Den Grünen Hans-Ulrich Sckerl schätzt der Abgeordneten Winfried Kretschmann als Person und aufgrund seines politischen Wirkens – als Ministerpräsident schweigt er zu seinem Parlamentarischen Geschäftsführer . Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Auf der Suche nach Maulwürfen in den eigenen Reihen unterschrieben Grünen-Abgeordneten ihrer Fraktionsspitze eine Einwilligung, mit der ihre E-Mails umfassend offengelegt wurden.

Stuttgart - „Jetzt!“ hatten die Südwest- Grünen damals ihr Motto in großen, weißen Lettern auf grünem Grund formuliert. Im Dezember 2010 legten die Umfragewerte nahe, dass sie CDU und FDP aus der Regierung drängen könnten. Mit einem 241 Seiten dicken Programm positionierten sich Winfried Kretschmann und seine Kandidaten im Wahlkampf. Auch mit diesem Vorsatz sollte das neue Baden-Württemberg gestaltet werden: digitale Zukunft. Für die Alternativen gilt hier der Leitsatz: „Grüne Datenschutzpolitik bedeutet: Meine Daten gehören mir.“

Ein Satz, der fast auf den Tag genau vier Jahre nach dem 2010er-Parteitag für einige Landtagsabgeordnete der Partei sehr erfahrbar wurde: Im vergangenen Herbst waren E-Mails des Parlamentarischen Geschäftsführers der Grünen in die Öffentlichkeit gelangt. Sie belegten: Hans-Ulrich Sckerl hatte versucht, ein Rechtsgutachten der Landtagsverwaltung zu beeinflussen, er hatte mehrfach in der Öffentlichkeit wie im Parlament gelogen und auch Kollegen zur Lüge angestiftet. In der Fraktion wurde zur Hatz auf mögliche Maulwürfe geblasen.

Wohl auch deswegen griff die Fraktionsspitze zu ungewöhnlichen Mitteln: Ihren Abgeordneten in der NSU-Enquetekommission wie auch deren Mitarbeitern legte sie eine „Datenschutzrechtliche Einwilligungserklärung“ zur Unterschrift vor. Mit der willigten die Unterzeichner ein, „meine Daten auf dem Server des E-Mail-Providers der Landtagsverwaltung, auf dem E-Mail-Server der Landtagsverwaltung und sich daran anschließende Dienste, auf meinem Arbeitsplatz-PC im Landtag, auf meinem Notebook/Tablet, auf meinem Arbeitsplatz-PC/Mail-Account zu Hause“ von einer „sachverständigen Fachfirma“ daraufhin untersuchen zu lassen, ob sich „Unbefugte im Zeitraum vom 15.09. bis 15.11.2014 Zugang“ zu den E-Mails verschafft hätten. Genau der Zeitraum, aus dem die Sckerl-Mails stammen. Ausdrücklich galt die Einwilligung auch für E-Mails, die „besondere Arten personenbezogener Daten enthalten“. Das sind nach dem Bundesdatenschutzgesetz „Angaben über die rassische und ethnische Herkunft, politische Meinungen, religiöse oder philosophische Überzeugungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, Gesundheit oder Sexualleben“.

Anders ausgedrückt: Die Abgeordneten sollten sich digital nackt machen. Das stimmt so nicht, sagen die Grünen jetzt. Es habe nur die Überlegung gegeben, „für Abgeordnete eine Möglichkeit zu schaffen, Accounts durch eine sachverständige Fachfirma auf die nicht gerade sehr wahrscheinliche Möglichkeit von fremden Zugriffe überprüfen zu lassen – natürlich auf freiwilliger Basis“. Die Idee sei allerdings nach einem Gespräch mit der Landtagsverwaltung nicht weiterverfolgt worden.

Schwer vorstellbar, dass die Betroffenen nur auf „freiwilliger Basis“ der Überprüfung zustimmten. Zumal es offenbar mehr als nur Überlegungen gab. Denn Landtagspräsident Guido Wolf (CDU) antwortete am 17. Dezember auf eine Anfrage der FDP, die Grünen hätten sich an den „Landtagsdirektor mit der Bitte um Unterstützung bei der forensischen Untersuchung bestimmter E-Mail-Accounts von Mitgliedern und Mitarbeitern der Fraktion gewandt“. Die noch verfügbaren Daten hätten für eine derartige Analyse aber nicht ausgereicht. Wolf stellt klar: Die Fraktion habe nicht wissen wollen, wer wem welche E-Mail schickte.

Auch wenn das mit der Einwillungserklärung möglich war. Die sei der Versuch, empört sich Liberalen-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, „frei gewählte Abgeordnete auszuforschen“. Das sei ein „Anschlag auf die Verfassung“, der für die Grünen als Partei des Datenschutzes mehr als peinlich sei. CDU-Fraktionschef Peter Hauk erkennt sogar Methoden, „wie sie sonst nur in Unrechtsstaaten üblich“ sind: „Nachforschungen bei Abgeordneten werden da zu Ausforschungen der Abgeordneten.“

Als Parlamentarier fühlt sich offenbar manchmal auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der hatte als Landesvater stets betont, die „Gutachtenaffäre“ aus Respekt vor dem Parlament nicht kommentieren zu wollen. Jetzt räumt er auf eine Kleine Anfrage der FDP hin ein, er habe als Mitglied des Landtages Anfang vergangenen Novembers die Wahl seines ebenso umstrittenen wie lügenden Kollegen Sckerl zum Obmann der Grünen im NSU-Untersuchungsausschuss „befürwortet und unterstützt“. Das habe er auch gegenüber Mitgliedern der SPD-Landtagsfraktion und dem Abgeordneten Reinhold Gall zum Ausdruck gebracht. Gall ist Kretschmanns Innenminister. Der Abgeordnete Kretschmann betont jetzt, dass er den „Herrn Hans-Ulrich Sckerl als Person und aufgrund seines politischen Wirkens“ schätzt. Mit soviel Hilfe wurde Sckerl erst zum Obmann seiner Partei in den NSU-Untersuchungsausschuss gewählt. Sechs Wochen später trat er zurück: Selbst Anwälte von NSU-Opfern hatten ihn wegen seiner Lügen dazu aufgefordert.

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