„Babylon Berlin“-Star Volker Bruch schwärmt von guten Fernsehserien, schimpft auf das Theater und freut sich darauf, bald wieder in die wunderbare Welt des in den 1920er Jahren spielenden TV-Thrillers „Babylon Berlin“ zurückkehren zu dürfen, die Sonntag im Ersten startet.
Stuttgart/Berlin - Die Serie „Babylon Berlin“ erzählt einen Krimi, der zwischen Glanz, Elend und politischem Umbruch durch die Weimarer Republik irrt. Mitten drin: der Sittenpolizist Gereon Rath, der von Volker Bruch gespielt wird. Wir haben mit dem 38-Jährigen über den Hype um die Serie, die von Sonntag an im Ersten zu sehen ist, über Nebenfiguren, die zu Hauptfiguren taugen und über die Ausbeutung an deutschen Theatern gesprochen.
Herr Bruch, Sie spielen in „Babylon Berlin“ Gereon Rath: einen psychisch und physisch schwer angeschlagenen Polizisten in der Weimarer Republik. Die Dreharbeiten haben sieben Monate gedauert. Und wie lange hat es danach gedauert, bis Sie sich wieder davon erholt haben, Gereon Rath zu sein?
Nach den Dreharbeiten brauchte ich schon eine Pause. Ich war froh, dass es vorbei war. Auch weil ich kräftemäßig am Ende war. Aber nach einer Woche hatte ich schon wieder Sehnsucht nach all den tollen Menschen, mit denen ich bei „Babylon Berlin“ zusammengearbeitet hatte.
Diese Sehnsucht wird jetzt erfüllt.
Stimmt, im November beginnen die Dreharbeiten für die dritte Staffel.
Werden Sie wieder sieben Monate lang zu Gereon Rath?
Da wir jetzt weniger Episoden drehen, geht es diesmal vielleicht schneller. Aber ein halbes Jahr könnte es schon dauern. Aber ich bin bei den Dreharbeiten für die ersten beiden Staffeln ja auch nicht wirklich als Gereon Rath nach Hause gefahren. Wenn ich den Anzug anziehe, die Haare nach hinten käme und den Hut aufsetze, bin ich Gereon Rath. Und wenn nicht, dann nicht.
„Babylon Berlin“ erzählt eine komplizierte Geschichte voller unterschiedlicher Handlungsstränge, die sich kreuzen. Fällt Ihnen ein Satz ein, der die Serie zusammenfasst?
Nein. Und ich bin froh, dass das gar nicht nötig ist. Der große Vorteil von Serien ist, dass man so viel Zeit hat, dass man diese Geschichte in zwölf Stunden erzählen darf. Und diese zwölf Stunden braucht man auch.
Im Berlin der späten 1920er Jahre liegen Dekadenz, Elend und politischer Umbruch ganz nah beieinander. Das zeigt „Babylon Berlin“ sehr eindrücklich.
Ja, ich glaube, dass die Weimarer Republik genau deshalb ein toller Nährboden für spannende Geschichten ist. Es findet stets ein irrer Spagat zwischen diesen Aspekten statt, die sich nicht wirklich voneinander trennen lassen.
Hat Sie der Erfolg von „Babylon Berlin“ trotzdem überrascht?
Naja, die Konstellation war von Anfang an natürlich vielversprechend. Da sind viele tolle Parameter zusammengekommen: die Regisseure, das Ensemble, das Drehbuch, das Budget. Das Spannende beim Filmen ist aber, dass du nie weißt, was dabei herauskommt. Und selbst wenn etwas gut wird, heißt es ja nicht gleich, dass es auch erfolgreich wird.
Aber die Filmemacher sind auf Nummer sicher gegangen, haben selbst Nebenrollen mit so grandiosen Darstellern wie Lars Eidinger, Fritzi Haberland oder Jens Harzer besetzt.
Eigentlich gibt es gar keine Nebenrollen – nur jede Menge wahnsinnig starke Charaktere. Das ist das Tolle, wenn jetzt die Geschichte für die nächste Staffel weitererzählt wird. Jede Figur, die bisher eher nebensächlich war, könnte jetzt größer werden, mehr Platz einnehmen, weil jede dieser Figuren das hergibt. Beim Zuschauen weiß man ja nie genau, wie die Handlungsfäden weiter verlaufen, weil man allen Figuren eine eigene Geschichte zutraut.
Es gibt in der Serie gleich drei Regisseure: Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten. Verderben nicht zu viele Köche den Brei? War es nicht anstrengend, gleich drei Menschen zu haben, die einem sagen, was man tun soll?
Wir haben immer nur einen Menschen gehabt, der uns gesagt hat, was wir tun sollen, beziehungsweise der Regie geführt hat. Wenn alle drei gleichzeitig am Set gewesen wären, wäre das bestimmt schief gegangen. Da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Aber die drei haben sich abgewechselt. Wir haben in Blöcken gedreht. Alle sechs Wochen ein anderer Regisseur.
Was ist eigentlich der größte Unterschied zwischen den Dreharbeiten für einen Spielfilm und für eine Serie?
Es gibt keinen. Es ist nur eine Konditionsfrage. Eine Serie zu drehen dauert länger.
Für sieben Monate „Babylon Berlin“ hat ihre Kondition gereicht. Fürs Theater aber bisher nicht. Oder hat es einen anderen Grund, warum Sie seit dem Abschluss der Schauspielschule zwar in Filmen und Serien nicht aber auf der Theaterbühne gespielt haben?
Direkt nach der Schauspielschule war es das Naheliegende, Theater zu spielen. Aber ehrlich gesagt, hat mich das nicht gereizt. Ein Anfängervertrag ist so etwas Brutales, so etwas Ausbeuterisches, dass ich darauf keine Lust hatte. Die Vorstellung, in so einem Knebelvertrag zu stecken, der einen zum Leibeigenen des Theaters macht und einen dazu zwingt, zwei Jahre lang das zu machen, was einem gesagt wird und soundso viele Premieren im Jahr zu spielen, hat mich abgeschreckt. Und dann noch die Arbeitszeiten. Ich finde es nach wie vor problematisch, wie da junge Kollegen ausgebeutet werden. Die sind oft nach ein paar Jahren völlig fertig, trauen sich aber nicht aufzuhören, weil der Job doch immer auch eine Chance verspricht.
Es ging Ihnen damals also zumindest auch um die Bezahlung.
Richtig. Es kommt aber noch dazu, dass ich mich im Theater ganz oft fürchterlich geärgert habe. Wenn mir als Zuschauer ein Theaterstück nicht gefällt, kann ich nach einer halben Stunde rausgehen. Wenn ich als Schauspieler auf der Bühne stehe, kann ich das nicht. Das war meine große Angst, dass ich in einem Stück mitspielen muss, mit dem ich nichts anfangen kann, das totaler Schrott ist, dass ich meine Zeit und meinen Körper für etwas hergeben muss, an das ich überhaupt nicht glaube. Das ist beim Film anders. Da hangelst du dich von Projekt zu Projekt und kannst immer Nein sagen.
Wenn man es sich leisten kann.
Stimmt. Auf der anderen Seite finde ich, wenn man Ja sagt, sollte man sich auch voll reinschmeißen, es so gut wie möglich machen, egal, was es dann ist. Auch wenn das dann zum Beispiel eine Vorabendserie ist. Nicht jedes Projekt, das man macht, macht man, weil man das Drehbuch so toll findet. Es gibt viele Gründe, warum man zusagt. Das kann auch am Geld, der Location oder den tollen Kollegen liegen. Am Ende kommt eben ein Ja oder Nein heraus. Und wenn Geld auf dem Konto ist, kann man viel leichter Nein sagen.
Seit einigen Jahren gibt ein neues Goldene Zeitalter der TV-Serien. In Deutschland ist dieser Trend erst mit Verspätung angekommen. Was ist ihre Erklärung dafür, dass es so lange gedauert hat, bis Qualitätsserien wie „Babylon Berlin“ endlich auch in Deutschland produziert werden?
Zumindest liegt es auf keinen Fall am fehlenden Talent der deutschen Filmschaffenden. Das Problem ist, dass wir in Deutschland ganz starre bürokratische Finanzierungswege haben, die so viele Hürden aufbauen, dass gute Ideen oft auf der Strecke bleiben. Es reden zu viel Leute mit, und hier verderben dann tatsächlich zu viele Köche den Brei. Das halte ich übrigens auch für das große Plus bei „Babylon Berlin“: dass es hier drei Filmschaffende gab, die nahezu die komplette künstlerische Freiheit hatten, dass die drei Jungs schlussendlich immer das letzte Wort hatten.
Haben Sie abschließend vielleicht ein paar Tipps, für alle, die „Babylon Berlin“ schon gesehen haben? Was sind gerade Ihre Lieblingsserien?
Ich habe zuletzt die Agentenserie „Killing Eve“ und die Dokumentarserie „Making A Murderer“ gesehen. Von beiden bin ich sehr begeistert, die kann ich nur empfehlen – auch wenn es da überhaupt keine Gemeinsamkeiten mit „Babylon Berlin“ gibt.
Info: Mit „Babylon Berlin“ Ins Goldene Serienzeitalter
Serie „Babylon Berlin“ erzählt basierend auf den düsteren Krimis von Volker Kutscher eine verwinkelte Geschichte im Berlin der Weimarer Republik. Sie erweist sich als opulentes Sittengemälde der 1920er Jahre und führt in das gleissende Licht dekadenter Partys wie in das finstere Schattenreich der Gosse.
Entstehung Die Serie, bei der Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries Regie geführt haben, wurde schon 2017 als TV-Ereignis des Jahres gefeiert. Zunächst war die Koproduktion von Sky und ARD allerdings nur von dem Bezahlsender ausgestrahlt worden. Nun folgt die Free-TV-Premiere.
Ausstrahlung Die ersten drei „Babylon Berlin“-Episoden zeigt das Erste an diesem Sonntag ab 20.15 Uhr („Tatort“ entfällt). Bis zum 8. November werden die bisher vorliegenden zwei Staffeln (insgesamt 16 Episoden) ausgestrahlt. Im November beginnen die Dreharbeiten für die dritte Staffel, weitere sind geplant.