Salafisten verteilen in deutschen Innenstädten den Koran. Foto: dpa

Der in Israel und den USA lehrende Professor Assaf Moghadam erforscht, warum sich junge Menschen dem Dschihad zuwenden. Im Interview mit den Stuttgarter NAchrichten erklärt er die Mechanismen, die hier am Werk sind.

Herr Professor Moghadam, warum radikalisieren sich junge Menschen?
Da gibt es nicht den einen Grund, aus dem junge Menschen plötzlich zur Kalaschnikow greifen. Es gibt so viele Gründe für den Terrorismus, wie es Terroristen gibt. Jeder mixt sich seinen eigenen Cocktail zusammen, der für ihn zur neuen Identität wird.
Was ist die Grundlage für einen solchen Mix?
Bei den meisten Jugendlichen eine Identitätskrise. Die kann ganz verschiedene Gründe haben: Viele sind Teil der zweiten oder dritten Generation von Einwanderern nach Europa. Sie wandern quasi zwischen zwei Welten: Auf der einen Seite ist da die ihrer Großväter und Väter, oft mit einem Islam, in dem sich junge Muslime in der Diaspora nur schwer anfreunden können. Und auf der anderen Seite ist da die Welt, in der die jungen Leute real leben und die meistens nichts mit der Welt ihrer Väter zu tun hat.
Das trifft für junge Menschen mit Migrationshintergrund zu. Aus Deutschland sind aber auch viele zum Islam konvertierte Jugendliche nach Syrien gegangen, deren Familien seit Jahrhunderten Deutsche sind . . .
. . . für junge Deutsche ohne Migrationshintergrund finden sich im Dschihadismus ebenfalls einfache Antworten auf die existenziellen Fragen, die sich viele junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsenwerden stellen: Wer bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Was möchte ich, das in dieser Welt von mir bleibt, was möchte ich hinter­lassen?
Gibt es so etwas wie eine Klammer, die sich radikalisierende Jugendliche miteinander verbindet?
Eine solche Klammer ist der salafistisch geprägte Dschihadismus, eine religiöse Ideologie. In der wird den Salafis eingeprägt, ihr braucht die Religion eurer Väter und Großväter nicht, weil es die falsche Religion ist. Und ihr braucht erst recht nicht die Religion der Ketzer, der Ungläubigen, unter denen ihr lebt.
Was wird stattdessen geboten?
Salafistische Ideologen bieten ein Gesamtpaket: Sie bieten die in ihren Augen einzig wahre Religion. Sie bieten die islamische Gemeinschaft, die Umma, als Familienersatz an. Eben nicht nur eine religiöse Gemeinschaft. Gerade für die Salafis ist die Umma ein wichtiges, ein sehr hohes Gut, das bis zum eigenen Tod zu verteidigen ist.
Eine Ideologie also, die Sie nicht auf alle Muslime übertragen.
Auf gar keinen Fall. Das ist ein typisch militant-salafistisches Merkmal. Was deren Anhänger so besonders motiviert, ist, dass der Dschihadismus zur Ideologie erhoben wird, Gewalt als Mittel angesehen wird, um den Weg in ein gottgegebenes Paradies auf Erden zu ebnen. Das macht den salafistischen Dschihad so gefährlich: Er ist Ideologie und Lebensprogramm in einem.
Was genau ist an diesem Dschihadismus so ideologisch?
Ideologisch ist, dass solche Salafis davon ausgehen, dass die Menschen und auch die Muslime nicht so leben, wie Gott es will. Ein Zustand, den sie verändern wollen. Auch indem sie Schuld zuweisen. Im militanten Salafismus werden alle Probleme der muslimischen Welt auf drei Feinde übertragen: die Kreuzzügler, also die westlichen, die christlichen Staaten. Dann auf die Zionisten. Das sind in der Rhetorik der Dschihadisten nicht nur die Israelis, sondern alle Juden. Und drittens die Abtrünnigen, also alle Muslime, die dem Islam nicht wortgetreu so folgen, wie es salafistische Gelehrte fordern.
Feindbilder haben ja auch eine gruppendynamische Funktion.
Ganz genau. Sie stiften Identität. Die Identität, die ein Muslim braucht, um Teil dieser salafistisch definierten Umma zu werden und zu sein. Teil dieser Gemeinschaft zu sein bedeutet dann auch, den Islam auf eine ganz bestimmte Weise zu praktizieren. Das geht teilweise bis zu genauen Vorschriften, wie ein einzelner Finger in einer bestimmten Passage des Gebets zu krümmen oder zu strecken ist.
Das klingt stark nach Gehirnwäsche. Danach, alles aufzugeben, was jemanden vor seinem Einstieg in den Salafismus ausgemacht hat.
Eine frühere Identität junger Menschen wird zerstört. Es bleibt nur noch ein Mensch, der neu in eine salafastische Welt und Gemeinschaft geboren wird und sich von allem abgrenzt, was sein Leben davor ausgemacht hat. An dieser Stelle wird ein vierter Punkt erkennbar, der die dschihadistische Ideologie stark prägt: die vermeintliche Garantie, für jedes Problem in der Welt eine Lösung zu haben.
Da beißt sich ja die Katze in den Schwanz. Schlussendlich läuft dann ja die Lösung darauf hinaus, dass die Lösung für alle Probleme der Dschihad, der Heilige Krieg, ein endloser Kampf ist?
Natürlich hat der Begriff des Dschihad im Islam eine umfassendere Bedeutung, die viel mit dem Streben nach Vollkommenheit zu tun hat. In der salafistischen Ideologie jedoch bedeutet Dschihad ausschließlich Gewalt. Es ist eine einfache und deshalb eine umso verführerische Botschaft, die salafistische Rattenfänger verkünden: Du bist Teil einer Familie, der islamischen Gemeinschaft. Und die ist durch viele Feinde bedroht. Sie muss sich verteidigen. Es ist auch deine Aufgabe, die Familie zu verteidigen.
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