Markus Gaugisch arbeitet erfolgreich bei der SG BBM Bietigheim – und soll künftig auch Impulse in der Nationalmannschaft setzen. Foto: /Lobeca/Patrick Nuhn

Markus Gaugisch soll die deutschen Handballerinnen in die Weltspitze führen. Der Trainer der SG BBM Bietigheim spricht über seine Doppelfunktion, die Probleme der Sportart und eine mögliche Rückholaktion von zwei Ex-Nationalspielerinnen.

An diesem Donnerstag (19.30 Uhr/sportdeutschland.tv) beginnt mit dem EM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland im niederländischen Almere die Mission von Markus Gaugisch als neuer Bundestrainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft der Frauen. Was sind seine Pläne?

 

Herr Gaugisch, Lehrer, Bundesligacoach und jetzt auch noch zusätzlich Bundestrainer. Hat Ihr Tag mehr als 24 Stunden?

Wenn man für seinen Sport brennt, wenn man mit Feuer, Leidenschaft und Herzblut bei der Sache ist, dann geht das schon.

Familienvater sind Sie aber auch noch.

Wenn man danach gehen müsste, wie wenig Zeit man als Profi mit der Familie verbringt, dann dürfte man sich nicht im Leistungssport tummeln. Ich habe das mit meiner Frau besprochen, und jetzt freue ich mich riesig über die Chance, zusätzlich zu meiner Tätigkeit bei der SG BBM Bietigheim auch die Nationalmannschaft trainieren zu dürfen. Dazu kommt die Aussicht auf die Weltmeisterschaft 2025 in Deutschland. Das sind tolle Herausforderungen.

Was reizt Sie konkret?

Ich kann mein Schicksal selbst in die Hand nehmen und mir den Traum verwirklichen, mit einem Team bei Welt-, Europameisterschaften und Olympischen Spielen dabei zu sein. Da musste ich nicht lange überlegen.

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Dass Sie bis 2023 auch die SG BBM trainieren dürfen, war Voraussetzung?

Absolut. Ich habe einen Vertrag bei einem Arbeitgeber, stehe auch bei den Spielerinnen in der Pflicht. Ich werde nicht wortbrüchig. Und dass beides sehr gut zusammen funktionieren kann, haben schon renommierte Trainer wie Jesper Jensen mit Dänemark und dem Team Esbjerg sowie Emmanuel Mayonnade mit der niederländischen Nationalmannschaft und Metz Handball bewiesen. Ich sehe für eine Übergangszeit auch Vorteile in einer Doppelrolle.

Welche?

Man ist praktisch täglich im Coaching drin, man kennt die Liga in- und auswendig und beschäftigt sich auch im Alltag mit den in Frage kommenden Spielerinnen.

Wie haben Sie denn in den vergangenen Jahren auf die Nationalmannschaft geblickt?

Seit ich Trainer der SG BBM bin natürlich sehr intensiv. Ich bin nah dran. Mindestens fünf Spielerinnen standen ja immer im deutschen Kader. Man bespricht sich mit ihnen, man tauscht sich aus über die Entwicklung – auch mit dem Bundestrainer. Mein Vorgänger Henk Groener hat den Umbruch eingeleitet und die Mannschaft verjüngt, auf diese Entwicklung möchte ich aufbauen und neue Ideen beimischen.

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Wenn’s um den Halbfinaleinzug bei großen Turnieren ging, hat das Team konstant versagt.

Versagt finde ich deutlich zu hart. Es gibt im Leistungssport keine Garantie für Erfolg – man kann nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen, mehr Spiele zu gewinnen. Und es hat immer nur ein ganz kleiner Schritt gefehlt.

Aber im entscheidenden Moment gab’s regelmäßig weiche Knie und zittrige Hände.

Ja, die Coolness, die Nervenstärke und die Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen haben gefehlt, es ging immer das falsche Spiel verloren.

Wie wollen Sie das ändern?

Ich baue auf die Entwicklung der Spielerinnen, die ich gemeinsam mit deren Vereinen vorantreiben möchte. Borussia Dortmund mit einigen Nationalspielerinnen war in der Champions League sehr gut unterwegs. Wir stehen mit der SG BBM in der European League im Final Four. Diese internationalen Erfahrungswerte sind enorm hilfreich – eben auch mit Blick auf die Nationalmannschaft.

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Die nun mal die Lokomotive für die Liga ist.

Gar keine Frage. Die Nationalmannschaft ist das Flaggschiff. Nur wenn sie erfolgreich ist, kann nicht nur die Bundesliga den nächsten Schritt machen, auch der gesamte Jugendbereich profitiert davon.

Häufig hapert es an der individuellen Ausbildung der Spielerinnen. Weil es zu wenig qualitativ gut ausgebildete Trainer gibt?

Die Anziehungskraft für engagierte Trainer ist oftmals im männlichen Bereich größer, da dort einfach mehr geht, die Aufmerksamkeit höher ist. Das ist sehr schade, denn gerade bei Mädchen ist aufgrund ihrer Sozialisation gezieltes Training noch wichtiger. Jungs entwickeln grundlegende Dinge auf der Straße weiter, wenn sie zum Beispiel zusammen kicken.

Sie haben als Quereinsteiger Spaß und Erfüllung am Frauenhandball gefunden?

Frauen arbeiten super professionell, sind wahnsinnig fokussiert, auch außerhalb des Trainings befassen sie sich mit Taktik. Zickenkrieg kenne ich nicht. Viele Vorurteile sind nichts anderes als Stammtischparolen.

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Wie würden Sie Ihre Führungsphilosophie skizzieren?

Ich bin sicher jemand, der versucht, die Spielerinnen mit ins Boot zu nehmen. Ich bin ein kommunikativer Trainer, der das Gespräch sucht und das nicht von oben herab. Ich gebe Ideen, Anregungen, wir einigen uns und ziehen es gemeinsam durch. Die letzte Entscheidung liegt natürlich immer bei mir.

Das klingt nach klaren Vorstellungen. Kim Naidzinavicius und Julia Behnke hat der klare Fahrplan für eine Weiterentwicklung des Teams gefehlt, sie sind wegen Henk Groener zurückgetreten. Holen Sie die beiden zurück?

Also, jetzt bin ich gerade mal wenige Tage im Amt und muss mir beim kommenden Lehrgang und den Länderspielen erst einmal ein Bild machen, dann sehen wir weiter. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass mir Henk Groener eine gute und homogene Truppe hinterlassen hat.

Von was machen Sie Ihre Entscheidung abhängig?

Zunächst einmal müssten die beiden Spielerinnen überhaupt ein Comeback anstreben. Sie hatten sich im vergangenen Jahr dafür entschieden, nicht mehr für Deutschland zu spielen. Für mich als Bundestrainer ist immer die Leistung entscheidend. Ich werde immer die Spielerinnen nominieren, die in meine Spielphilosophie passen und die Erfolgswahrscheinlichkeit für das Gesamtprodukt erhöhen. Zudem erwarte ich von allen, dass sie zu 100 Prozent für die Aufgabe brennen.

Zur Person

Vita
Gaugisch wurde am 20. April 1974 in Göppingen geboren. Er feierte als Spieler 1993 die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft mit dem TSV Heiningen. Später spielte er für den VfL Pfullingen den TV Neuhausen/Erms. Er trainierte in der Bundesliga den TV Neuhausen/Erms und den HBW Balingen-Weilstetten, seit 2020 ist er Chefcoach der Bundesliga-Handballerinnen der SG BBM Bietigheim. Seit Mitte April trainiert er zusätzlich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft.

Privates
Gaugisch ist verheiratet mit Silke. Das Paar hat die Kinder Ida (17), sie spielt bei der TuS Metzingen, und Kalle (13), er spielt für den Nachwuchs des HBW Balingen-Weilstetten. Gaugisch ist in Dußlingen Lehrer am Karl-von-Frisch-Gymnasium (Sport und Deutsch). Die Familie wohnt in Nehren. (jüf)