Rebellen in Aleppo (Syrien) im Kampf gegen die Assad-Armee. Foto: dpa

Die Polizei hat die Ausreise von zwei Islamisten aus Deutschland nach Syrien verhindert.

Die Polizei hat auf der Autobahnraststätte Gruibingen an der A 8 zwei Dschihadisten festgenommen. Die beiden Islamisten waren auf dem Weg nach Syrien. Der 23 Jahre alter, in Stuttgart lebender Libanese und ein 37-jähriger Deutsch-Afghane aus Mönchengladbach wurden bereits Mitte November gestellt. In ihrem Gepäck fanden Ermittler Ferngläser, Tarnuniformen und Nachtsichtgeräte, die sie in Syrien an Gotteskrieger übergeben sollten.

Stuttgart - Ihr Weg in den Heiligen Krieg war genau 43,8 Kilometer lang. Start am Stuttgarter Hauptbahnhof, vorbei an Kirchheim/Teck und Weilheim. Noch bevor sich die viel befahrene Autobahn 8 über die Alb schlängelt, war der Dschihad für die beiden Islamisten schon zu Ende: Schon am 13. November nahmen Polizeibeamte einen 23 Jahre alten Stuttgarter und einen 37-jährigen aus Mönchengladbach auf dem Rasthof Gruibingen fest. Das Ziel der beiden Gotteskrieger lag da noch 3374 Kilometer von ihnen entfernt: Syrien.

In dem eigens für die Fahrt in den syrischen Bürgerkrieg gekauften Auto fanden die Ermittler Nachtsichtgeräte, Ferngläser, Tarnuniformen und Verbandmaterial. Versorgungsgüter, auf die die Kämpfer der Jaish al-Muhajirin wal-Ansar (Jamwa), der Armee der Auswanderer und Unterstützer, händeringend warten.

Die Krieger unter dem Kommando des Mannes mit dem Kampfnamen „Bruder Omar dem Tschetschenen“ werden im Norden Syriens und vor allem in der Millionenstadt Aleppo dort eingesetzt, wo syrische Freischärler und die Truppen des Diktators Baschar al-Assad am heftigsten aufeinandertreffen. Das sind bei der vor vier Wochen gestarteten Winteroffensive der syrischen Regierungstruppen vor allem der Osten und Westen Aleppos.

Die Schlachtfelder im Norden Syriens waren dem auf Krieg eingestellten Duo schon bekannt. Der in der Landeshauptstadt lebende Libanese, so ermittelten die Fahnder inzwischen, hatte im Frühjahr dieses Jahres begonnen, sich zu radikalisieren.

Libanese kaufte in Stuttgart Kriegsausrüstung

Nach einer Pilgerfahrt ins saudische Mekka im Sommer sei er von August bis Oktober erstmals ins syrische Kriegsgebiet gereist, sagt Martin Lang. Der Leiter der Staatsschutzabteilung des Stuttgarter Polizeipräsidiums weiß, dass der 23-jährige dort erstmals von den islamischen Gotteskriegern ausgebildet wurde. Und er wurde offenbar gezielt zurück nach Baden-Württemberg geschickt, um hier die Ausrüstung zu kaufen, die bei den Dschihadisten in Nordsyrien heiß begehrt sind.

 Nachtsichtgeräte stehen auf der Wunschliste der Extremisten an erster Stelle. Die Kämpfer Bruder Omars halten auch das Gebiet rund um das frühere Kinderkrankenhaus in der Sha’aer-Straße Aleppos. Scheint die Sonne in die Hausruinen des Stadtteils Salaheddine, sind die meist schwarz uniformierten Gotteskrieger leichte Beute für die Scharfschützen Assads. Einen Nachteil, den sie mit Hilfe der Nachtsichtgeräte aus Deutschland auszugleichen hoffen, wenn es dunkel wird.

„Die schleichen sich bis in die von Assads Männern gehaltenen Ruinen und töten die Schweine mit dem Messer“, hat Kommandant Hassan al-Hak beobachtet. Er führt das Kommando über eine Schar von Kämpfern der Freien Syrischen Armee, die die Wohnblocks neben denen der Gotteskrieger verbissen verteidigen.

Der Umfang der in Stuttgart eingekauften Ausrüstungsgegenstände lasse „den Schluss zu, dass diese gezielt für weitere, sich bereits im Krisengebiet aufhaltende, Dschhadisten bestimmt waren“, ist Staatsschützer Lang überzeugt. Dem Kämpferduo kamen die Ermittler auf die Spur, weil sie Hinweisen aus der Bevölkerung nachgingen. Den Stuttgartern war aufgefallen, dass der Libanese mehr Ferngläser und Nachtsichtgeräte kaufte, als er selbst brauchen konnte.

Staatsanwaltschaft erlässt Haftbefehle

Gegen ihn und seinen Kumpanen aus Nordrhein-Westfalen erließen die Staatsanwaltschaft Stuttgart Haftbefehle. Gegen die beiden Kriegsreisenden wird nun ermittelt, weil sie eine schwere, staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet haben sollen. Im Paragrafen 89 a des Strafgesetzbuchs ist für diese Tat eine Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren vorgesehen. Danach kann auch bestraft werden, wer die Gewalttat außerhalb der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union begeht, aber als Deutscher oder Ausländer seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland hat.

Ein Gesetz, das die Staatsanwälte in den kommenden Monaten wohl noch öfter beschäftigen wird. 220 Deutsche und in Deutschland lebende Ausländer, sind Analysten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) überzeugt, kämpfen derzeit in Syrien für dschihadistische Gruppen, die mit dem Terrornetzwerk El Kaida verbündet sind. Dazu gehört auch das Netzwerk der Jamwa.

Nach Recherchen des amerikanischen Instituts für die Erforschung des Kriegs sind die Gotteskrieger des Georgiers Omars direkt dem El-Kaida-Ableger „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ zugeordnet.

„Wir gehen davon aus, dass die Jamwa etwa 2000 Kämpfer unter Waffen hält“, sagt Joseph Holliday, der für die Denkfabrik den Krieg in Syrien beobachtet. Ihr rotbärtiger Kommandeur Omar heißt mit bürgerlichem Namen Tarkhan Batirashvilli. In seinen 27 Lebensjahren hat er in Tschetschenien und Georgien gegen die Russen gekämpft. Zum Oberbefehlshaber aufgestiegen, lässt er seit gut einem Jahr in Syrien auf Assads Soldateska feuern. Batirashvilli soll an Tuberkulose erkrankt sein. Was ihn aber nicht daran hindert, die Provinzen Aleppo und Latakia mit seinen Truppen und Verbündeten zu kontrollieren.

Das Tor nach Syrien ist die türkische Stadt Reyhanli

Zu seinen Alliierten gehört auch der frühere Ulmer Dschihadist Reda Seyam. Er hat in der Nähe der syrischen Stadt Ash Shughur eine Rückzugsbasis gerade für deutsche Dschihadisten aufgebaut. Erst am Wochenende hatte sein geistiger Ziehsohn, der Berliner Extremist Denis Cuspert, in einem Video Muslime dazu aufgerufen, Deutschland zu verlassen und sich dem Heiligen Krieg in Syrien anzuschließen.

Cuspert war im September bei einem Angriff der syrischen Luftwaffe schwer verletzt worden. Einige Medien berichteten, er sei bei der Attacke gestorben. Das widerlegte der frühere Rapper jetzt mit dem Video, dass vor einem hügeligen Hintergrund aufgenommen wurde – wie sie für die Gegend um den Quastoun-Staudamm typisch sind.

Die Region liegt etwa 70 Kilometer südlich der türkischen Stadt Reyhanli. Sie gilt kriegsbegeisterten Muslimen als Tor, durch das sie auf die Schlachtfelder Syriens gelangen. Nach Recherchen unserer Zeitung hat Seyam dort ein Verteilnetz aufgebaut, über das Dschihadisten vor allem nach Aleppo, in das immer heftiger umkämpfte türkisch-syrische Grenzgebiet und in die am Mittelmeer liegende Provinz Latakia gelangen.

„Die Stadt Reyhanli hat auch in den bisherigen Vernehmungen mit den beiden Beschuldigten eine Rolle gespielt", bestätigt der Stuttgarter Ermittler Martin Lang. Erst vor zwei Wochen hatte unsere Zeitung in einer gemeinsamen Recherche mit dem Bonner Generalanzeiger berichtet, wie über die 60.000 Einwohner zählende Stadt Konvois vor allem mit medizinischen Hilfsgütern aber auch mit Waffen und Munition für Dschihadisten nach Syrien gelangen.

Der Stuttgarter und sein Mönchengladbacher Komplize kamen nur bis zum Autobahnrasthof Gruibingen. Bis nach Reyhanli, dem türkischen Wort für „Paradiesgarten“ fehlten ihnen da noch 3235 Kilometer.

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