An diesem Freitag startet die deutsche Handball-Nationalmannschaft mit der Partie gegen Weißrussland in die EM, und der erst 24-jährige Johannes Golla soll als Kapitän, Abwehrchef, Kreisläufer und Identifikationsfigur das neu formierte Team führen.
Stuttgart - Man kann Trainer fragen, sich bei Sportdirektoren erkundigen, Experten oder Teamkollegen löchern: Wenn die Sprache auf Johannes Golla kommt, gibt es ausnahmslos positive Rückmeldungen. Das Ganze hört sich dann so an, wie es sein ehemaliger Mitspieler Jacob Heinl von der SG Flensburg-Handewitt formulierte: „Johannes ist der professionellste Spieler, den ich je getroffen habe, es gibt überhaupt nichts Unvernünftiges, was mir aufgefallen wäre, vom Training bis zur Ernährung. Er zieht alles eisern durch.“
Dieser Mister Perfekt ist vor dem EM-Start der Handball-Nationalmannschaft an diesem Freitag (18 Uhr/ARD) gegen Weißrussland dazu auserkoren, das deutsche Team anzuführen. Als Kreisläufer, Abwehrchef, Identifikationsfigur – und jüngster Kapitän, den eine Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) je hatte. Es ist eine Herkulesaufgabe, die auf den erst 24-Jährigen zukommt. Wie er damit umgeht? Ziemlich unaufgeregt. „Ich empfinde die Verantwortung nicht als Last, sondern als Chance, mich noch mehr einzubringen.“
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Sein Horizont endet dabei nicht am Spielfeldrand. Auch zu gesellschaftspolitischen Themen wie etwa der umstrittenen Haltung des Präsidenten Viktor Orbán zu Homosexualität aus dem Land des EM-Co-Gastgebers Ungarn setzt er Duftmarken. „Ich werde als Kapitän alles dafür tun, dass bei uns jeder seine Meinung sagen darf. Was in Ungarn in der Politik passiert, kann ich nicht beeinflussen, aber auch nicht gutheißen“, sagte er der „FAZ“. Seine Sportart habe zwar ein kleineres Publikum als der Fußball, „aber auch wir Handballer müssen da, wo es geht, unsere Meinung sagen und auch Zeichen setzen“, betonte der gebürtige Rüdesheimer. Als Mensch und als Sportler beunruhige ihn, dass so etwas ein Thema sei und Homosexualität gebrandmarkt werde.
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Bundestrainer Alfred Gislason hat sich ganz bewusst für ihn als Nachfolger des langjährigen Spielführers Uwe Gensheimer entschieden. Das liegt an seinem Charakter, aber es ist natürlich auch seiner rasanten sportlichen Entwicklung geschuldet. Vor einem Jahr profitierte Golla bei der WM von der Absage einiger Stammspieler und schwang sich in Abwesenheit des Topduos Hendrik Pekeler/Patrick Wiencek zum neuen Abwehrboss auf. Es folgten die Olympiateilnahme, der Aufstieg zum Kapitän, und auch familiär kam Verantwortung hinzu: Lebensgefährtin Elena brachte vor elf Monaten Juna Liv zur Welt. „Im Rückblick erscheint das etwas verrückt. Das war eine turbulente Zeit. Insgesamt ist es aber super für mich gelaufen“, sagt Golla, obwohl er im ersten Lebensjahr seiner Tochter allein drei Monate wegen der Nationalmannschaft nicht zu Hause war. „Das ist enorm. Aber wir nehmen das so in Kauf“, erklärt er, nicht ohne auch Verständnis für Spieler aufzubringen, die aus familiären Gründen mal ein Turnier sausen lassen: „Es ist nicht optimal für einen jungen Vater, so oft von zu Hause fort zu sein.“
Ein bisschen hilft ihm, dass er in einer Handballerfamilie groß geworden ist. Sein Vater Peter spielte früher in der zweiten Liga für Eintracht Wiesbaden. Seine ersten Tore warf Johannes im heimischen Garten in Eltville am Rhein. Die drei Jahre jüngere Schwester Paulina diente als Mitspielerin und hat es auch ganz nach oben geschafft – sie spielt bei Bundesligist VfL Oldenburg.
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Johannes Golla machte in seiner bisherigen Karriere zwei entscheidende Schritte. Im Alter von 17 Jahren holte ihn 2015 der damalige Melsunger Trainer Michael Roth nach Nordhessen zur MT. Erstmals von zu Hause weg, lernte er die Selbstständigkeit. Und obwohl er neben Mario Maric und Felix Danner überschaubare Spielanteile hatte, lotste ihn Coach Maik Machulla 2018 zur SG Flensburg-Handewitt. Die Lehrzeit an der Seite der schwedischen Abwehrlegende Tobias Karlsson tat ihm extrem gut. Der kernige Kämpfer Golla lernte, wie man nicht nur aggressiv, sondern auch schlau spielen kann. Das 1,95 Meter große und 112 Kilogramm schwere Kraftpaket avancierte an der Förde zum Publikumsliebling. Der „deutsche Wikinger“ ist seit dreieinhalb Jahren Dauergast in der Champions League, feierte mit der SG 2019 die deutsche Meisterschaft, 2020 und 2021 folgten die Vizemeisterschaft.
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Und was ist bei der EM drin? „Wir müssen ein gutes Gefühl im Team herstellen und den Zuschauern zeigen, dass wir sie euphorisieren, dass wir Spaß machen. Wenn wir das schaffen, dann werden wir auch nicht in der Vorrunde ausscheiden“, sagt er – um schnell zu ergänzen: „Dann ist vielmehr alles möglich.“ Da war er wieder: der Hang zum Perfektionismus.
Hat der Mann denn gar keine Schwäche? Doch! Beim Kartenspielen würde er mehr verlieren als gewinnen, verriet Teamkollege Timo Kastening. Und als Golla mal ein Handtuch unter der Bank vergaß, musste er in die Mannschaftskasse blechen, in seinem ersten Jahr in Flensburg – als Jüngster im Team war er der Aufräumwart.
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