Der Leistungsabfall bei Frisch Auf Göppingen passt nicht zu den ambitionierten Zielen des Handball-Bundesligisten. Mit Blick in die Zukunft stellt sich die Frage: Wer ist den steigenden Ansprüchen gewachsen?
Göppingen - Göppingen fehlt noch...?“, hat ein Stadtmagazin mal in einem Fragebogen an lokale Prominenz wissen wollen. Oliver Sihler, der Geschäftsführer der Göppinger City e.V., antwortete: „Die zwölfte deutsche Meisterschaft für Frisch Auf.“ Der Citymanager war bis vergangenen Oktober über zehn Jahre lang auch Fanbeauftragter des Vereins. Dann trat er zurück, da er sich mit den Werten des Handball-Bundesligisten im Zusammenhang mit der blauen Grundfarbe des Heimtrikots nicht mehr identifizieren konnte.
Starke Phase nach WM-Pause
Sihler ist weg, die Ansprüche aber sind geblieben, besser gesagt gestiegen. Nicht dass das Ziel plötzlich deutsche Meisterschaft lautet, aber als Vision wurde nach dem Einstieg von Hauptsponsor Teamviewer Ende September 2020 ausgegeben, mittel- bis langfristig ans Tor zur Champions League klopfen zu wollen. Lange Zeit sah es schon in dieser Saison zumindest nach dem Sprung in die European League aus. Mit beeindruckenden 18:0 Punkten warf sich die Mannschaft von Trainer Hartmut Mayerhoffer nach der WM-Pause auf Platz fünf. Das Polster auf die besser besetzte und weitaus betuchtere Konkurrenz aus Berlin und Melsungen wuchs auf vier bis sechs Punkte an.
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Doch Frisch Auf – mit vergleichsweise geringen Verletzungssorgen und ohne internationale Belastung – surfte auf dieser Erfolgswelle nicht weiter. Es folgte vielmehr der krasse Absturz. Vor den beiden Auswärtsspielen an diesem Donnerstag (19 Uhr) beim THW Kiel und am Sonntag (16 Uhr) bei GWD Minden lautet die jüngste Misserfolgsserie 5:17 Punkte. Das Selbstvertrauen ist wie weggeblasen, Verunsicherung zieht sich durchs komplette Team, auch die beiden lange Zeit so erfrischend aufspielenden Nationalspieler Sebastian Heymann und Marcel Schiller sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Sportliche Leiter Christian Schöne hat „eine Blockade im Kopf“ als Hauptgrund für den krassen Leistungsabfall ausgemacht.
Was ist realistisch?
Und der Trainer? Hartmut Mayerhoffer verweist auf seinen engen Kader (mit zu wenig brauchbaren Alternativen hinter der Stammsieben), bemängelt vor allem immer wieder die schwache Chancenverwertung und wird nicht müde, das richtige Maß zwischen Anspruch und Wirklichkeit beim Traditionsclub einzufordern. Als vor kurzem bei der Pressekonferenz die Frage aufkam, ob man nach der 18:0-Punkte-Serie und Platz fünf nicht die Gunst der Stunde hätte nutzen sollen, antwortete er mit Gegenfragen: „War diese 18:0-Punkte-Serie realistisch? Ist Platz fünf für diese Mannschaft realistisch?“
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Das kam nicht bei allen im Umfeld des Vereins gut an. Seine Kritiker wünschen sich ein bisschen mehr Mut, ein bisschen mehr Risikobereitschaft, ein bisschen mehr Esprit. In der Außendarstellung. Aber auch, was die Taktik betrifft. Mayerhoffer (Vertrag bis 2022) setzt fast ausschließlich auf sein aggressives 6:0-Abwehrsystem. Selbst wenn’s gar nicht läuft, scheut sich der 51-Jährige, im Angriff das Überzahlspiel Sieben gegen Sechs zu wagen.
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Problemzone Tor
Und dann gibt es da noch die Problemzone zwischen den Pfosten. Daniel Rebmann (27) kommt bei weitem nicht an die Form des Vorjahres heran, Urh Kastelic (25) konnte sein Zwischenhoch, das er zu Beginn des Jahres gehabt hatte, nicht konservieren. Unterm Strich verliert Frisch Auf in schöner Regelmäßigkeit das Duell auf dieser absoluten Schlüsselposition im Handball. Dass Handlungsbedarf besteht, darüber gibt es eigentlich keine zwei Meinungen, obwohl beide Torhüter noch bis 2022 unter Vertrag stehen. Rufe werden laut nach einem erfahrenen Keeper, der die Wahrscheinlichkeit auf zwölf bis 15 Paraden pro Spiel deutlich erhöht. Bevor Andreas Wolff Anfang Juni seinen Vertrag beim polnischen Topclub KS Kielce gleich um fünf Jahre verlängerte, geisterte sogar der Name des Nationalkeepers durch die Göppinger Gerüchteküche.
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Dass solch ein Weltstar und Topverdiener auch nur andeutungsweise überhaupt mit Frisch Auf in Verbindung gebracht wird, liegt vor allem am neuen Hauptsponsor Teamviewer, der erhöhte finanzielle Möglichkeiten bietet. Es gilt als ziemlich sicher, dass das IT-Unternehmen den 2022 auslaufenden Vertrag zu besseren Konditionen verlängern wird. Die Ansprüche steigen – nun werden sie bei Frisch Auf zeigen müssen, dass sie diesen gewachsen sind. Und zwar alle Beteiligten.