Glosse zum Esslinger Weihnachtsmarkt Feinster Staub wird gerne inhaliert

Von Akiko Lachenmann 

Auf dem Mittelaltermarkt kann man nicht genug kriegen vom Holzfeuerduft.  Manche schlucken das Feuer auch direkt. Foto: SDMG
Auf dem Mittelaltermarkt kann man nicht genug kriegen vom Holzfeuerduft. Manche schlucken das Feuer auch direkt. Foto: SDMG

Wenn das Mittelalter auf dem Esslinger Hafenmarkt einzieht und sein Feuer entfacht, werden die Rußpartikel mit Genuss inhaliert, meint unsere Autorin in ihrer Glosse zum Weihnachtsmarkt.

Esslingen - Alle Jahre wieder bricht die Zeit an, in der das Kitzeln von Rußpartikeln im Nasen-Rachen-Raum und der Duft von Rauchschwaden den Esslingern ein wohliges Gefühl verschafft. Das Feinstaubparadies steht vor der Tür – im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man im Osten der Altstadt wohnt. Jene sechste Jahreszeit in Esslingen, in der wie aus dem Nichts haarige Gestalten in Pelzen und Filzgewändern den Hafenmarkt besiedeln, ihre nostalgischen Öfen anschmeißen oder romantische Feuer unter freiem Himmel entfachen. Dass dabei nicht immer die Wahl auf Premiumholz mit 17 Prozent Restfeuchte fällt, wie es pedantische Schornsteinfeger von Esslinger Kaminofenbesitzern verlangen, sondern auf stärker qualmende Hölzer, muss man im kulturhistorischen Kontext sehen. Schließlich erinnert gerade der benebelnde Schadstoffausstoß mit seinem krebserregenden Benzoapyren-Anteil so schön ans Mittelalter. Und da gab’s ja auch keinen Feinstaubalarm.

Derlei historisches Bewusstsein haben nicht alle. Etwa der Verein Feinstaub in Esslingen, der die Romantik des Mittelaltermarkts mit wenigen Sätzen in den Staub tritt. Das Zeug werde ja nicht einmal durch einen Kamin in die Höhe befördert, sondern schön auf Gesichtshöhe der Passanten verbreitet, moniert dieser. Der Verein wäre schon froh, wenn wenigstens die offenen Feuer verboten würden. Aber da der Bürgermeister nicht mal überprüfen lasse, ob sich die Haushalte an das Verbot von Kaminöfen hielten, und reihenweise Ausnahmegenehmigungen erteile, frage man bei der Stadt erst gar nicht nach, aus Angst, als Spaßbremse abgetan zu werden.

Den interkulturellen Wert, den das Geschichtsspektakel birgt, scheinen die Umweltexperten offenbar nicht zu sehen: dreieinhalb Wochen leben und atmen wie in China.

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