Kapitän Johannes Golla ist in Abwehr und Angriff in der deutschen Handball-Nationalmannschaft gesetzt. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Johannes Golla hat eine Blitzkarriere hingelegt. Im Alter von 25 Jahren ist er Abwehrchef, Kreisläufer, Identifikationsfigur und Kapitän der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Vor der WM spricht er über Ziele, Absagen von Kollegen und erklärt, was Dänemark Deutschland voraus hat.

An diesem Freitag (18 Uhr/ZDF) startet die deutsche Handball-Nationalmannschaft im polnischen Kattowitz mit der Partie gegen Katar in die Weltmeisterschaft. Kapitän Johannes Golla schätzt die Chancen der DHB-Auswahl ein, blickt aber auch über den Tellerrand hinaus.

 

Herr Golla, ist die anstehende WM eine Durchgangsstation mit Blick auf die Heim-EM 2024 oder die nächste Chance, endlich mal wieder eine Medaille zu holen?

Es ist die nächste Chance, uns sportlich weiterzuentwickeln. Keiner investiert doch so viel Zeit und Energie in die Vorbereitung auf solch ein Turnier, um es als Durchgangsstation zu sehen. Also ganz klar, wir wollen bestmöglich abschneiden.

Kann dies das Halbfinale sein, das seit dem Abgang von Bundestrainer Heiner Brand 2011 bei großen Turnieren nur dreimal erreicht wurde?

Wir können an einem guten Tag gegen jede Nation gewinnen. Wenn wir aber nicht 100 Prozent Leistung abliefern, können wir auch gegen jeden Gegner Probleme bekommen. Wir wollen möglichst verlustpunktfrei durch die Vorrunde kommen, dann in der Hauptrunde eine gute Rolle spielen und das Viertelfinale erreichen. Das ist ein optimistisches Ziel, aber auch ein realistisches.

In einem K.-o.-Spiel ist doch dann aber alles möglich.

Ja klar, ab dem Viertelfinale werden die Karten neu gemischt. Aber im Prinzip ist von Beginn an jedes Spiel ein K.-o.-Spiel, da die Punkte mitgenommen werden.

Welche Trümpfe müssen stechen, damit die deutsche Mannschaft weit kommt?

Zuallererst müssen wir unsere Emotionalität aufs Spielfeld bringen. Dann geht es darum, dass jeder Spieler schnell seine Rolle findet und die Leistung bringt, die er Woche für Woche in der Bundesliga abliefert. Und nicht zuletzt sind einige Spieler von uns international noch nicht so bekannt, zumindest wissen nicht alle, zu was sie wirklich imstande sind. Dieser Überraschungseffekt kann der wichtigste Trumpf sein.

„Lust auf Erfolg noch größer“

Glauben Sie, das DHB-Team wird unterschätzt?

Nein, unterschätzen wird uns keiner – zumindest nicht in der Vorrunde. Denn da gehen wir in alle drei Spiele als Favorit. Aber wie gesagt: Wir können mit unseren Fähigkeiten überraschen.

Sie selbst wurden vor einem Jahr im Alter von 24 zum Kapitän der Nationalmannschaft. Damals haben Sie erklärt, dass Sie dies nie als Last empfunden haben. Hat sich daran etwas geändert?

Nein. Im Gegenteil, die Lust auf das Amt, die Lust, mich einzubringen, und die Lust auf Erfolg sind noch größer geworden. Das Kapitänsamt ist für mich keine Belastung, sondern eine Extramotivation, in das ganze Thema Nationalmannschaft zu investieren.

Nicht alle sind so heiß, für Deutschland zu spielen. Fabian Wiede sagte wegen einer Kiefer-OP ab – und nicht nur Sportvorstand Axel Kromer fand das nicht so prickelnd. Sind Sie sauer auf Ihren Kollegen?

Nein, ich finde es nur schade, denn Fabians Qualität hätte uns definitiv weitergeholfen. Letztendlich ist es seine individuelle Entscheidung, die ich akzeptiere. Ich freue mich, wenn er künftig wieder zur Verfügung steht.

Genauso wie im Fall von Henrik Pekeler, der pausiert und dessen Rückkehr zur Heim-EM 2024 erwartet wird?

Ja, natürlich. ‚Peke’ tanzt seit Jahren mit dem THW Kiel auf allen drei Hochzeiten und ist gerade erst aus einer schweren Verletzung zurückgekommen. Das spielt in seiner Entscheidung sicher eine Rolle.

Das tun andere aber auch. Der Bundestrainer klagte, dass er solche Fälle aus dem skandinavischen Handball nicht kennt. Haben Sie eine Erklärung, warum dort alle unbedingt für ihr Land auflaufen wollen und bei uns nicht?

Nein, ich kann nur für mich sprechen. Ich habe unheimlich große Lust, für Deutschland zu spielen, unabhängig davon, in welcher Entwicklungsphase wir uns befinden. Die skandinavischen Nationen haben in jedem Turnier eine realistische Chance aufs Halbfinale. Das ist natürlich ein riesiger Ansporn. Und genau dahin wollen wir auch kommen.

Sie gelten als Mister Perfect. Ihr ehemaliger Flensburger Mitspieler Jacob Heinl, sagte einmal, dass er noch nie einen professionelleren Spieler getroffen habe, der alles so eisern durchzieht.

(lacht) Und dass ihm noch nie etwas Unvernünftiges an mir aufgefallen wäre, ich erinnere mich.

Ist Ihnen der Hang zum Perfektionismus in die Wiege gelegt?

Ich bin schon in recht jungen Jahren von zu Hause ausgezogen und habe meine Chance bei der MT Melsungen gesucht. Das war mit viel Arbeit, Disziplin und Ehrgeiz verbunden. Du schaffst es nicht in die Bundesliga, wenn du nicht auf einiges verzichtest.

Einiges läuft in Dänemark besser

Dänemarks Nationalcoach Nikolai Jacobsen erklärte in einem Interview, vielen deutschen Talenten seien andere Dinge wie Ausbildung, Auto fahren, Mädchen wichtiger. Hat er Recht?

Ich bin ja in Flensburg sehr nah an Dänemark dran. Ich glaube, was er sagen will, ist, dass es in seinem Heimatland einfacher ist, sich auf Handball zu konzentrieren. Ich kenne die dänische Sportschule in Juelsminde sehr gut, da kümmert man sich in dem Internat professionell jeden Tag um den Spieler. In dem Umfeld von Gleichaltrigen steigt die Lust auf Sport. Fällt man mal in ein Motivationsloch, ist jemand da, der einem heraushilft.

Warum gibt es solche Strukturen in Deutschland viel seltener?

Dänemark ist ein kleines Land, dort lässt es sich leichter an den richtigen Stellschrauben drehen. Grundsätzlich müsste man in Deutschland die Zugänglichkeit für die Jugendlichen zum Sport vereinfachen. In meiner Heimat im Rheingau war das Fußball- und Handballfeld oft verschlossen. Das wäre in Dänemark undenkbar.

Nicht nur die Superstars Niklas Landin und Sander Sagosen verlassen die Bundesliga. Bereitet Ihnen die Abwanderungswelle Sorgen?

Die Vereine im Ausland sind interessanter geworden. Es wird auch woanders guter Handball gespielt, und es lässt sich nicht mehr nur in Deutschland gutes Geld mit dem Sport verdienen.

Hinzu kommt der geringere Stress in der Liga. Ihr Vereinskollege Jim Gottfridsson klagte, dass es keinen Spaß mache, mit der SG in der Königsklasse in Paris zu spielen und zu wissen, dass der Schwerpunkt eigentlich auf dem wichtigeren Bundesligaspiel am Wochenende liege.

Gerade in Skandinavien haben Vereine finanziell aufgestockt und große Ambitionen. Nun reizt es die Spieler, mit den Clubs in ihrer Heimat auch in der Champions League spielen zu können. Der Wettbewerb um die besten Spieler der Welt hat sich deutlich verschärft.

Müssen wir uns auch um Sie Sorgen machen?

Mein Vertrag in Flensburg läuft bis 2026. Und es hat ja auch seinen Reiz, Woche für Woche in der Bundesliga in großen Arenen, in einer Topatmosphäre seine Leistung abzurufen.

Wer holt den WM-Titel?

Also Dänemark ist für mich der Topfavorit Nummer eins. Frankreich, Schweden und Spanien sehe ich etwas dahinter.

Johannes Golla Zur Person

Vita
Johannes Golla wurde am 5. September 1997 in Rüdesheim am Rhein geboren. 2015 wechselte der Kreisläufer und Abwehrspezialist von der HSG VfR/Eintracht Wiesbaden zum Bundesligisten MT Melsungen. Seit 2018 spielt er für die SG Flensburg-Handewitt, mit der er 2019 die deutsche Meisterschaft gewann. Sein Vertrag bei den Norddeutschen läuft bis 2026. 2016 wurde er Vize-Europameister mit den deutschen Junioren. Seit November 2021 ist der Rechtshänder Kapitän der deutschen A-Nationalmannschaft, für die er 50 Länderspiele (163 Tore) absolviert hat.

Privates
Golla ist verheiratet mit Elena, das Paar hat eine Tochter Juna Liv (geboren April 2021). Gollas Schwester Paulina (22) spielt ebenfalls Handball – beim VfL Oldenburg in der Bundesliga. Seine Hobbys: Basketball, Kriminalromane lesen. (jüf)