imago-images.de

Im Gegensatz zu Trump war seine Jugendlichkeit wenigstens echt.

Bei Trump weiß man nicht, ob irgendetwas an seinem Haar echt ist. Aber die Kontroverse ist Teil seiner Selbstdarstellung. Das ist die Kunst von solchen Rattenfängern und Verführern, dass sie genau wissen, wie sie den Leuten etwas geben, worüber sie reden können.

Auch der Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl hat eine ziemlich aufwendige Frisur, gibt es eine populistische Haarsprache?

Vielleicht gibt es eine gewisse populistische Penetranz, die bis in die Haarspitzen reicht. Aber es verwischt sich heute etwas, weil der Undercut, dieses streng Rasierte mit auffälliger Scheitelsetzung, mittlerweile sehr populär geworden ist. Aber Ex negativo könnte man zum Beispiel schon sagen, dass jemand wie der Gesundheitsminister von der SPD Karl Lauterbach eher kein ausgeprägtes Verhältnis zu seinen Haaren pflegt.

Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel: auch das eher Unspektakuläre hat seinen Preis. Foto: www.imago-images.de/Chris Emil Janssen via www.imago-images.de

Kann man sagen, am glaubwürdigsten wären Politiker mit unauffälligen Frisuren?

Da muss man vorsichtig sein. Vor Kurzem machten die horrenden Friseurrechnungen der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock die Runde. Ähnliches weiß man von Hillary Clinton oder Angela Merkel.

Angela Merkel?

Ja, auch eine eher unspektakuläre, auf praktisch getrimmte Frisur hat ihren Preis. Sie muss sicherstellen, dass man immer genau gleich aussieht. Außerdem können Leute auf diesem Level nicht jeden Beliebigen an sich heranlassen. Das ist auch eine Frage der Sicherheit.

So einen originellen Schnitt darf nur der „geliebte Führer“ Kim Jung-un aus Nordkorea tragen. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/KCNA

In Nordkorea gibt es strenge Vorgaben für Frisuren, die der sozialistischen Lebensweise entsprechen. Und die Haartracht von Kim Jong-un wiederum ist nur dem „geliebten Führer“ selbst vorbehalten.

Das gab es auch im Mittelalter und der Renaissance: Ob die Haare von Männern gewellt sein dürfen, ob sie tonsuriert sein müssen, unterlag strikten Vorschriften. Das eine sind emanzipatorische Körperpolitiken, die aus der Selbstbestimmung entstehen. Auf der anderen Seite gibt es die Festschreibung, das Bestreben, das Regiment auf den Körper zu übertragen, ihm vorzuschreiben, wie er sein soll.

Gibt es heute noch Friseure, wo man sich eine ordentliche Tonsur scheren lassen kann?

Ich war neulich in Wien in einem Zisterzienser-Kloster zum Mittagsgebet eingeladen. Da saß ich neben einem französischen Benediktiner, der mir erzählt hat, dass es in Frankreich offenbar zwei, drei sehr, sehr konservative Klöster gibt, wo die Tonsur noch freiwillig getragen wird.

Auch nicht schlecht: die Tonsur des spanischen Inquisitors Kardinal Cisneros Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Antonio Roca Sallent (1813-1864)

Die eigentlichen Akteure sind ja gar nicht die Haarträger, sondern die Friseure, die Propagandisten der sozialen Metaphorik auf den Köpfen. Haben wir den Berufsstand bisher unterschätzt?

Absolut: Es gab in Deutschland im Jahr 2022 rund 120000 Friseure. Man muss hochrechnen, auf wie viele Stunden körpernaher Dienstleistung man da täglich kommt. Und dann gibt es nicht nur den Durchschnittsfriseur, sondern natürlich auch den Avantgardisten, den Stylisten, der auch an Köpfen arbeitet, die medial sehr präsent sind.

Wie sieht es mit dem Geschlechterverhältnis aus?

In Österreich ist die Anzahl der Männer im Berufsfeld Friseur in den letzten zehn Jahren um 71 Prozent gestiegen. In Deutschland wird das nicht anders aussehen. Das heißt, es ist bei Friseuren mehr für Geschlechtergerechtigkeit getan worden als bei Lehrern, Krankenpflegern, Kindergärtnern. Das hat natürlich mit den gewandelten Geschlechterrollen unserer Gesellschaft zu tun. Männer getrauen sich inzwischen mehr, ihre softe Seite hervorzukehren, sich ihr Gesicht massieren zu lassen, sich gewagte Frisuren zuzulegen oder einfach auch nur mit ein paar Leuten, mit denen man sonst nichts zu tun hat, ein bisschen zu quatschen.

Info

Autor
Paul-Henri Campbell, geboren 1982 in Boston, studierte katholische Theologie und klassische Philologie in Frankfurt/Main sowie an der National University of Ireland, Maynooth. 2017 erhielt er den Bayerischen Kunstförderpeis und 2018 den Herrmann-Hesse-Förderpreis. Er veröffentlichte die Gedichtbände „Space Race“ (2015) und „nach den narkosen“ (2017) sowie den Interviewband zu „Tattoos und Religion – Die bunten Kathedralen des Selbst“ (2019). Zuletzt erschien der Gedichtband „innere organe“ (2022). Er lebt in Unterfranken und Wien.

Buch
Für sein neues Buch „Tonsur, Schleier, Vokuhila“ (Wunderhorn Verlag) hat er hat sich mit Figaros, Hundefriseuren, mit Historikerinnen, Museumsmitarbeitern, Sozial- und Bibelwissenschaftlerinnen, Ordensleuten und anderen Experten aus Wien, Heidelberg, Triest und anderen Städten unterhalten. Es erscheint im September.