CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf im Sommerinterview mit den Stuttgarter Nachrichten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Rad zurückdrehen wolle er nicht, versichert CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf. Und doch lässt er keinen Zweifel daran, dass er bei einer Regierungsübernahme grün-rote Bildungsreformen stoppen wird.

Stuttgart - Herr Wolf, was ist Ihr Lieblingstier?
Das Pferd. Weil es ein anmutiges Tier ist,weil man mit ihm Sport treiben kann und weil es eine unheimlich gute Ausstrahlung auf Menschen hat.
Hat man in Ihrer Jugend oft mit Ihrem Namen gespielt?
Ich kann mich nicht erinnern, dass er eine so starke Rolle gespielt hat, wie das derzeit mitunter der Fall ist.
Gefällt Ihnen das? Mit dem Wolf verbindet man ja nicht nur Gutes.
Nun ja. Wenn der Nabu das Land zum Wolfserwartungsland erklärt, wenn die Menschen über die Rückkehr des Wolfes diskutieren und das auf mich beziehen, kann ich schon darüber schmunzeln.
Manche sagen, Sie kokettieren mit Ihrem Namen, weil es Ihnen an Profil mangelt.
Das ist schnell widerlegt.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann behauptet, Ihnen fehle ein Thema.
Vielleicht entgeht ihm einfach, welche Themen die CDU besetzt. Wir kümmern uns zum Beispiel stark um die Herausforderung des Flüchtlingszustroms. Wir haben ein Konzept vorgelegt, von dem wir überzeugt sind, dass es funktioniert, doch die Regierung hat es spontan verworfen. Wir befassen uns auch intensiv mit den Herausforderungen der Digitalisierung und haben eigenständige Ideen dazu entwickelt. Wir sind aber auch in der Bildungspolitik aktiv, um einen Gegenentwurf zu Grün-Rot zu erarbeiten. Für diese Arbeit spüren wir von Tag zu Tag mehr Zuspruch.
Bleiben wir bei den Flüchtlingen: Steht bei dieser Aufgabe nicht jede Regierung auf verlorenem Posten?
Keine Frage, ein solcher Zustrom stellt jede Regierung vor große Herausforderungen. Deswegen habe ich der Landesregierung ja angeboten, gemeinsam darauf zu antworten. Die Regierung weist jedoch reflexartig alles zurück, was von anderer Seite kommt. Allerdings muss ich mich schon wundern, wenn sie es zeitversetzt doch aufgreift – so wie unseren Vorschlag, die Erweiterung der Mindestwohnraumfläche für Flüchtlinge zu verschieben.
Vom Ergebnis des Mitgliederentscheids haben sich viele in der CDU eine Aufbruchstimmung erhofft. Wo ist die geblieben?
Die Aufbruchstimmung war in der Tat spürbar und hat zu einer großen Geschlossenheit geführt. Diese trägt die CDU bis heute. Natürlich gibt es mittlerweile eine gewisse Ungeduld, da und dort will man vielleicht früher mit dem Wahlkampf beginnen. Oder man erwartet, dass wir jeden Tag eine neue Rakete zünden. Das ist verständlich und zeigt mir, wie hoch motiviert die Partei ist. Aber wir müssen jetzt Schritt für Schritt vorgehen.
Sie haben in der CDU die Mehrheit hinter sich, doch deren Erwartungen decken sich nicht unbedingt mit denen der Wähler.
Das ist mir wohl bewusst. Der Mitgliederentscheid war ein Etappenziel. Jetzt geht es darum, die Bevölkerung zu gewinnen. Deshalb bin ich täglich unterwegs, um viele Menschen zu erreichen und zu zeigen, dass ich Politik für die Mitte der Gesellschaft mache.
Wo ist denn für Sie die Mitte?
Die Mitte, das sind zum Beispiel jene Menschen, die täglich zur Arbeit gehen, ihre Steuern zahlen und dadurch zu den eigentlichen Leistungsträgern des Landes werden. Das sind die vielen Familien, die ihre Verantwortung wahrnehmen. Und das sind die vielen Mittelständlerinnen und Mittelständler. Wir dürfen Politik nicht nur von den Rändern her definieren.
Welche konkreten Folgen soll das haben?
Ich möchte in Folge der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Betreuungsgeld einen Akzent für jene Familien setzen, die ihre Kinder zu Hause betreuen. Nicht in dem Sinn, dass wir das als Staat vorgeben. Sondern, dass wir die Wahlfreiheit begünstigen. Die Mitte im Blick zu haben, heißt aber auch, dass wir demjenigen, der mehr arbeitet, mehr im Geldbeutel lassen. Und es heißt, der Landwirtschaft eine bessere Perspektive zu geben und die Bauern insgesamt zu fördern, anstatt in konventionell und ökologisch zu trennen.
Wer bezahlt die Wohltaten?
Ich will, dass entweder der Bund die Mittel, die er als Betreuungsgeld zur Verfügung gestellt hat, an die Länder weiterreicht. Wenn er sich dazu nicht entschließen kann, werden wir als CDU eine vergleichbare Familienförderung auf den Weg bringen. Die wird aus dem Landeshaushalt finanziert, denn wir wollen nicht an jenen sparen, die für die Gesellschaft wichtig sind.
Aber ist die Gesellschaft nicht so bunt geworden, dass Sie mit Ihrer Definition von Mitte danebenliegen?
Natürlich hat sich das Familienbild verändert. Aus meiner Erfahrung als Landrat weiß ich um die vielen Alleinerziehenden, deren besondere Unterstützung mir immer sehr wichtig war und bleibt. Sie haben es nicht selten besonders schwer. Aber ich will auch, dass sich die Mehrzahl der klassischen Familien wertgeschätzt fühlt.
Der politische Gegner versucht Ihnen das Etikett „provinziell und rückständig“ anzuheften.
Wenn man unter provinziell versteht, dass ich das ganze Land im Blick habe, also nicht nur die Großstädte, sondern auch die ländlichen Räume, ist das sogar ein Kompliment. Denn genau auf diese Ausgewogenheit kommt es mir an. Und ist es provinziell, wenn Bildungspolitik auf der klassischen Idee der Differenzierung aufbaut? Ich halte diese Politik für moderner denn je.
Aber zusätzliche Gemeinschaftsschulen machen Sie nicht mit?
Wir werden die vorhandenen Gemeinschaftsschulen fair behandeln und ihnen die Chance zur Weiterentwicklung geben. Wir wollen keine Parteipolitik auf dem Rücken der Kinder. Aber wir werden keine neuen Gemeinschaftsschulen einrichten.
Ihr möglicher Koalitionspartner FDP ist dafür aber offen.
Wir gehen eigenständig in den Wahlkampf und verwässern nicht schon im Voraus unsere Politik, indem wir auf potenzielle Koalitionspartner schielen.
Wo liegt denn Ihre Zielmarke?
Es darf gegen die CDU keine Mehrheit geben.
Halten Sie sich alle Koalitionsmöglichkeiten offen?
Wir haben vor der vergangenen Landtagswahl auch Fehler gemacht. Gelegentlich waren wir etwas überheblich, und wir haben uns auch einseitig in eine Koalitionsecke gestellt. Diese Fehler werden wir nicht wiederholen. Ich betreibe deshalb keine Ausschließeritis, sondern suche zu gegebener Zeit nach Gemeinsamkeit.
Baden-Württemberg geht es derzeit glänzend. Wie wollen Sie da eine Regierung stürzen?
Es ist richtig, dass es den Menschen gut geht und die Wirtschaft brummt. Dennoch ist die Bevölkerung auf vielen Ebenen unzufrieden. Vor allem in den Schulen besteht Handlungsbedarf. Grün-Rot hat den Fehler gemacht, zu schnell zu vieles verändern zu wollen. Ein schwer wiegender Fehler ist es auch, die Gemeinschaftsschulen gegenüber anderen Schularten zu bevorzugen. Diese Ungerechtigkeit werden wir beenden.
Sie drehen das Rad zurück?
Nein. Wir wollen der Realschule eine bessere Perspektive geben. Das ist eine klassische Aufsteigerschule, die es zu fördern gilt. Und das Gymnasium werden wir nicht in Frage stellen lassen, wie Grün-Rot das macht.
Wo und wie wird unter einer Regierung Wolf gespart?
Wir dürfen nicht die Fehler der grün-roten Koalition wiederholen, die innerhalb von vier Jahren eine Rekordverschuldung verursacht hat. Wir müssen vielmehr Verwaltungsapparate, die von dieser Regierung aufgebläht wurden, wieder zurückfahren. Und wir müssen energischer beim Länderfinanzausgleich sein.
Also klagen wie Bayern und Hessen?
Selbstverständlich. Das wäre nach wie vor der richtige Weg.
Bundesfinanzminister Schäuble könnte für Entlastung sorgen, indem er den Soli großzügiger an die Länder verteilt.
Der Soli wurde eingeführt, um den Aufbau der neuen Bundesländer zu unterstützen. Im Jahr 2019 wird das erreicht sein. Ich halte es deshalb für gerechtfertigt, darüber zu diskutieren, ganz auf den Soli zu verzichten.
Mit welchem Finanzminister an der Seite?
Es kann ein Finanzminister oder eine Finanzministerin sein. Das werde ich zu gegebener Zeit entscheiden. Zunächst kommt es auf die Inhalte an. Auf der Zielgeraden des Wahlkampfs kann man dann das eine oder andere Thema mit einer Persönlichkeit verbinden.
Welche Rolle spielt die Kanzlerin für Sie?
Ich bin froh, dass es zwischen Angela Merkel und mir eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit gibt. Sie ist an meinem Weg interessiert und hat mir maximale Unterstützung signalisiert. Nach jetzigem Stand wird sie acht Mal hier im Land auftreten und dann noch beim Parteitag kurz vor der Wahl.
Angela Merkel lobt das Land stets als vorbildhaft. Wie ist Ihr Zukunftsbild Baden-Württembergs?
In Baden-Württemberg lebt ein Menschenschlag, der seinesgleichen sucht. Die Menschen brauchen aber mehr Freiraum und Eigenverantwortung, um ihre Stärken zur Entfaltung bringen zu können. Baden-Württemberg ist ein starkes Mittelstandsland, dieses Profil muss wieder geschärft werden. Ich kämpfe für ein Land der individuellen Möglichkeiten. Politik darf nicht Gleichmacherei bedeuten. So darf man in den Schulen die Starken bei aller Förderung der Schwachen nicht aus dem Blick verlieren. Man muss auch für die besonders Talentierten etwas tun.
Zurück zum Beginn. Sie lieben Pferde. Welches Verhältnis haben Sie zu Natur und Tieren?
Ich bin ein Naturmensch und Tiernarr, egal ob es Hunde, Katzen oder Pferde sind. Tiere haben etwas besonders Treues an sich, sie brauchen Zuneigung, aber sie geben sie auch zurück.
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