Es muss nicht immer das Krankenhaus sein – eine bessere ambulante Betreuung kann Klinikeinweisungen verhindern. Foto: dpa

Pflegekräfte, Mediziner, Physiotherapeuten und andere arbeiten unter einem Dach Hand in Hand am Patienten – die Robert-Bosch-Stiftung (RBS) macht sich für dieses Versorgungsmodell stark. RBS-Bereichsleiterin Bernadette Klapper erläutert das Konzept.

Stuttgart - Bernadette Klapper, Leiterin Gesundheit der Robert-Bosch-Stiftung, fordert Fokussierung auf chronisch Kranke.

Ich fürchte, ja, auch frühere OECD-Studien gingen schon in diese Richtung. Das sollte uns zumindest nachdenklich machen. Wir stecken viel Geld in unser Gesundheitssystem, gemessen daran müssten die Ergebnisse an manchen Stellen deutlich besser sein.
Wenn der Befund stimmt: Was läuft schief bei uns?
Ein zentrales Problem ist, dass uns die klare Patientenorientierung in der Versorgung fehlt. Wir müssen konsequenter fragen, mit welchen Patienten wir es vor Ort zu tun haben und was genau diese Patienten brauchen. Das ist besonders wichtig mit Blick auf chronisch kranke Menschen, die viele Bedarfe haben. Gerade im Umgang mit ihnen zeigen sich die Defizite unseres Versorgungssystems.
Was meinen Sie konkret?
Chronisch Kranken ist mit einem Besuch beim Haus- oder Facharzt allein nicht geholfen. Das ist nur ein wichtiger Ausschnitt. Sie brauchen ein Versorgungssystem, dass diese Menschen über lange Zeiträume durch den Alltag mit ihrer Krankheit begleitet. Ziel muss die Stabilisierung des Patienten sein, zum Beispiel um Krisensituationen zu vermeiden, die dann vielfach zu teuren Klinikeinweisungen führen.
Wie bekommt man das hin?
Alle Helfer, die vor Ort ins Spiel kommen, müssen Hand in Hand am Patienten arbeiten. Also Ärzte, Physiotherapeuten, Apotheker, Pflegekräfte, Haushaltshilfen und so weiter.
Wer soll das steuern?
Der Hausarzt spielt sicher eine wichtige ­Rolle, aber seine Ressourcen sind begrenzt. Wir schlagen als Robert-Bosch-Stiftung vor, sogenannte PORT-Zentren in der Fläche einzuführen. Die Abkürzung steht für patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung. In diesen Zentren arbeiten multiprofessionelle Teams unter einem Dach zusammen und bieten dem ­Patienten Versorgung aus einer Hand. Sie sorgen auch für Gesunderhaltung und unterstützen den Patienten, im Alltag mit der Erkrankung zurechtzukommen. Der Ausgangspunkt liegt bei den Bedarfen von chronisch Kranken, aber natürlich sind sie auch da für Menschen mit einfacheren und akuten Beschwerden.
Woher kommt die Idee?
Der Sachverständigenrat Gesundheit hat solche lokalen Gesundheitszentren schon 2014 vorgeschlagen. Vorbilder gibt es in ­Kanada, wo die sogenannte Community Health Nurse, also die Gemeindeschwester, Leistungen organisiert und koordiniert. Auch in Schweden und Finnland gibt es so etwas. Die Robert-Bosch-Stiftung fördert seit Kurzem die Umsetzung von fünf PORT-Zentren bundesweit. Einige haben schon ­begonnen, andere starten im neuen Jahr. Es gibt auch Standorte im Südwesten, in Calw und in Hohenstein auf der Schwäbischen Alb.
Wie passt das in unser bestehendes medizinisches Versorgungssystem, in dem viele freiberuflich tätige Leistungserbringer versuchen, ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu bekommen?
Leider passt das noch nicht sehr gut. Aber mit den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) gibt es schon eine interessante neue Struktur, die im Wachsen begriffen ist, auch wenn wir die MVZ eher als erweiterte Haus- und Facharztpraxen sehen. Immerhin, darauf ließe sich aufbauen. In jedem Fall braucht es überzeugte Akteure, die sich auf eine solche Zusammenarbeit einlassen.
Unter welchem Dach könnte so etwas möglich sein?
Ganz verschiedene Modelle sind denkbar. Kommunen könnten Räume bereitstellen und die Trägerschaft übernehmen. Aber natürlich kämen dafür auch Wohlfahrtsträger infrage. In Berlin-Neukölln haben sich verschiedene Gesundheits- und Sozialberufler zu einem Verein zusammengeschlossen und arbeiten die bestmögliche Organisationsform für sich aus.
Und die Finanzierung?
Das ist eine schwierige Frage. Unser bisheriges Finanzierungssystem hebt in erster Linie auf die Abrechnung von Einzelleistungen am Patienten ab. Die PORT-Zentren nehmen aber nicht nur den einzelnen Patienten, sondern­ die gesamte zu betreuende Bevölkerung im Einzugsbereich in den Blick. Da muss man neue Wege beschreiten, gemeinsam mit Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und anderen Leistungs­erbringern. Sicherlich braucht es einen klugen Mix aus Pauschalvergütungen. Aber ohne­ Leistungsanreize für die einzelnen Leistungsanbieter wird es auch nicht gehen. Die Leute sollen ja motiviert mit dem Patienten arbeiten.
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