Kinder, die von Hartz IV leben, haben es durch die Corona-Pandemie noch schwerer. So manches Hilfsangebot ist vorübergehend eingestellt worden. Foto: dpa/Jens Kalaene

Das knappe Budget ist noch knapper geworden: Eine Alleinerziehende erzählt, wie sich das Coronavirus auf den Alltag der Familie auswirkt. Die Bundesregierung hat die Hartz-IV-Sätze nicht erhöht – Hilfe kommt von anderer Seite.

Rems-Murr-Kreis - Anstrengende, nervenaufreibende Wochen liegen hinter Nadja und ihren Kindern. Die Schwierigkeiten, mit denen die Familie aus dem Rems-Murr-Kreis zu kämpfen hat, haben sich durch die Corona-Pandemie noch weiter verschärft. Denn Nadja, Anfang 30, ist alleinerziehend und lebt mit ihren drei Kindern von Hartz IV. Im Januar des vergangenen Jahres haben wir schon einmal über sie berichtet.

Verzichten für die Kinder

„Wir waren aufgeschmissen“, sagt Nadja (alle Namen geändert). Die Hamsterkäufe vieler Menschen zu Beginn der Pandemie waren für sie ein großes Problem: „Dadurch blieben für uns nur noch die teuren Produkte in den Regalen übrig“, erzählt sie. Selber zu hamstern sei mit ihrem geringen Budget nicht in Frage gekommen. Gleichzeitig benötigte Nadja deutlich mehr Lebensmittel als sonst: Das kostenlose Mittagessen in Schule und Kita für die drei Kinder fiel weg, zudem konnte ihre Mutter, die kurz vor der Pandemie zu Besuch war, wegen der Grenzschließungen nicht mehr die Heimreise antreten. Fünf Menschen mussten also jeden Tag satt werden. „Ich habe manchmal auf Mahlzeiten verzichtet, damit die Kinder genug haben“, sagt die Alleinerziehende.

Unterstützung kam von Verwandten, die ein Care-Paket mit Lebensmitteln schickten. Auch Kinderreich Rems-Murr, eine Initiative des Deutschen Kinderschutzbundes, hat der Familie geholfen, über die Runden zu kommen. Dank der Corona-Soforthilfe eines Sponsors habe sie bedürftigen Familien Gutscheine für Drogerie- und Supermärkte geben können, berichtet Ines Pfeil-Bürkle, die Leiterin von Kinderreich. „In den Familien geht es jetzt finanziell sehr knapp zu“, sagt sie. Da könne es schon zum Problem werden, wenn sich der Preis eines Lebensmittels um 70 Cent erhöhe.

Vom Staat verlassen

Trotz vielfacher Appelle – etwa von Wohlfahrtsverbänden – hat die Bundesregierung die Hartz-IV-Sätze im Zuge der Corona-Krise nicht erhöht. „Die Höhe der Regelbedarfe wurde vom Gesetzgeber nach den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts ermittelt. Die nächste Überprüfung und Neuermittlung durch den Gesetzgeber steht in diesem Jahr an“, teilt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit. „Die Bundesregierung beobachtet, ob es aufgrund der COVID-19-Pandemie zu Preissteigerungen kommt, die über das übliche Maß hinausgehen und dauerhaft anhalten. Dies ist bislang nicht der Fall“, erklärt eine Sprecherin.

Nadja fühlt sich vom Staat verlassen. „Ich habe schon Angst vor der Stromabrechnung. Wir verbrauchen natürlich mehr Strom, wenn alle den ganzen Tag zuhause sind“, sagt sie. Für ihren Jüngsten, den zweijährigen Paul, sei es am schlimmsten gewesen, dass er zu Hause bleiben musste und seine Freunde in der Kita nicht treffen durfte. „Dann waren auch noch die Spielplätze zu, das war der Horror für ihn“, sagt Nadja, die mit den Kindern eine kleine Dreieinhalbzimmerwohnung bewohnt. Irgendwann wollte Paul vor lauter Frust nicht mehr essen. „Dank unserer Familienhelferin durfte er ab Mitte April in die Notbetreuung. Jetzt geht es ihm wieder viel besser“, sagt die Mutter und ist erleichtert.

Wenn das Lernen schwierig wird

Ihre beiden Mädchen gehen auf die weiterführende Schule, für eine von ihnen hat der Präsenzunterricht begonnen. „Sie hatte erst Angst, wieder in die Schule zu gehen, weil sie ihre Oma nicht anstecken will – die gehört zur Risikogruppe“, erzählt Nadja. Doch das Lernen zu Hause sei nicht einfach: Es gibt nur einen Laptop, für neue Druckerpatronen fehlt das Geld.

Von solchen Problemen hat Anja Zeller, die Geschäftsführerin der Kinderstiftung Funke, häufig gehört. „Die Ausstattung und der Zugang zum Internet sind ein großes Problem. Über unsere Einzelfallhilfe konnten wir rund zehn Familien mit Laptops aushelfen – lange nicht so vielen, wie wir helfen wollten“, berichtet sie. Aber für mehr reichten die Mittel der Stiftung nicht.

170 verschenkte Bücher

Für Homeschooling benötigten die Schüler ein entsprechendes Endgerät – das Handy sei dafür ungeeignet, betont Ines Pfeil-Bürkle von Kinderreich. Doch das sei nicht das einzige Problem: In beengten Wohnverhältnissen fänden die Kinder kaum Platz, um in Ruhe zu lernen und die Eltern könnten bei den Aufgaben nicht weiterhelfen. „Kinder, die ohnehin am Rand stehen, werden so noch mehr an den Rand gedrückt“, sagt Pfeil-Bürkle. Hinzu komme, dass viele Angebote weggefallen sind – so musste auch Kinderreich Projekte, in denen Ehrenamtliche Kinder unterstützen, während der Kontaktsperren einstellen, beziehungsweise auf den Austausch über Telefon oder Whatsapp reduzieren. „Viele Familien waren auf sich allein gestellt“, so die Leiterin der Initiative. Unter strengen Regeln seien Treffen langsam wieder möglich.

Nadja ist froh, dass ihre Mädchen beim Lernen die Unterstützung einer Familienhelferin hatten: „Sie haben sich draußen getroffen und Abstand gehalten“, erzählt sie. Auch über eine Aktion von Funke haben sich ihre Kinder gefreut: Die Kinderstiftung hat bedürftigen Familien Bücher geschenkt. „Das lief sehr gut, wir haben rund 170 Bücher verschickt“, berichtet Anja Keller. „Uns war wichtig, dass wir Kindern in dieser schwierigen Zeit was an die Hand geben können, dass sie wissen, dass jemand an sie denkt“, sagt sie. Die Aktion läuft über die Pfingstferien weiter. „Es ist nicht nur für uns schwierig, sondern für sehr viele Familien wahrscheinlich“, meint Nadja.

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