War für viele Ostdeutschen nach der Wende Integrationsfigur in den Westen: Gregor Gysi. Foto: dpa

Gregor Gysi – Mitbegründer der Linksfraktion und jahrelang prominentestes Mitglied seiner Partei – wird 70 Jahre alt. Im Interview erklärt er, warum es in seiner Partei immer wieder zu Streit kommt.

Berlin - Gregor Gysi, Vorsitzender der Europäischen Linken und prominente Figur der Linken in Deutschland, wird 70 Jahre alt. Im Interview spricht er über seine Erinnerungen an das Zusammenleben in der DDR und darüber, warum es innerhalb der Linken so oft zu Streit kommt.

Herr Gysi, zunächst herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 70. Geburtstag!
Gregor Gysi: Vielen Dank.
Ist dieser besondere Tag für Sie Anlass, sich zu besinnen und Bilanz zu ziehen? Oder machen Sie sich nicht viel aus einem solchen Rückblick?
Gysi: Doch, solche Momente hat man ja öfter. Ob man das nun gerade an einem so symbolischen Tag machen sollte? Vielleicht. Fest steht, dass in meiner Erinnerung 50 nicht schlimm klang. 60 und 65 auch nicht. Aber 70 klingt alt. Die 70-Jährigen sagen mir, erst 80 klingt alt. Ich bin schon gespannt, was mir in 10 Jahren die 80-Jährigen sagen. Aber abgesehen davon hatte ich natürlich solche Momente der Besinnung. Man denkt darüber nach, wie das eigene Leben verlaufen ist, welche großen Schwierigkeiten man hatte, welche Fehler man beging. Aber man weiß auch, was den Reichtum des Lebens ausmachte. Insofern habe ich kein Recht, unzufrieden zu sein. Zudem war ich auch ein bisschen zum Zurückblicken gezwungen.
Warum das?
Gysi: Ich habe eine Autobiografie geschrieben. Da musst Du ja die ganze Zeit über die Vergangenheit nachdenken. Zudem gab es eine TV-Dokumentation über mich, für die ich lange mit zwei Filmleuten über früher gesprochen habe.
Haben Sie sich dabei jemals die Frage gestellt, wie Ihr Leben wohl ohne das Ende der DDR und die Wende verlaufen wäre?
Gysi: Ich muss dabei vor allem an zwei entscheidende Momente meines Lebens denken. Ich war ja Rechtsanwalt in der DDR. Zu diesem Beruf habe ich mich sehr bewusst entschieden und es war gar nicht leicht, dass ich es wurde. Ich sah mich weder als Staatsanwalt noch als Richter geeignet. Es blieb nur der Anwaltsberuf. Der andere Moment war, als ich zum ersten Mal in den Westen reisen durfte, und zwar nach Paris im Januar 1988. Bis dahin war ich genauso eingesperrt wie alle anderen DDR-Bürger. Als ich dann aus Paris zurück nach Hause kam, fühlte ich mich freier.
Aus welchem Grund?
Gysi: Weil ich wiedergekommen war. Ich konnte in der SED-Bezirksleitung in Berlin sagen: Ihr könnt nicht einer ganzen Bevölkerung vorschreiben, dass die Menschen erst 60 beziehungsweise 65 Jahre alt werden müssen, bevor sie das erste Mal Paris sehen können. Wenn ich das vor meiner Reise gesagt hätte, hätten sie mich nicht fahren lassen. Da ich aber wiedergekommen war, konnte ich mich freier äußern. Denn die Gefahr, dass ich dort bleibe, bestand ja nicht mehr. Von da an hatte ich bei derlei Dienstreisen kein Problem mehr.
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