Auf den Fildern Foto: Hannes Kilian

Ausstellungen in der Galerie Schlichtenmaier und im Kunstgebäude feiern Fotografen Hannes Kilian.

Stuttgart - Der Turm ist leicht aus der Achse gekippt, und mehr noch wird er in dieser Position zur Lichtskulptur. Zugleich aber vereinen sich Technikbegeisterung und Naturhommage auf selbstverständliche Weise. Es ist bei aller Kühnheit ein zurückhaltender (Foto­grafen-)Blick.1937 bei der Weltausstellung in Paris sieht Hannes Kilian den Pavillon de la Marine Marchande. In seinem Foto werden Ingenieurkunst, Lichtspiel und Natur­allegorie eins. 28 Jahre alt ist Kilian, als er die Weltausstellung besucht, Paris durchstreift, das Allgemeine gerade dadurch zum ­Besonderen erhebt, indem er nichts überhöht.

Hannes Kilian? Der Fototheoretiker Klaus Honnef gab vor vier Jahren freimütig zu, dass dieser Name in der ersten Reihe der deutschen Fotografen des 20. Jahrhunderts fehlt. Bisher, mochte man damals sagen. Nicht nur Honnef, der ehrlich bekannte, „kein Freund des Balletts“ zu sein, sah sich durch die Beschäftigung mit Kilian „im besten Sinn korrigiert“.

Das Stuttgarter Ballettwunder ist durchaus auch ein bildnerisches

Tatsächlich ist Hannes Kilian als Ballettfotograf bekannt, und seine Fotos prägten seit den frühen 1960er Jahren auch in unserer Zeitung das Bild des Aufstiegs des Stuttgarter Balletts unter Leitung des britischen ­Choreografen John Cranko. Das Stuttgarter Ballettwunder ist durchaus auch ein bildnerisches – erkennt man doch in Kilians Fotos eine kongeniale Antwort auf Crankos Sehnsucht, den Tanz in eine mit erzählerischer Tiefe gepaarte neue Leichtigkeit zu führen. Cranko, auch dies machen die Fotos deutlich, weckte Kilians Interesse ebenso als Künstler wie als Person, mehr noch, Kilian fühlte sich von Cranko verstanden – und antwortete auf seine Weise: bildnerisch.

Auch ein anderer Kilian ist bekannt – der Fotograf der Trümmerlandschaft Deutschlands. Noch gezeichnet von einer Kriegsverletzung, zog es ihn zuerst 1944 in Stuttgart ­hinaus auf die durch alliierte Bombenangriffe zerstörten Straßen. Das Fotoverbot hielt ihn nicht zurück – und so entstanden stumme, schreiende Szenen des Leids.

500 000 Aufnahmen umfasst das Kilian-Panorama

Doch Klaus Honnef, der sich auf Initiative von Gundel Kilian, selbst als Theater- und Ballett-Fotografin bekannt gewordene Ehefrau des 1999 gestorbenen Hannes Kilian, 2007 dem Archiv des Fotografen näherte,entdeckte weit mehr. Damit war der Weg frei für ein gewaltiges Unterfangen – den Kontinent Kilian in all seinen Teilen zugänglich zu­ ­machen und zugleich als Ganzes zu ­präsentieren.

500 000 Aufnahmen umfasst das Kilian-Panorama – eine radikale Sichtung also war verlangt. „Hannes Kilian“ heißt das Ergebnis 2009 schlicht. Im Martin-Gropius-Bau in Berlin, 1929 einst Bühne der wegweisenden Werkbund-Ausstellung „Film und Foto“, wird die Schau gezeigt. Drei Jahre später präsentiert nun das Haus der Geschichte Baden-Württemberg im Kunstgebäude am ­Stuttgarter Schlossplatz "Der ganze Kilian". Der Titel verweist auf das Gesamtengagement des auch mit der Nachlass-Betreuung betrauten Hauses der Geschichte – 2004 stellte man ­Kilian in der Schau „Bilder­geschichten“ als Erzähler vor.

Der Fotograf sah mehr als die anderen

Kilians Ausbildung in der Schweiz und zwei ­Jahren (1931 bis 1933) bei der Luzerner ­Fotofirma Grau folgt ein Leben, das sich vielleicht mit einer Überzeugung des Holzschneiders und Malers HAP Grieshaber skizzieren lässt: „Wurzeln ist auch Wanderschaft“, hatte Grieshaber formuliert – und dessen „Bleibe Achalm“ möchte man für Kilian ein „Bleibe Kilian“ hinzufügen. Einer auf eigenen ­Wegen also, auf eigene Verantwortung. Einer, der auch der Nähe als einer Fremde begegnet und in der Fremde keine Nähe suggeriert.

So entstehen – wie 1954 an einem Strand in Franco-Spanien mit „Delfin unter Bewachung“ – Szenen von eigener Tiefe, Szenen, die den Fotografen als Dialogpartner ausweisen, Szenen, die alle Regie vermeiden.

Kilian rückt endgültig in die erste Reihe der deutschen ­Fotografie

„Kilians Blicke“ hieß so 1995 folgerichtig eine Serie unserer Zeitung, in der Peter ­Kümmel den Dialogen von Hannes Kilian nachspürte. Und Klaus Honnef folgt diesem Begriff gerne, wenn er im begleitenden ­Katalogbuch (Verlag Hatje Cantz, in der ­Ausstellung, 24,90 Euro) summiert: „Kilians Blicke, deren Thema bisweilen auch nur die Blicke fotografierter Menschen sind, schließen die Welt für einen Moment auf. Sie ­skizzieren Zusammenhänge über das Bild­gewordene hinaus, weil der Fotograf mehr sah als die anderen, genauer ohnehin – auch als die meisten Fotografen seiner Zeit.“ Die Präsentation in Berlin folgte dieser Über­zeugung, die ­Doppel-Hommage in Stuttgart (parallel zeigt die Galerie Schlichtenmaier am Kleinen Schlossplatz eine feine Auswahl von Werken, unter denen Kilians Blicke auf das World Trade Center ebenso hervorstechen wie der plastisch gewordene Tropfen aus einer leeren Flasche) rückt ­ Kilian endgültig in die erste Reihe der deutschen ­Fotografie. So findet man im Kunstgebäude drei Blicke auf drei Straßenbiegungen in drei Ländern. Jede der Aufnahmen würde allein den Besuch der Ausstellung lohnen. Oder soll man doch eher auf die ­Distanz verweisen, mit der Kilian dem „Wirtschaftswunder“ in den 1950er Jahren begegnet?

Nicht zuletzt Gelder der Bundesregierung und des Sparkassen-Kulturfonds des ­Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes haben die Ausstellung 2009 in Berlin ermöglicht. Rückendeckung, die mit der Schau in ­Stuttgart (und Unterstützung durch die ­Landesbank Baden-Württemberg und die Baden-Württemberg-Stiftung) neue Blüten aus dem Verborgenen lockt. Erinnerung als ­Entdeckung war der Anspruch – und er ist mit Stuttgarts Hommage an Hannes ­Kilian aufs Schönste eingelöst. Zu sehen ist „Der ganze Kilian“ im Kunstgebäude von diesem ­Sonntag um 14 Uhr an (bis zum 29. April, Di bis So 11 bis 18, Mi 11 bis 21 Uhr).

In Joseph Conrads Roman „Herz der ­Finsternis“ heißt es: „Arbeit mag ich nicht – kein Mensch mag sie – doch ich mag, was in der Arbeit steckt – die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden, zur eigenen Wirklichkeit, der ­Wirklichkeit, wie man sie selbst sieht, nicht wie andere sie sehen – zu dem, was kein anderer je erfahren kann.“ „Hannes Kilian“, ­befand Peter Kümmel 1999 anlässlich des 90. Geburtstags des großen Fotografen, „hat uns unendlich viel gezeigt, was wir ohne ihn nie erfahren hätten.“

www.hdgbw.de
www.schlichtenmaier.de

www.hannes-kilian.de

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