Rund 30 000 Pflegekräfte aus Osteuropa arbeiten in Baden-Württemberg Foto: dpa

Die Pflege von Familienangehörigen zu Hause: Das ist meist Sache der Frauen. 42 Prozent von ihnen sind auch noch berufstätig. Wenn die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist, setzen viele Angehörige auf Hilfe aus Osteuropa.

Stuttgart - Die Pflege von Familienangehörigen zu Hause: Das ist meist Sache der Frauen. „42 Prozent von ihnen sind auch noch berufstätig“, sagt Ursula Matschke, Leiterin der Abteilung für Chancengleichheit der Stadt und stellt fest: „Die erreichen irgendwann die Grenzen der Belastbarkeit.“

Als dieser Punkt erreicht war, hat eine Tochter für die Pflege der 92 Jahre alten Mutter Greta eingestellt. Die 28-Jährige stammt aus Polen und wurde ihr von einer Agentur vermittelt. Gezeigt wird Gretas Ankunft in der Familie in einem Kurzfilm. Gezeigt wird der im Großen Sitzungssaal im Rathaus. Der Film ist der Einstieg in die Podiumsdiskussion zum Thema „Eine Polin für die Oma – wie gestalten wir häusliche Pflege?“ am vergangenen Freitag. Die Szenen machen klar: Das kann nicht gut gehen . Greta muss im Zimmer mit der 92-Jährigen schlafen. Nachts steht sie bis zu sieben Mal auf, bringt die alte Dame zur Toilette. Ihr Monatslohn bei freier Kost und dem Bett: 1900 Euro. 900 Euro davon gehen an den Vermittler. Die Situation eskaliert. Das Arbeitsverhältnis platzt.

Nach den Recherchen der Journalistin Ingeborg Haffert, die den Film gedreht und ein Buch über das Thema der Podiumsdiskussion geschrieben hat, leben geschätzt rund 500 000 Betreuungskräfte aus Osteuropa in Deutschland, davon etwa 30 000 in Baden-Württemberg, in einer ähnlichen Situation wie Greta. „Niemand kennt sie, denn alles spielt sich hinter verschlossenen Türen, im Privaten ab“, sagt die Autorin. Die Schuld an den untragbaren Zuständen will sie niemandem geben. „Alle, die Betreuerinnen, die Familien und die zu betreuenden Menschen, wollen das Beste“, sagt Haffert. Damit die Pflege zu Hause für alle menschlich wird, fordert sie eine Verteilung auf viele Schultern: „Verwandte, die Betreuerin, der Pflegedienst und Nachbarn, sollten mit einbezogen werden und die Arbeitsbedingungen fair gestaltet werden.“ Trotz der Defizite plädiert sie für die häusliche Pflege. Denn nur zu Hause , wo die Erinnerungen lebendig sind,werde auch die Seele versorgt.

Rechtliche Bedingungen durchsetzen

Ulrich Schmolz vom Sozialministerium widerspricht: „Der Pflegebedarf wird steigen, und wir müssen einsehen, dass nicht für jeden Bedarf die häusliche Pflege am geeignetsten ist“, stellt er fest. Er will die Altenpflege nicht auf osteuropäischen Betreuungskräften aufbauen, die auch unter illegalen Arbeitsbedingungen beschäftigt sind. Er sieht die Zukunft in einer Infrastruktur mit ambulanten Pflegediensten, Pflegeheimen und qualifizierten Kräften, die Pflege zu guten Bedingungen möglich macht. Das koste Geld, und warum solle da nicht auch das Vermögen der zu Pflegenden herangezogen werden? fragt er und stellt fest: „Dabei gibt es keinen Erbschutz.“

Kai Schneider vom Verein für Internationale Jugendarbeit, der Betreuerinnen vermittelt, fordert in erster Linie die Durchsetzung der rechtlichen Grundlagen für Beschäftigung in der häusliche Pflege:das heißt geregelte Arbeitszeiten, Mindestlohn und das Entrichten von Sozialabgaben

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