Heim für minderjährige Flüchtlinge Keine Spur von Hotel Mama

Von Eberhard Wein 

Koita aus Mali sitzt über seinen Büchern. „Die Jugendlichen sind hoch motiviert“, sagen die Helfer. Foto: Horst Rudel
Koita aus Mali sitzt über seinen Büchern. „Die Jugendlichen sind hoch motiviert“, sagen die Helfer. Foto: Horst Rudel

Sie haben ihre Familien auf der weiten Reise verloren oder wurden von ihren Eltern alleine über das Mittelmeer geschickt: Jetzt leben 30 junge Flüchtlinge in einem ehemaligen Hotel in Salach und hoffen, dass die Schule bald los geht.

Salach - Im Hotel Klaus in Salach hat alles seinen Namen. Am Stuhl klebt ein Zettel mit der Aufschrift „Stuhl“, am Tisch klebt „Tisch“, am Fenster „Fenster“. Das hat nicht der Insolvenzverwalter des seit Jahren stillgelegten Hotelbetriebs angebracht, sondern eine von Claudia Beckers ehrenamtlichen Helferinnen. „Wir machen schon ein bisschen Sprachförderung, bevor die Schule anfängt“, sagt die Rathausanmitarbeiterin, die für die Integrationsarbeit zuständig ist. Einst stiegen Geschäftsleute in dem Drei-Sterne-Hotel ab – das Doppelzimmer mit Minibar und Fernseher zu 96 Euro. Jetzt leben dort 30 „Umas“, wie es im Behördendeutsch heißt: unbegleitete minderjährige Asylsuchende.

Und plötzlich ein Anruf aus Bayern

Es war kurz vor Weihnachten, als wieder einmal einer dieser Anrufe kam. „Wir schicken euch morgen sechs Flüchtlinge“, meldete das Landratsamt in Rosenheim. Und: eine Woche später sollten weitere 19 folgen. Doch diesmal war es nicht nur ein Unterbringungsproblem für das Sozialamt, diesmal musste sich auch der Jugendamtsleiter Lothar Hilger Gedanken machen. Denn die anvisierten Flüchtlinge waren erst 15 und 16 Jahre alt. „Wir brauchen amtliche Vormunde und eine pädagogische Betreuung“, sagt Hilger.

Dass jugendliche Flüchtlinge ohne Eltern einträfen, sei tatsächlich Neuland für seine Behörde. Klar, immer wieder habe es Einzelfälle gegeben. „Die haben wir in den bestehenden Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht.“ Doch diese stoßen im Kreis Göppingen inzwischen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Tischtennis unter der Stuckdecke

Normale Sammelunterkünften kamen nicht in Frage. So entschied sich der Kreis kurzerhand für die Eröffnung eines neuen Flüchtlingsheims speziell für Jugendliche. Das Hotel Klaus im Zentrum von Salach mit seinen sauber eingerichteten Zwei-Bett-Zimmern, mit den messingfarbenen Lämpchen an den Wänden und der falschen Stuckdecke im Frühstücksraum kam da wie gerufen. Alles stand noch da, wie in den 90er Jahren. Nur der Swimmingpool war nicht mehr in Betrieb.

Schon länger war die Immobilie als Flüchtlingsunterkunft im Gespräch gewesen. „Wir hatten alles für die Einquartierung von Familien vorbereitet“, sagt der Bürgermeister Bernd Lutz. Der Arbeitskreis Asyl hatte 30 Helfer rekrutiert, in den Kindergärten waren Plätze reserviert. „Alle diese Überlegungen waren plötzlich Makulatur, und wir mussten von vorn anfangen“, sagt Lutz. Nun brauchte es Kickerkasten und Tischtennisplatte. Immerhin, die eingesammelten Brettspiele konnte man noch brauchen. „Schach und Schwarzer Peter spielen die Jugendlichen unheimlich gern“, sagt Christina Bednarski.

Der erste Betreuer liegt schon flach

Die Awo-Mitarbeiterin betreut mit ihren Kollegen zehn junge Afghanen, sieben Gambier, drei Somalier, zwei Syrer und acht Jugendliche aus fünf weiteren Nationen in dem Haus. „Eigentlich sind wir sechs, aber ein Mitarbeiter hat sich beim Kicken mit den Jugendlichen die Achillessehne gerissen“, sagte der Göppinger Awo-Geschäftsführer Jürgen Hamann.

Es sind fast nur Jungs, die in Deutschland ankommen. Mädchen schicken die Familien wohl gar nicht erst allein los. Allerdings sind auch die Burschen nur zum Teil allein losgezogen. Manche haben auch, wie der 16-jährige Jawad, ihre Eltern unterwegs verloren. Bis zur irakisch-türkischen Grenze habe sich die fünfköpfige Familie aus Afghanistan durchgekämpft. Dann sei sie in einen Schusswechsel geraten. Drei Monate sei das her. „Ich habe nichts mehr von ihnen gehört.“

Der Afghane ärgert sich über den Afrikaner

Dafür hat er in Salach neue Freunde gefunden und ein Hobby entdeckt. Begeistert und ausgiebig wird gekocht. An einem einzigen Abend hätten die Jungs 180 Eier verarbeitet, sagt Bednarski. Anschließend werde die Küche vorbildlich gereinigt. Die Afghanen und Syrer haben dafür einen Putzplatz entwickelt. Doch wenn man Jawad auf die Afrikaner anspricht, rümpft er die Nase. „Die spülen nie ab.“

Ja, an manchen Dingen müsse man noch arbeiten, räumt Bednarski ein: Mülleimer leeren, die Waschmaschine richtig benutzen und die Eingangstür im Winter geschlossen halten. „Manche unserer Jugendlichen haben zu Hause in einer Strohhütte gelebt“, sagt sie entschuldigend.

Der Direktor sucht händeringend Lehrer

Hoch motiviert seien sie aber alle. Ein Stockwerk höher sitzt Koita aus Mali über seinen Büchern. Zwei Jahre hat seine Reise über Lybien und das Mittelmeer bis nach Italien gedauert. Jetzt möchte er schnell Deutsch lernen. Nach der Weihnachtspause müsste am Montag die Schule beginnen. „Unsere Jugendlichen sind alle schulpflichtig“, sagt Hilger.

Doch Manfred Roos, der Direktor des Berufschulzentrums in Geislingen, weiß noch nicht, wo er die Lehrer für die neuen Vorbereitungsklassen hernehmen soll. Der Unterricht wäre aber auch aus anderen Gründen wichtig. „Die Jugendlichen brauchen eine Struktur“, sagt Monika Maichl vom Arbeitskreis Asyl. „Am Vormittag läuft hier sonst gar nichts.“ Das dürfte auch den Eltern deutscher Teenager nur allzu bekannt vorkommen.

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