Tanklaster und Muldenkipper machen sich auf den Weg nach Osten – überführt von ehrenamtlichen THW-Leuten. Foto: Jürgen Bock

Deutschland unterstützt die Ukraine nicht nur mit Waffen. Auch schweres Gerät für den Wiederaufbau der Infrastruktur geht nach Osten. Die bundesweite Drehscheibe liegt in Baden-Württemberg. Ehrenamtliche Helfer des THW wickeln die Transporte ab.

Es ist eiskalt an diesem Morgen vor der riesigen Lagerhalle ganz im Osten Baden-Württembergs. Doch drin gibt es Licht, Strom, Heizung, heißen Kaffee. Und Frieden. Kein Vergleich zur Lage in der Ukraine. Dort leidet die Bevölkerung unter Krieg. Und jetzt im Winter besonders unter der gezielten Zerstörung der Infrastruktur. Genau deshalb herrscht auf dem Logistikgelände Hochbetrieb.

 

„Wir erreichen bisher ungekannte Dimensionen. Da sind wirklich Monsterteile dabei“, sagt Bernd Urban. Der groß gewachsene Mann muss sich dabei mächtig nach hinten lehnen, um den oberen Rand des gewaltigen Muldenkippers zu sehen, vor dem er steht. Ein weiteres solches Fahrzeug parkt daneben, dazu zwei Tankwagen. Alle vier werden an diesem Tag vom Logistikzentrum Baden-Württemberg des Technischen Hilfswerks (THW) aus in Richtung Osten starten. Als Unterstützung für die Ukraine.

Urban leitet das erst vor wenigen Monaten eröffnete Areal. Wo genau es liegt, soll aus Sicherheitsgründen vorerst nicht erwähnt werden. Schließlich ist es die bundesweite Hauptdrehscheibe für die zivilen Hilfslieferungen Deutschlands. Denn die Bundesregierung liefert nicht nur Kriegsgerät an die Ukraine, sondern auch Material für den Wiederaufbau der zerbombten Infrastruktur. Abgewickelt wird das vom THW – und neben drei weiteren Standorten in anderen Bundesländern übernimmt den mit Abstand größten Teil das Logistikzentrum Baden-Württemberg.

Die Palette ist enorm. „Unser Gelände ist voll belegt“, sagt Urban. Feuerwehrfahrzeuge stehen da, Schneepflüge, Pumpen, Baumaschinen, Duschcontainer. Waren am Anfang Feldbetten und Schlafsäcke gefragt, geht es jetzt vor allem um schweres Gerät. Zwei bis drei Konvois verlassen pro Woche das Areal. 470 große Stromgeneratoren sind für die Ukraine bisher vorgesehen, ein Teil ist bereits auf die Reise gegangen. Für deren Betrieb werden Tankwagen mitgeschickt. „Hier steht eine Heizleistung für 25 000 Menschen. Nichts wird blind rausgeschickt, alles geht nach Bedarf“, sagt Urban. Innenministerium und THW ließen sich auch keinen Schrott zu überhöhten Preisen andrehen.

Noch etwas ist Urban wichtig: Was in die Ukraine geht, wird nicht aus den Beständen für die Versorgung der deutschen Bevölkerung abgezwackt, sondern separat besorgt. Denn auch für den heimischen Krisenfall, etwa neuerliche Hochwasserkatastrophen, lagert hier viel Hilfsmaterial. Die Büro- und Lagerflächen sind so groß wie vier Fußballfelder. In der Halle ziehen sich die Hochregale weit nach oben. „Hier ist Platz für 20 000 Paletten“, sagt Urban.

Ehrenamtliche stemmen die Hauptarbeit

Er ist einer der wenigen Hauptamtlichen, die hier im Einsatz sind. Der allergrößte Teil der bundesweit 80 000 THW-Leute arbeitet ehrenamtlich. Und so ist es auch hier. Fast alle Helferinnen und Helfer, die die Hilfstransporte Richtung Osten planen, organisieren und übernehmen, tun das in ihrer Freizeit. Oder sie werden vom Arbeitgeber dafür freigestellt. Bei voller Bezahlung, das ist gesetzlich so geregelt. Die Firmen bekommen den Ausfall auf Antrag ersetzt. Probleme gibt es dabei in der Regel keine – und die Bereitschaft bei den THWlern ist derzeit groß. Das war bei der Flut im Ahrtal so, als 2000 Einsatzkräfte aus Baden-Württemberg eingesetzt waren, und das ist auch in Sachen Ukraine-Hilfe so.

In einem großen Raum sitzen zwölf Männer in THW-Uniform. Sie beschnuppern sich bei einem Kaffee ein bisschen, denn sie gehören zu unterschiedlichen Ortsverbänden im ganzen Land. Sie kommen aus Stuttgart, Leonberg, Ludwigsburg, Horb oder Rottenburg. Sie arbeiten beim Landratsamt, für die Autobahngesellschaft oder studieren noch. Zwei Transporte rollen an diesem Tag los. Der erste ist bereits auf der Straße, das Überführungsteam für den zweiten wird hier vorbereitet. Die zwölf Helfer werden die zwei großen Muldenkipper und die beiden Tankwagen draußen auf dem Hof in den nächsten Tagen Richtung Kriegsgebiet bringen. Es geht in den Osten Polens, wo ukrainische Zivilschützer das Material übernehmen sollen.

Alle sind zum ersten Mal in Sachen Ukraine unterwegs

Bei der Einweisung wird schnell klar: Es ist für alle der erste Auslandseinsatz in Sachen Ukraine. Die Stimmung wirkt trotzdem sehr entspannt. Wie viele Kilometer am Tag sind geplant? Wo wird übernachtet? Sind Vegetarier dabei? Was tut der Konvoi-Leiter, falls es Schwierigkeiten an einem Grenzübergang gibt? Und nicht erst tanken, „wenn’s rote Lichtle leuchtet“. All das sind praktische Fragen, die geklärt werden müssen. Dann geht’s los in Richtung Hof.

Draußen beladen die Männer die beiden Begleitfahrzeuge des THW, mit denen alle nach erfülltem Auftrag wieder nach Hause zurückfahren werden. Auch Benjamin Heller verstaut Material. Dem 38-Jährigen aus Horb am Neckar kommt eine nicht unbedeutende Rolle zu. Denn er ist gelernter Kfz-Mechaniker. Solche Leute hat man auf Fahrten immer gern dabei. „Das ist mein erster Auslandseinsatz“, erzählt er. Erfahrung bringt er trotzdem viel mit. „Ich war im Ahrtal, habe lange als THW-Zugführer gearbeitet, auch beim Aufbau von großen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland geholfen“, erzählt er. Sein Arbeitgeber spiele zum Glück mit: „Es gab eine Abfrage für den Ukraine-Einsatz. Ich habe das mit meinem Chef abgeklärt, und er hat grünes Licht gegeben.“

Enormer Aufwand für Organisation

Alle Helfer hier einen zwei Dinge: Das Interesse an Technik und der Wille, etwas Sinnvolles zu tun. Das gilt nicht nur für die Ehrenamtlichen, die Hilfsgüter Richtung Ukraine bringen. Sondern auch für die Mannschaft dahinter. Im Büro sitzt Klaus Bachofer vom Ortsverband Leonberg. Er ist zwar im Ruhestand, aber gerade deshalb sehr beschäftigt – denn er arbeitet seit einem Monat die komplette Woche über ehrenamtlich im Logistikzentrum bei der Einsatzplanung. Und das wohl auch noch für die nächsten Monate. Denn bevor überhaupt jemand auf die Straße kommt, gibt es hier viel zu tun.

„Wenn die Politik eine entsprechende Entscheidung trifft, kann es sein, dass eine Anforderung an uns mittwochs kommt, und freitags geht schon der Transport raus“, erzählt Bachofer. Rund um die Uhr müsse man ansprechbar sein. An einer Karte zeigt er die Hauptrouten. Die THW-Helfer fahren – anders als Züge oder Speditionen, die teils auch eingesetzt werden – nie direkt ins Kriegsgebiet, sondern an die ukrainische Grenze. Das kann in Polen sein oder in Moldau. An diesem Tag wird eine Mannschaft aus Rumänien zurückerwartet. Die genauen Ziele sind geheim.

Große Bereitschaft bei Helfern

Je nach Route fallen die Transporte mal mehr, mal weniger abenteuerlich aus. Dass alles möglichst glattgeht, hängt auch an Bachofer und den anderen Organisatoren in der Einsatzzentrale. Sie nehmen die Anforderungen entgegen, koordinieren das eintreffende Material, sorgen dafür, dass die Fahrzeuge zum Tüv kommen, eine Mautbefreiung und Überführungskennzeichen erhalten. Sie legen die Strecken fest, buchen Hotels und starten die Abfragen nach Helfern. „Die Bereitschaft ist zum Glück überwältigend“, freut sich Bachofer. Das macht vieles leichter.

Draußen vor der Halle machen sich die zwölf Männer inzwischen mit den großen Fahrzeugen vertraut. Benjamin Heller wird am Steuer eines Tanklasters sitzen. Alles wird eingestellt, dann geht der Daumen hoch. Noch ein schnelles Gruppenbild vor den Autos, dann dröhnen die Motoren, der Konvoi rollt vom Hof. In vier Tagen werden die THW-Helfer zurück sein.