Juliane Bischoff hat ihr Geschäft im vergangenen Sommer übernommen – und bedient erfolgreich eine Nische. Foto: Jürgen Bach

Vergrault eine Verkehrsberuhigung die Kunden? In Weil der Stadt fürchtete man ausbleibende Laufkundschaft. Besonders bei einigen Einzelhändlern läuft das Geschäft aber gut – trotz boomendem Onlinehandel und inflationsbedingter Zurückhaltung.

Wie viel Platz soll in einer lebendigen Innenstadt den Autos gehören? Dass der Traum einer autofreien Innenstadt nicht immer mit den Wünschen der ansässigen Gewerbetreibenden und der Bürger einher geht, zeigt sich immer wieder. In Leonberg etwa wird derzeit heiß diskutiert, ob Autos ganz vom Marktplatz verbannt werden sollen. Und auch in Weil der Stadt wird der Einzelhandel immer wieder ins Spiel gebracht, wenn es um mögliche Verkehrskonzepte geht.

 

Zuletzt etwa in der Stuttgarter Straße: Diese war bis Oktober zwischen Marktplatz und Kapuzinergasse von Samstagnachmittag bis Montagmorgen für Autos gesperrt. Der Beschluss des Gemeinderats dazu war im Frühjahr nach reichlich Diskussion denkbar knapp ausgefallen. Bei einer Debatte um den Standort des Wochenmarkts – Marktplatz oder Carlo-Schmid-Platz – hatten sich die Gewerbetreibenden in der Innenstadt sogar mit einem offenen Brief an die Verwaltung gewandt, um die Wochenmarktbeschicker an ihrem angestammten Platz auf dem Marktplatz zu halten. Und auch das neue Parkierungskonzept der Stadt, mit dem einst kostenfreie Parkplätze vor den Stadtmauern nur noch mit Parkticket genutzt werden dürfen, hatte Fragen um den Stellenwert des Autos in der Innenstadt aufgeworfen.

Kunden kamen trotz temporärer Straßensperrung

Für Jürgen Schirott, der unweit des Marktplatzes ein Bekleidungsgeschäft führt, sei es ein „bestehender besorgniserregender Zustand“, wenn hier Fahrzeuge verdrängt werden. Trotzdem sieht er nicht alles schwarz. „Allen Unkenrufen zum Trotz läuft es eigentlich ganz gut“, sagt er. Er war von der temporären Sperrung der Stuttgarter Straße direkt betroffen, habe sich allerdings mit seinen Kunden gut arrangiert – und half solchen mit schwerer Ladung auch mal mit dem Handwagen aus. Eigentlich, sagt er, habe es nur eine kleine Änderung zur vorherigen Verkehrssituation gegeben. „Die Leute kommen damit gut zurecht.“

Eine weitflächigere Verkehrsberuhigung würde Alice Pfeil-Schmidt, die in der Herrenberger Straße das Kleiderwerk betreibt, kritisch sehen. „Man darf auch ältere Menschen nicht außer Acht lassen“, sagt sie. Weniger Parkmöglichkeiten würden auch verhindern, dass Menschen für kurze, kleine Erledigungen in die Innenstadt kommen. Eine Verkehrsberuhigung oder gar ein Durchfahrtsverbot direkt vor der eigenen Haustür muss Pfeil-Schmidt aber immerhin nicht befürchten, das bestätigt auch die Stadtverwaltung. Für die Herrenberger Straße sei nichts in Planung, heißt es dort.

Onlineshopping macht Einzelhändlern das Leben schwer

Lauscht man den Ausführungen der Einzelhändler, wird klar: Belastend sind für die Branche gerade ebenso die Inflation und die Verlagerung des Geschäfts ins Internet. „Onlineshopping macht einen großen Teil aus“, sagt Pfeil-Schmidt. „Das hat mit Corona massiv zugenommen.“ 50 Millionen Menschen haben in Deutschland im Jahr 2022 online eingekauft, das berechnete das Statistikportal Statista erst kürzlich. Drastisch steigen soll die Zahl bis 2028, auf knappe 68 Millionen. Und über 70 Prozent der Onlineshopper kaufen mehr als einmal im Monat online ein. Wegen steigender Preisen seien die Leute zudem gerade vorsichtiger beim Einkaufen, berichtet Pfeil-Schmidt. Kein Weil der Städter Problem – sondern ein globales.

Das sieht Jürgen Schirott ähnlich. „Es ist schon ganz schön anstrengend“, sagt er. „Wir wollen dableiben. Man muss dann andere Möglichkeiten suchen.“ Inzwischen ist er mit seinem Geschäft auf Instagram präsent. Seit der Pandemie hängt an der Tür des Geschäfts außerdem eine Telefonnummer – für Kunden, die während der eigentlichen Mittagspause einkaufen möchten. Das werde gerne angenommen, so Schirott.

Einzelhandel kann mit persönlicher Beratung punkten

Scheinbar besser läuft es anderswo in der Weiler Innenstadt: „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Oliver Reuter, dessen Familienunternehmen neben einigen im Kreis verteilten Filialen von Only Women auch die Weil der Städter Boutique Tausendschön gehört. Die Kundenfrequenz sei dort zwar nicht riesig. „Aber die Weil der Städter kaufen sehr gezielt ein.“ Ein großer Erfolgsfaktor für den Einzelhandel vor Ort ist laut Reuter eindeutig die Beratung. „Die Menschen mögen das schon, wenn man sie kennt, da ist der Bezug ganz anders“, so der Geschäftsführer. „In Stuttgart oder Sindelfingen sind sie irgendwer.“

Auch wenige hundert Meter weiter, bei Julianes natürlich schöner Mode, läuft das Geschäft gut. Inhaberin Juliane Bischoff hat den Laden im Sommer vergangenen Jahres von ihrer Vorgängerin Jutta Wastl übernommen – und damit auch die Stammkundschaft, die Bischoff in ihren drei Jahren als Mitarbeiterin bei Wastl bereits gut kennenlernen konnte. „Unser großes Plus ist der Schwerpunkt auf nachhaltige Mode“, erklärt Bischoff das Erfolgskonzept. Im Sommer gibt es hier Leinen, im Winter Wolle – das wissen auch die Kundinnen und Kunden. Außerdem versucht Bischoff neben einigen bekannten Marken auch solche im Sortiment zu halten, die es nicht überall gibt. „Ich versuche eine große Bandbreite an Geschmäckern abzudecken“, sagt die Chefin. „Das macht die Chemie.“

Lob für die Wirtschaftsförderung in der Stadt

Etwas kritisch betrachtet Bischoff unterdes das neue Parkkonzept. Für Menschen, die nicht ortsansässig sind, sei das System nicht sehr transparent und damit nicht sonderlich tourismusfördernd, so Bischoff. Immerhin: Zwei Stunden mit Parkscheibe kann man unweit ihres Geschäfts kostenfrei parken, zu ihrem Glück, wie sie selbst sagt. Lob bleibt auch nicht aus – für „gute Aktionen“ wie der Weiler Abendrunde, die Kundinnen und Kunden einen Blick hinter die Kulissen der Geschäfte gewährt.

Das Lob für Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung teilt auch Jürgen Schirott. „Toll, dass sich die Stadt da stark einbringt“, sagt er. Insbesondere Veranstaltungen wie der Weihnachtsmarkt oder die Lange Einkaufsnacht hätten eine richtige Anziehungskraft, solche Tage sind für Schirott „Höhepunkte im Umsatz“. Nicht nachlassen solle man in Weil der Stadt in Sachen Innenstadtbelebung. „Wir sind frohen Mutes“, sagt er. „Und tun unseren Teil dafür.“