Am 23. Oktober wird Doro Moritz offiziell verabschiedet. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

„Ich habe gelebt für die GEW und bereue da nichts“, sagt Doro Moritz. Nach zwölf Jahren an der Spitze der baden-württembergischen Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft verabschiedet sich die Heimsheimerin in den Ruhestand. Ihre Nachfolgerin wird dicke Bretter bohren müssen.

Stuttgart - So hat sich Doro Moritz ihre letzten Arbeitstage nicht vorgestellt. Eigentlich hatte sie erwartet, dass sich in den Wochen vor der entscheidenden Landesdelegiertenkonferenz ihr Terminkalender als Nochvorsitzende leeren würde. An der Konferenz vom 22. bis 24. Oktober wählen die Vertreter der baden-württembergischen Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) ihre neue Landesvorsitzenden. Doch dann kam Corona – und mit der Pandemie eine Krisenrunde nach der anderen und ein doch sehr voller Terminkalender.

 

Andererseits: „Ich habe 40 Jahre gepowert“, sagt die 65-Jährige – als Personalrätin, als Geschäftsführerin der GEW Nordbaden, als Vizelandesvorsitzende und seit 2008 als Chefin der mit 50 000 Mitgliedern größten Landesgruppe der GEW. „Ich habe gelebt für die GEW und bereue da nichts.“ Warum also soll das zum Schluss anders sein. Tatsächlich hat die Hauptschullehrerin, die Deutsch, Soziologie und Sport studiert hatte, fast ihr komplettes Berufsleben der Gewerkschaftsarbeit gewidmet, angetrieben von einem Gerechtigkeitssinn, den ihr ihre Mutter mit auf den Weg gegeben hat.

Bildungsgerechtigkeit: Die Schere wird größer

Bildungsgerechtigkeit ist ihr großes Thema geblieben. Dabei sieht sie die Ungerechtigkeit eher wachsen als schwinden: „Wir haben heute viel mehr Kinder, die vom Elternhaus ganz wenig Unterstützung erfahren“, sagt sie. Andererseits „haben wir immer mehr Kinder, die zu Hause sehr stark gefördert werden. Auch das lässt die Diskrepanz unter den Schülern immer größer werden.“ Diesen Kindern in ihrer individuellen Situation innerhalb einer Klasse zu begegnen, das sei eine große Herausforderung für Lehrer – und eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Dem Gefühl, benachteiligt zu sein, das bei manchen in rechtsextremen Haltungen münde, „kann man mit guter Bildung begegnen“, davon ist Moritz überzeugt.

Für Bildungsgerechtigkeit habe Doro Moritz mit klarer Haltung, klaren Worten und großer Leidenschaft gekämpft, das attestieren ihr Bildungspolitiker aller Parteien. Fünf Kultusminister hat Moritz als Landesvorsitzende erlebt, mitunter durchlitten, wie sie meint: Helmut Rau (CDU) – eher ein Verwalter. Marion Schick (CDU) – eine Zwischenepisode. Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) – eine schlechte Zeit. „Sie hat sich einfach nicht eingearbeitet“, sagt Moritz, die kein Hehl daraus macht, dass sie die Ablösung der glücklosen Ministerin aktiv mitbetrieben hat. Susanne Eisenmann (CDU) – mehr auf ihre persönliche Außenwirkung bedacht und mit Wahlkampf beschäftigt als an inhaltlicher Arbeit interessiert. Weshalb Doro Moritz auch schon vor über einem Jahr erklärt hat, dass sie Eisenmann nächstes Jahr nur ungern in die Villa Reitzenstein einziehen sähe.

„Bis dahin haben wir halt gefordert“

Andreas Stoch, der als SPD-Mann Warminski-Leitheußer in der grün-roten Landesregierung ablöste, bekommt von der GEW-Chefin die besten Noten. „Er hat sich sachkundig gemacht und daraus die notwendigen Schritte abgeleitet“, sagt Moritz. Die grün-rote Koalition hat sie als spannendste Phase in ihrer Amtszeit erlebt. „Bis dahin haben wir halt unsere Forderungen formuliert, obwohl uns klar war: Die Politik reagiert ohnehin nicht darauf.“

Die Einführung der Gemeinschaftsschulen, die Verankerung der Inklusion, die Abschaffung der Grundschulempfehlung sind ihr wichtige Meilensteine. Auch wenn „im pädagogischen Bereich nicht so viel passiert ist, dass man zufrieden sein könnte“. Allerdings „haben wir auch Verschlechterungen verhindert“. 2012 etwa, als Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ankündigte, das Land werde mit Blick auf die sinkenden Schülerzahlen bis 2020 insgesamt 11 600 Lehrerstellen streichen. Gewerkschaften, Eltern und Schüler liefen Sturm. Letztlich mit Erfolg, auch weil die Statistiker ihre Schülerzahlen-Prognosen nach oben korrigieren mussten.

Auf Monika Stein wartet Arbeit

Auf die Freiburgerin Monika Stein, die sich bei der Landesdelegiertenkonferenz um Moritz’ Nachfolge bewirbt, wartet viel Arbeit. Das Thema Bildungsgerechtigkeit bleibt eine Baustelle, sagt Moritz. Und in den kommenden zehn Jahren geht die Hälfte der Grundschullehrer im Land in den Ruhestand, da gibt es eine große Lücke zu schließen. Schwächen macht sie auch aus in der eigenen Öffentlichkeitsarbeit. Es sei schwer, einen Veränderungsbedarf in der Bildungslandschaft zu erklären, konservative Schlagworte kämen besser an: „Der Begriff der Einheitsschule“ für die Gemeinschaftsschule etwa „ist so falsch. Aber er hat gesessen“, sagt sie.

Austeilen kann Moritz aber schon auch ganz schön

Austeilen konnte sie schon auch ganz schön. Als vor fünf Jahren aufgrund eines Schulberichts einer Tübinger Gemeinschaftsschule eine Debatte ausbrach über Sinn und Unsinn der da erst drei Jahre alten Schulart, ätzte Moritz per Pressemitteilung, die „selbst ernannten Bildungspolitiker“ der damaligen Oppositionsparteien CDU und FDP sollten „lieber Urlaub machen“, statt „dilettantische Sommerloch-Debatten ohne Niveau“ anzuzetteln. Daran erinnert sich der ein oder andere „Selbsternannte“ auch heute noch.

Kretschmann, selbst GEW-Mitglied, wird Doro Moritz am 23. Oktober verabschieden. „Ich kann nicht nur mit Puderzucker kommen“, sagte der Regierungschef bei der Konferenz 2016. Moritz war gerade mit 95,7 Prozent wiedergewählt worden. „Gute Bildung ist teuer. Schlechte Bildung kann sich unser Land nicht leisten“, entgegnete Moritz. Davon ist sie überzeugt. Der Ministerpräsident hat das von ihr nicht zum ersten, nun aber zum letzten Mal gehört.