Lesenswert, aber auch fordernd: Dirk Kurbjuweits „Haarmann“. Foto: Lukas Jenkner

Im allgemeinen Roaring-Twenties-Taumel stellt Dirk Kurbjuweits Roman über den „Kannibalen von Hannover“ eine wohltuende, allerdings schwer verdauliche Abwechslung dar.

Stuttgart - Die TV-Erfolgsserie „Babylon Berlin“ hat die 1920er Jahre in den vergangenen zwei Jahren bereits populär gemacht, und seitdem das Jahr 2020 angebrochen ist, scheint es für den Enthusiasmus rund um die Roaring Twenties keine Schranken mehr zu geben: Dokus, Bücher, Filme, Varieté-Shows und Themenpartys widmen sich dem Jahrzehnt, das einerseits schillerte und dröhnte wie kaum eines zuvor, in dem aber andererseits Europa in den faschistischen Abgrund taumelte.

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Auch wenn es an Bezügen auf die sozialen Verwerfungen der Weimarer Republik allenthalben nicht fehlt, gehen sie im Partytaumel à la „Babylon Berlin“ gelegentlich etwas unter. Nicht so bei Dirk Kurbjuweit: Der Spiegel- und Zeit-Autor nutzt die Geschichte eines der grausamsten und gruseligsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte für ein Sittengemälde der deutschen Provinz der 1920er Jahre, dessen Lektüre gelegentlich so trostlos ist, dass es weh tut. Lesenswert bleibt es gleichwohl.

Wie konnte der Killer so lange töten?

Fritz Haarmann, der in Hannover über mehrere Jahre und zuletzt immer schneller junge Männer in seine Wohnung lockte und dort bestialisch ermordete, um die zerstückelten Leichen in der Leine zu entsorgen, ist Filmfreunden womöglich bekannt durch die brillante Verfilmung „Der Totmacher“, in der Götz George den Serienkiller spielt. Sogar den Horrorautor Stephen King hat Haarmann zu einem abartigen Mörder in „Das schwarze Haus“ inspiriert.

Kurbjuweit indes geht in seinem Kriminalroman der Frage nach, wie die pathologische Perversion des Fritz Haarmann sich im Hannover der 1920er Jahre derart grausig entfalten konnte, und wie es möglich war, dass der gewiefte, aber geistig eher minderbemittelte Lebenskünstler so lange morden konnte, obwohl er früh und immer wieder zum Kreis der Verdächtigen gehörte und phasenweise nahezu rund um die Uhr überwacht wurde.

Ein düsteres Bild der Weimarer Republik

Der Autor entfaltet das Panorama einer deutschen Gesellschaft, die nach dem verlorenen Weltkrieg in Agonie und Armut verharrt. Millionen Menschen sind entwurzelt und durch die Gräuel des Krieges traumatisiert, in einer unseligen Mischung aus Stumpfheit und Stumpfsinn geht das mörderische Treiben Haarmanns einfach unter. Derweil treiben die Nazis, noch mit einstelligen Prozentwerten bei diversen Wahlen, bereits auf den Straßen ihr Unwesen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht neben Fritz Haarmann der fiktive Polizist Robert Lahnstein, der aus Bochum nach Hannover geschickt wird, um die stockenden Ermittlungen rund um das Schicksal einer wachsenden Zahl junger, verschollener Männer wieder in Gang zu bringen. Erschwert wird Lahnsteins Arbeit dadurch, dass sich die vermuteten Taten im Homosexuellen-Milieu abspielen, Schwulsein gilt als widernatürlich und ist gesetzlich verboten, entsprechend eisern schweigen etwaige Zeugen.

Seine fiktive Verhandlung verknüpft Kurbjuweit mit der Realität, die er den Hannoveraner Polizei- und Gerichtsakten entnommen hat. Unterm Strich ist dabei ein Roman entstanden, der ein düsteres, aber realistisches Bild der deutschen Provinz in der Weimarer Republik zeichnet, in der nicht viel Platz gewesen ist für das persönliche Glück des Einzelnen. Und am Ende versteht der Leser sogar ein wenig, wie auf diesem Humus die Nazi-Brut gedeihen konnte.

Dirk Kurbjuweit: Haarmann. Ein Kriminalroman. Penguin Books München 2020. Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten, 22 Euro.

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