Auch die Sporthalle im Berufsschul-zentrum Leonberg ist zur Notunterkunft umgebaut. Foto: Simon Granville

Angesichts weiter steigender Flüchtlingszahlen wird verstärkt über die Belegung von Sporthallen diskutiert. So sieht es in Stuttgart und der Region aus.

Die Ankündigung mancher Politiker klingt wie eine Drohung: Wenn die Flüchtlingsströme weiter anschwellen, werde es schon bald notwendig sein, für die Unterbringung von Geflüchteten weitere Turn- und Sporthallen umzurüsten. Was ist dran an solchen Szenarien? Drohen Vereinen und Schulen tatsächlich schon in naher Zukunft drastische Einschnitte? Wir haben einmal bei den Kreisen und den 20 größten Städten der Region nachgefragt.

 

Stuttgart zieht Pläne zurück

Vor wenigen Wochen hatte die Ankündigung von Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper Aufregung verursacht. Weil verschiedene Unterkünfte weggefallen waren, schien eine Umwandlung von Turn- und Sporthallen in Unterkünfte für Geflüchtete unvermeidlich. Doch nach wenigen Tagen gab es Entwarnung aus dem Rathaus. 250 Flüchtlinge können nun in einem Hotel in der Stadt untergebracht werden, für 500 Flüchtlinge werden kurzfristig Notunterkünfte im Alten Reitstadion im Bereich des Cannstatter Wasens geschaffen.

Mehrere Hallen im Rems-Murr-Kreis

Tatsächlich nutzen einige Kreise rund um Stuttgart bereits heute Hallen: Im Rems-Murr-Kreis ist das Ankunftszentrum des Kreises in einer Sporthalle auf dem Gelände des Beruflichen Schulzentrums Waiblingen untergebracht. Hier leben momentan 70 Flüchtlinge aus der Ukraine. Die Olgahalle am Beruflichen Schulzentrum Schorndorf beherbergt zudem 92 der insgesamt 2239 vom Kreis betreuten Asylbewerber. Eine dritte vom Kreis genutzte Sporthalle konnte im August 2022 wieder von den Sportlern genutzt werden.

Auch der Kreis Böblingen, der ebenfalls rund 2300 Flüchtlinge in der vorläufigen Unterbringung betreut, nutzt zwei Sporthallen in kreiseigenen Berufsschulen: In Sindelfingen leben aktuell rund 150, in Leonberg 130 Menschen.

Kein Hallenbedarf in Esslingen, aber . . .

Bisher hat der Landkreis Esslingen darauf verzichten können, Sporthallen für die Unterbringung der 2400 nichtukrainischen Flüchtlinge umzubauen. Das heißt aber nicht, dass es im Kreis keine Probleme gibt: Die Pläne etwa von Landrat Heinz Eininger, auf dem Roser-Areal in der Esslinger Pliensauvorstadt künftig bis zu 550 junge Männer aus Syrien, Afghanistan und der Türkei unterzubringen, stoßen bei der Bevölkerung auf heftigen Widerstand.

Hallenstandorte wieder aufgegeben

Sowohl im Kreis Ludwigsburg als auch im Kreis Göppingen haben die Landratsämter von September 2022 bis zum Sommer 2023 jeweils zwei kreiseigene Sporthallen als Unterkünfte genutzt. In Göppingen waren das zwei Schulsporthallen am Berufsschulzentrum Öde, im Kreis Ludwigsburg die kreiseigene Sporthalle des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim-Bissingen. Zudem war die Sporthalle der Carl-Schäfer-Schule in Ludwigsburg als Notunterkunft für eine Belegung vorbereitet worden. Da aber die Kapazitäten erhöht werden konnten und die Flüchtlingszahlen im Sommer leicht zurückgingen, konnten die Sporthallen im September 2023 wieder freigegeben werden.

Überraschung bei Onlineumfrage

Die Forschungsgruppe Migrationspolitik der Universität Hildesheim hat im Oktober unter dem Titel „Am Limit?“ eine bundesweite Onlineumfrage zur kommunalen Unterbringung von Flüchtlingen durchgeführt – mit einem überraschenden Ergebnis. Immerhin knapp 60 Prozent der befragten Kommunen beschreiben die Lage als „herausfordernd, aber (noch) machbar“. Lediglich 40 Prozent berichten hingegen von einer „Überlastung“ und sehen sich „im Notfallmodus“. Etwa 45 Prozent der Kommunen nutzen aktuell Notunterkünfte, vor allem Container. Sporthallen sind dagegen nur in sechs Prozent der Kommunen belegt.

Die Lage in den Städten in der Region

Der Trend der Umfrage lässt sich auch in der Region Stuttgart feststellen: Die Erhebung zeigt, dass es nur sehr wenige Städte gibt, die Hallen für die Unterbringung von Geflüchteten nutzen – die Tendenz ist sogar eher fallend. Noch als Unterkunft genutzt werden im Kreis Böblingen die Alte Sporthalle Herrenberg, im Rems-Murr-Kreis sind es Hallen in Kernen, Winnenden und Schorndorf und im Kreis Ludwigsburg in Eberdingen und Kornwestheim, wobei die Hanspeter-Sturm-Stadionhalle nur bis August dieses Jahres belegt war und sich momentan im Stand-by-Modus befindet.

In den Kreisen Göppingen und Esslingen gibt es keine Städte und Gemeinden, die diesen Weg gehen. Zwar betonen alle Sprecherinnen und Sprecher der Rathäuser, dass man im Falle eines weiteren deutlichen Anstiegs eine solche Maßnahme nicht ausschließen könne. Konkrete Planungen dafür gibt es aktuell aber in keiner der befragten Städte. Die Studie aus Hildesheim kommt zu dem Schluss: „Die kommunalen Bedarfe zu hören und zu transportieren, ohne zu dramatisieren, bleibt eine Herausforderung für die mediale und politische Debatte.“