Für Tausende Kinder und Jugendliche mit überforderten Eltern oder zerrütteten Familien sind Heime ein Ersatz-Zuhause. Für die meisten zeitweise, für manche, bis sie volljährig sind. Foto: dpa

Care Leaver heißen junge Erwachsene, die in Heimen und Pflegefamilien aufwachsen. Mit 18 sollen sie plötzlich auf eigenen Beinen stehen. Wir haben mit einem dieser Heimkinder gesprochen.

Stuttgart - Manchmal wundert sich Adonis (Name geändert), dass er überhaupt studiert. Klar, er habe „ein paar schlaue Gene“, sagt er und lacht. Im Oktober beginnt das fünfte Semester seines Physik-Studiums an der Universität Stuttgart. Der 20-Jährige weiß natürlich, dass sein Leben auch ganz anders hätte verlaufen können. Vier Jahre – mit Unterbrechungen von 2006 bis 2012 – hat er in einem Kinderheim im Stuttgarter Osten verbracht.

Adonis (20): „Ich musste schon früh erwachsen werden“

Adonis ist ein Care Leaver. So heißen junge Erwachsene, die im Heim oder in einer Pflegefamilie aufgewachsen sind und mit der Volljährigkeit in der Regel auf eigenen Beinen stehen müssen. Ausgerechnet beim schwierigen Übergang ins Erwachsenenalter brechen bei den meisten die bisherigen Hilfen und Bezugspersonen weg.

Adonis’ Eltern sind Griechen. Aufgrund der „schwierigen finanziellen Situation zu Hause“ seien er und sein ein Jahr jüngerer Bruder ins Heim gekommen. Das Abitur hat er mit einem Notenschnitt von 2,0 bestanden, sein Bruder sogar mit 1,6. „Schule war das, woran ich mich im Heim halten konnte“, sagt er. „Ich habe von mir aus einen großen Antrieb und musste schon früh erwachsen werden.“ Zu seiner Mutter habe er heute regelmäßigen, zu seinem Vater nur sporadischen Kontakt. „Es ist gut zu wissen, dass meine Mutter immer für uns da ist. Sie ist stolz auf mich und meinen Bruder.“

Care Leaver seien gleich doppelt benachteiligt, erklärt die Diplom-Sozialarbeiterin Britta Sievers. „Zum einen haben sie es aufgrund ihrer Biografie meist sehr viel schwerer, zum anderen müssen sie früher als andere in ihrem Alter ihr Leben alleine bewältigen.“ Oft hätten sie auch keine Rückkehroptionen. „Sie bekommen keine Unterstützung wie andere Gleichaltrige von der Familie – beim Wäschewaschen, bei der Wohnungssuche oder beim Geld.“ Ihre weiblichen Altersgenossen leben im Durchschnitt bis zum 24. Lebensjahr bei den Eltern, junge Männer sogar bis 26.

Britta Sievers arbeitet bei der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGFH) in Frankfurt am Main. 2012 hat die IGFH zusammen mit dem Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim das Projekt „Care Leaver in Deutschland“ gestartet, das noch bis Mai 2016 läuft. Außer einer Studie aus den 1980er Jahren hatte es bis dahin keine Untersuchungen zu dieser Gruppe gegeben.

Nur ein Prozent der Care Leaver studieren

Rund 180 000 junge Menschen leben bundesweit in Heimen, Wohngruppen und Pflegefamilien. In Deutschland weiß man wenig über ihren Lebensweg nach dem Ende der Hilfe. Aus internationalen Forschungsarbeiten ist aber bekannt, dass ihre Bildungsabschlüsse deutlich schlechter sind als die ihrer Altersgenossen, sie im Vergleich mehr staatliche Hilfen erhalten und früher eigene Kinder haben.

Zudem würden Care Leaver häufiger durch das Netz der Sozialleistungssysteme fallen, so Britta Sievers. „Bei den Obdachlosenstellen hat die Zahl der jungen Menschen stark zugenommen. Viele von ihnen haben auch im Heim oder in einer Pflegefamilie gelebt.“

Die Aufgabe von Heimen und Pflegefamilien ist es, Heranwachsende aus schwierigen Lebensverhältnissen aufzufangen und Defizite auszugleichen. Viele von ihnen wurden in ihren Herkunftsfamilien vernachlässigt, geschlagen und missbraucht, viele sind traumatisiert. Der Werdegang von Adonis und seinem Bruder ist unter Care Leavern die große Ausnahme. Gerade mal ein Prozent von ihnen studiert, während die Studierendenquote in Deutschland laut OECD-Bildungsbericht derzeit bei 53 Prozent eines Jahrgangs liegt.

„Hilfen bis 21 sind schon Luxus“

In Paragraf 41 des Achten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB) heißt es: „Einem jungen Volljährigen soll Hilfe für die Persönlichkeitsentwicklung und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung gewährt werden, wenn und solange die Hilfe aufgrund der individuellen Situation des jungen Menschen notwendig ist.“ Die Hilfe wird bis zur Vollendung des 21. Lebensjahres gewährt, in begründeten Einzelfällen auch darüber hinaus.

Dieser Paragraf würde von Kommune zu Kommune, von Sachbearbeiter zu Sachbearbeiter sehr unterschiedlich ausgelegt, betont Britta Sievers. „Die Behörden können Hilfen gewähren, machen das aber fest an der Mitarbeit der Jugendlichen.“ Die gesetzlichen Vorgaben seien eindeutig, doch in der Praxis hapere es an vielen Stellen. „Vom Gesetz her können Hilfen bis 27 gewährt werden.“ Nur sei das faktisch fast nie der Fall. „Bis 21 ist in der Regel schon Luxus.“

29 Milliarden Euro für die Kinder- und Jugendhilfe

Rund 29 Milliarden Euro gibt der Staat pro Jahr für die Kinder- und Jugendhilfe aus (Zahlen für 2010). Nach Angaben der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik gehen knapp 18 Milliarden in die Kindertagesbetreuung. 6,9 Milliarden kosten die Hilfen zur Erziehung, die Erziehungsberatung, ambulante Hilfe und Fremdunterbringung in Heimen und Pflegefamilien umfassen.

Davon wird jeder zweite Euro für Heimerziehung und betreutes Wohnen ausgegeben. Die Unterbringung dort kostet 3000 bis 4000 Euro – so viel wie ein Platz im Seniorenheim. Britta Sievers: „In Deutschland steckt man sehr viel Geld in die Kinderbetreuung und Prävention. Wenn die Jugendlichen dann 18 sind, lässt man sie relativ schnell fallen.“

Der Weg in die Selbstständigkeit ist für Care Leaver voller Stolpersteine. Anders als die meisten Gleichaltrigen verfügen sie weder über stabile familiäre Netzwerke noch über ausreichende finanzielle Mittel. Gleichzeitig wird von ihnen erwartet, dass sie schneller erwachsen werden und ohne fremde Hilfe auf eigenen Beinen stehen.

Yuki (20): „Ich kann mich ganz gut durchs Leben schlagen“

Yuki (Name geändert) wurde 1993 in Deutschland geboren. Ihre Eltern stammen aus China. 2008 kam sie in ein Stuttgarter Kinderheim, wo sie drei Jahre lang wohnte. „Zu Hause war es nicht so harmonisch. Ich habe Hilfe beim Jugendamt gesucht und bin dann im Heim gelandet.“ Als sie mit 18 Jahren in eine eigene Wohnung zog, wurde sie weiter von einem Sozialarbeiter betreut. „Ich habe fast ein Jahr lang eine Wohnung gesucht. Das war frustrierend, aber die Betreuer haben mich motiviert und mir Tipps gegeben.“ Alleine zu wohnen habe seine Vorteile, meint die 20-Jährige. Manchmal fühle sie sich aber ziemlich einsam, weshalb sie auch in eine WG umziehen wolle.

Yuki ist stolz darauf, dass sie von ihrem Job in der Gastronomie ihre Miete selbst zahlen kann. Vergangenes Jahr hat sie ihr Fachabitur gemacht, demnächst will sie studieren – Molekularbiologie oder Chemie. „Irgendwann möchte ich mir etwas Eigenes aufbauen und vielleicht ein Restaurant eröffnen.“ Wenn sie Probleme hat, könne sie sich an ihren früheren Betreuer wenden. „Letztendlich komme ich klar und kann mich ganz gut durchs Leben schlagen.“

Jim (25): „Die Zeit im Heim hat mir viel gebracht“

Jim hat im vergangenen Jahr seine Ausbildung zum Restaurantfachmann abgeschlossen. Jetzt hat der 25-Jährige eine Festanstellung in einem Stuttgarter Restaurant. Als er zehn Jahre alt war, kam Jim mit seinem älteren Bruder in ein Stuttgarter Kinderheim, wo er von 1999 bis 2006 lebte. „Meine Mutter sagte uns damals, dass wir aus schulischen Gründen ins Heim müssten. Über die wirklichen Gründe, Vernachlässigung und Verwahrlosung, wollte sie nicht sprechen.“

Nach langer Zeit ohne Kontakt zu seiner Mutter, kamen sich beide wieder näher. „Wir arbeiten daran, offen und ehrlich miteinander umzugehen. Das war für uns in den letzten acht Jahren anstrengend, aber wichtig“, erzählt Jim. „Heute sehe ich, dass sie uns nur vor unserem gewalttätigen, alkoholkranken Vater beschützen wollte und ihr irgendwann die Kraft ausging.“

Mit 15 begann er eine Gärtnerlehre. Zwei Jahre später zog er aus dem Heim in eine WG. „Die Betreuer haben mir eine gesunde Portion Egoismus, Selbstständigkeit und Voraussicht mit auf den Weg gegeben, damit ich meinen Alltag meistern kann. Die Zeit im Heim hat mir viel gebracht.“ Die ersten zwei Jahre nach dem Auszug seien ziemlich hart gewesen. „Es war sehr schwer am Anfang mit dem Azubi-Gehalt klar zu kommen. Die Unterstützung durch das Jugendamt und die Familienkasse hat auch nicht richtig funktioniert.“ Die Betreuer waren immer für ihn da und doch fühlte sich Jim nie richtig geborgen. „Keinen familiären Rückhalt zu haben, war für mich das Schwerste.“

Mittlerweile ist er mit seinem Leben zufrieden. „Ich komme gerne nach Hause in meine WG und bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Mir ist wichtig, dass ich finanziell abgesichert bin und reisen kann.“ Irgendwann will er mit seiner Freundin eine eigene Wohnung haben, eine „französische Bar“ führen und eine Familie gründen. „Meinem Kind will ich ein sicheres Zuhause bieten, wo es immer willkommen ist und sicher und gut aufwachsen kann.“

Sascha (30): „Ohne Freunde hätte ich das Studium nicht geschafft“

Sascha hat im Frühjahr in Tübingen sein Biologie- und Chemiestudium für das Lehramt an Gymnasien beendet. Mit 14 Jahren hielt er es zu Hause nicht mehr aus und zog in eine Wohngruppe bei Herrenberg. „Die Situation daheim war extrem stressig und belastend. Meine Mutter hatte mit 23 schon vier Kinder, ich war das Älteste. Mein Vater war Alkoholiker und gewalttätig. Nach der Scheidung war sie alleinerziehend.“

Mit 19 hatte Sascha eine eigene Wohnung, machte Abitur und begann nach dem Zivildienst 2006 mit dem Lehramtsstudium. „Im Heim hatte ich viel Unterstützung durch Erzieher und Sozialarbeiter, mit denen ich heute noch Kontakt habe und die mich auf die Selbstständigkeit vorbereitet haben. Aber wenn man wie die meisten Heimkinder mit 18 aus der Betreuung rauskommt, ist man erst mal komplett auf sich allein gestellt.“

Das Studium sei für ihn komplettes Neuland gewesen, in dem er ohne die finanzielle und emotionale Unterstützung durch Eltern und Verwandte auskommen musste, sagt Sascha. „Ich habe mit anderen Care Leavern gesprochen und festgestellt, dass viele auch psychisch mit ihrer Biografie zu kämpfen haben. Ohne Freunde und deren Eltern hätte ich mein Studium nicht gepackt.“

Anja (20): „Es wird viel von einem verlangt“

Anja (Name geändert) war erst drei Jahre alt, als ihre Familie auseinanderbrach. „Meine Mutter war psychisch krank und meine Eltern konnten sich nicht mehr um mich und meine vier Geschwister kümmern.“ Wie ihr älterer Bruder wurde sie in einem Stuttgarter Kinderheim untergebracht, ihre wenige Monate alte Schwester wurde zur Adoption freigegeben, die beiden kleineren Brüder kamen in eine Pflegefamilie. 15 Jahre lebte sie in dem Heim, bis sie Ende 2013 in eine eigene Wohnung zog.

In einem Stuttgarter Krankenhaus machte Anja ihr Freiwilliges Soziales Jahr. In wenigen Wochen beginnt die dreijährige Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Was sie in den vielen Jahren im Heim am meisten vermisste, war keine eigene Familie zu haben. „Ich hatte das Glück, dass ich Betreuer hatte, mit denen ich aufgewachsen bin. Aber das konnte die Familie nicht ersetzen.“

Mit dem Sprung in die Selbstständigkeit käme sie gut klar, meint Anja, manchmal sei sie aber noch etwas überfordert. „Es wird von einem viel verlangt, dass man selbstständig ist und alleine klar kommt. Manchmal ist es schon ziemlich schwer, weil man keine Familie und kein Zuhause hat, in das man gehen könnte.“

„Leben ohne ein gesichertes familiäres und soziales Netz“

Den meisten Care Leavern verhilft nur Glück, der Zufall oder der eigene Wille zu einer Bildungskarriere. „Junge Care Leaver werden frühzeitig in die Selbstständigkeit – in der Regel ohne ein gesichertes familiäres und soziales Netz – entlassen“, heißt es im gemeinsamen Abschlussbericht der IGFH und Universität Hildesheim.

Dass etwas in Bewegung geraten ist, beweist nicht nur das große Medieninteresse, sondern auch die Gründung eines Care-Leaver-Netzwerkes im vergangenen Jahr. Dessen Mitglieder treffen sich regelmäßig, machen Filme und Flyer und wollen, dass „Care Leaver mehr im öffentlichen Bewusstsein sind und dass es Strukturen gibt und Hilfen an die sich Care Leaver wenden können“, wie es Sascha ausdrückt.

„Kinder und Jugendliche aus der Jugendhilfe sind nicht schwierig, sondern müssen mit schwierigen Lebensverhältnissen umgehen“, heißt es auf der Homepage des Netzwerkes (www.careleaver.de). „Wir wünschen uns Anerkennung für unsere Leistungen: die Vergangenheit zu bewältigen und trotz Unsicherheiten in die Zukunft zu blicken!“

Info: Hilfen für Heimkinder

Wissenschaftliche Forschung

Erst seit wenigen Jahren ist die Gruppe der Care Leaver in den Fokus von Pädagogen und Sozialforschern gerückt. Im Rahmen des Forschungsprojekts „Nach der stationären Erziehungshilfe – Care Leaver in Deutschland“ der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (www. igfh.de) und des Instituts für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim ( www.uni-hildesheim.de/fb1/ institute/institut-fuer-sozial-und-organisationspaedagogik/forschung/aktuelle-projekte/careleaver ) finden sich unter dem Stichwort „Care Leaver“ Berichte, Expertisen, Flyer und Vorträge zu rechtlichen, sozialen, pädagogischen und psychologischen Aspekten.

Kinder- und Jugendstatistik

Die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik hat einen „Monitor Hilfen zur Erziehung 2012“ vorgelegt mit umfangreichen Material zur Kinder- und Jugendhilfe-Statistik vorgelegt (www.akjstat.tu-dortmund. de/fileadmin/startseite/monitor_hze_ 2012.pdf).

Netzwerk ehemaliger Heimkinder

„Careleaver Deutschland“, ein Netzwerk ehemaliger Heimkinder, das sich 2013 im Rahmen des Care-Leaver-Projekts gegründet hat, informiert auf seiner Homepage über Aktivitäten und Angebote für studierwillige Care Leaver und stellt die Geschichten von Betroffenen vor. mb

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