Triumphator: Alexander Petersson feiert den Titel, während den Fans auf dem Videowürfel Torhüter Mikael Appelgren präsentiert wird. Foto: Bongarts

Die Handballer aus Mannheim verteidigen den DM-Titel – und überraschen damit sogar sich selbst. Architekt des Erfolgs ist Trainer Nicolaj Jacobsen.

Mannheim - Was wurde zuletzt nicht alles gefeiert: Meisterschaften, Aufstiege, Pokalsiege, Erfolge in der Relegation und Nichtabstiege – vor allem im Fußball durchchoreografiert bis ins letzte Detail. Vom Konfettiregen über Minikameras an riesigen Biergläsern bis zu T-Shirts mit tollen Texten passte alles perfekt, doch wirkten die Emotionen gerade deshalb oft gekünstelt. Und folglich anders als bei den Rhein-Neckar Löwen. Der Handball-Bundesligist aus Mannheim verteidigte zuerst den DM-Titel und zeigte dann, dass er auch ein Meister der Improvisation ist.

Nach dem famosen 28:19-Erfolg gegen den gestürzten Giganten THW Kiel, der nur deshalb schon zwei Spieltage vor dem Ende der Saison den Titel bedeutete, weil Frisch Auf Göppingen zuvor den Tabellenzweiten SG Flensburg-Handewitt mit 31:27 geschlagen hatte, gab es eine spontane Sause. Das Bier kam von der Tankstelle, die Leidenschaft von Spielern und Fans. Und noch während in der SAP-Arena gesungen, getanzt und getrunken wurde wie in einer gut gehenden Diskothek, buchte ein fleißiger Löwen-Mitarbeiter für den nächsten Morgen eine Mannschaftsreise an den Ballermann. Aus der Halle ging’s direkt nach Malle. „Was für ein Wahnsinn“, sagte Geschäftsführerin Jennifer Kettemann, nachdem sie unter eine Bierdusche geraten war, „uns hatte vor der Saison doch niemand auf dem Zettel. Nicht mal wir selbst.“

Der Titel ist nicht zuletzt ein Verdienst des Trainers

Was durchaus erstaunt, schließlich starteten die Löwen als Titelverteidiger. Allerdings auch scheinbar geschwächt. Schließlich hatten Uwe Gensheimer, der beste Linksaußen der Welt, und Abwehrspezialist Stefan Kneer den Verein nach der ersten Meisterschaft verlassen. „Andere Teams wurden höher gehandelt“, jubelte Nicolaj Jacobsen am späten Mittwochabend, „aber wir haben den Titel.“ Das ist nicht zuletzt ein Verdienst des Trainers.

Der Däne, der künftig auch das Nationalteam seines Heimatlandes betreuen wird, ist der Architekt des Erfolgs. Die Löwen beherrschen mehrere Abwehrsysteme, die sie von einem Moment auf den anderen wechseln können. Keine andere Mannschaft setzt derart gekonnt auf den siebten Feldspieler, wenn es in der Offensive nicht läuft. Und das Vertrauen der Mannschaft in Jacobsen ist riesig. „Er ist einer der besten Trainer der Welt“, sagte Sportchef Oliver Roggisch, „Meister zu werden ist schon schwer genug. Aber diesen Erfolg ein Jahr später noch einmal zu wiederholen ist unglaublich.“

Erst recht, weil der THW Kiel (9,5 Millionen Euro) und die SG Flensburg-Handewitt (7,0) nicht nur über höhere Etats verfügen als die Löwen (6,5), sondern auch über breiter aufgestellte Kader. Und dennoch wird die Schale am 10. Juni in Mannheim überreicht. „Bei uns“, sagte Andy Schmid, gefragt nach dem Erfolgsgeheimnis, „macht jeder seinen Job.“ Allen voran der geniale Spielmacher aus der Schweiz.

Gegner verzweifeln am Abwehrbollwerk

Schmid überzeugt nicht nur als Torschütze und Vorbereiter, er versteht es auch wie kaum ein anderer, das Tempo zu variieren, wovon vor allem seine Halbspieler Alexander Petersson und Kim Ekdahl du Rietz profitieren. Dazu kommt ein Abwehrbollwerk um Gedeon Guardiola und Hendrik Pekeler, an dem zuletzt auch der THW Kiel verzweifelte. Dahinter steht in Mikael Appelgren ein Torwart der Extraklasse, der am Mittwoch sogar deutlich besser hielt als das Kieler Topduo Niklas Landin und Andreas Wolff. „Auf mein Team“, sagte Trainer Jacobsen, „bin ich sehr stolz.“

Allerdings werden die Herausforderungen nicht kleiner. Der Schwede Kim Ekdahl du Rietz bat um Auflösung seines Vertrages, weil er auf Weltreise gehen will. Ihn soll der Ex-Göppinger Momir Rnic ersetzen, was nicht einfach wird. Dazu kommt, dass die Stars Schmid (33), Petersson (36), Sigurdsson (37), Guardiola (32) und Baena (34) schon im reiferen Handball-Alter sind. Weshalb Geschäftsführerin Kettemann, nachdem sie wieder halbwegs trocken war, sagte: „Wir genießen jetzt erst mal die zweite Meisterschaft. Aber niemand sollte davon ausgehen, dass nun gleich der dritte Titel folgt.“

Es ist eine Taktik, die den Löwen zu liegen scheint.

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