Nur Mittelmaß: Die Bürger im Kreis wünschen sich eine bessere Gesundheitsversorgung. Foto: imago/Westend61/Xavier Lorenzo

Viele Umfrageteilnehmer des Heimat-Checks unserer Zeitung machen bei der Gesundheitsversorgung im Kreis Böblingen ihrem Unmut Luft: Zu wenig Ärzte, zu wenig freie Termine, zu lange Wartezeiten.

„Die Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“. Dieses Zitat wird dem Philosophen Arthur Schopenhauer zugeschrieben. Wie viel Wahrheit in dem Satz steckt, merkt man immer dann, wenn die Gesundheit Sorgen macht. Immer dann ist eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung wichtig. Davon ist auch die Bevölkerung im Kreis Böblingen überzeugt, die beim Heimat-Check teilgenommen hat. Weniger überzeugt sind die Teilnehmer aber von dem, was im Landkreis gesundheitlich geboten ist.

 

Mit einem Wert von 6,11 und Platz 9 von 14 Kategorien belegt die Gesundheitsversorgung nur einen Mittelfeldplatz. An der nicht repräsentativen, aber aussagekräftigen Umfrage teilgenommen haben kreisweit 3854 Leserinnen und Leser, die insgesamt 28 Fragen beantwortet und 1645 Meinungen und Kommentare zu den verschiedensten Themen hinterlassen haben. Beim Aspekt Gesundheitsversorgung sollten die Teilnehmenden das Angebot an Arztpraxen und anderen medizinischen Dienstleistungen wie Apotheken, Reha-, Physio- und Pflegeeinrichtungen bewerten.

Holzgerlingen führt die kreisweite Liste an

Am besten bewertet wird die Gesundheitsversorgung in Holzgerlingen, Deckenpfronn und Altdorf. Holzgerlingen erhielt 7,89, Deckenpfronn 7,12 und Altdorf 6,89 von 10 möglichen Punkten. In Holzgerlingen ist erst 2022 in der Hinteren Straße ein Haus mit Haus- und Fachärzten sowie weiteren Dienstleistungen im Gesundheitsbereich aufgebaut worden. Das könnte die positive Bewertung erklären. Die drei Schlusslichter der insgesamt 26 Städte und Gemeinden im Kreis heißen Steinenbronn (5,43), Sindelfingen (5,04) und Renningen (4,89). Auch die übrigen drei großen Kreisstädte Böblingen (Platz 22 und Wert 5,52), Leonberg (Platz 20 und 5,70) und Herrenberg (Platz 11 und 6,10) stechen nicht heraus.

Wer wissen möchte, warum es nach Meinung vieler Umfrageteilnehmer nicht so rosig um die gesundheitliche Infrastruktur bestellt ist, wird beim Lesen der Freifeld-Kommentare schlauer. Am häufigsten bemängelt werden der Ärztemangel und die Wartezeiten bei Fachärzten – Aspekte, die wohl in den meisten Landkreisen in Deutschland Kritikpunkte sind. Für Sindelfingen schreiben zwei Teilnehmer: „zu lange Wartezeiten, wenn man einen Arzt braucht“ beziehungsweise „für einen Facharzttermin warte ich Monate.“ Auch in Böblingen fällt das Urteil mager aus: „Wir haben zurzeit große Probleme, Arzttermine zu bekommen: Fast unmöglich einen Termin beim Haut- und Kinderarzt zu bekommen! Das ist schlimm!“. Ein weiterer Teilnehmer meint: „Es gibt zu wenig Fachärzte, bei zu vielen Aufnahmestopp.“

Kinderarztnot in Renningen hat Effekte auf Umkreis

Besonders schlecht scheint die Lage in Renningen. Mit Abstand am häufigsten kritisiert wird der Kinderarztmangel („Kein Kinderarzt“, „Ein Kinderarzt fehlt sehr, sehr!“). Seitdem im März 2022 der letzte Kinderarzt altersbedingt aufgegeben hat, ist die Not groß. Bislang konnte kein Nachfolger gefunden werden, der die Leerstelle füllen kann. Ein Umfrageteilnehmer sagt deshalb: „Ärztliche Versorgung (vor allem für Kinder) ist eine Katastrophe. Krank werden sollte hier besser keiner.“

Da auch in Städten wie Sindelfingen Kapazitäten ausgeschöpft sind, stehen einige Eltern ohne da („Wir finden keinen Kinderarzt für unsere Tochter!“). Dabei würde so manche Mutter wohl schon glücklich sein, wenn im Umkreis neue Spielräume geschaffen würden: „Als Mutter von drei Kindern fände ich einen Kinderarzt super. In der näheren Umgebung würde schon reichen, im Ort wäre Jackpot.“

Unerwähnt bleibt unterdessen auch das Großprojekt der Zukunft nicht, das besonders für eine verbesserte Gesundheitsversorgung stehen soll: das Flugfeldklinikum. Dass dort eine Großklinik entstehen soll, goutieren offenbar nicht alle Bürger des Kreises. So sagt ein Umfrageteilnehmer: „Der Bürgerwille wird ignoriert, sonst käme es auch nicht zum Großklinikum auf dem Flugfeld, sondern die renovierten Krankenhäuser in Böblingen und Sindelfingen hätten problemlos erweitert werden können.“ Ein anderer richtet einen Appell an die politischen Entscheidungsträger: „Hören Sie auf, alles auf das Flugfeld zu verlagern, denn die Menschen, die auf der anderen Seite von Böblingen leben, verlieren städtische Dienstleistungen, Gesundheitsdienste.“ Ein anderer Leser wählt besonders drastische Worte, um seiner Ablehnung für das rund 700 Millionen Euro teure Projekt Ausdruck zu verleihen: „Ein Krankenhausneubau mitten in der Stadt ist wohl an Dummheit nicht zu überbieten.“