Ausgerechnet am Jahrestag des Germanwings-Absturzes wendet sich der Vater von Kopilot Lubitz an die Öffentlichkeit Foto: AP

Am Jahrestag des Germanwings-Absturzes wendet sich der Vater von Kopilot Andreas Lubitz an die Öffentlichkeit – mit einem Gutachten, das Zweifel an der Alleinschuld wecken soll.

Berlin - Der Mann, der seinen Sohn von dem Vorwurf freisprechen will, er habe 149 Menschen getötet, hat die Lippen aufeinandergepresst und die Hände übereinandergelegt. Es sieht aus, als würde er beten. Es ist auf den Tag genau zwei Jahre und 19 Minuten her, dass eine Maschine der Fluggesellschaft German Wings in den französischen Alpen an einer Felswand zerschellt ist. Für die Staatsanwaltschaft Düsseldorf steht längst fest, dass der Kopilot Andreas Lubitz den Airbus mit Absicht zum Absturz brachte. Die Ermittlungen sind beinahe abgeschlossen. Die Boulevardpresse hat den Amok­piloten längst als schlimmsten Massenmörder der deutschen Kriminalgeschichte abgestempelt. Als einen Mann, der an so schweren Depressionen litt, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als sich das Leben zu nehmen und unschuldige Passagiere mit in den Tod zu reißen. Doch sein Vater will dieses Bild nicht so stehen lassen. Es gibt offene Fragen auf den 18 000 Seiten der Akte Lubitz, das räumen sogar Anwälte der Opfer ein. Deshalb hat er jetzt Journalisten aus der ganzen Welt zu einer Pressekonferenz ins Maritim-Hotel in Berlin eingeladen.

Es geht um die Deutungshoheit

Ein hagerer Mann, der eine graue Krawatte zum schwarzen Anzug trägt und mit keiner Miene verrät, wie es in ihm aussieht. Man kann es nur erahnen. Die Pressekonferenz hat kaum angefangen, da kippt ihm für einen Moment die Stimme weg. Es gehe ihm nicht anders als den anderen Angehörigen der Opfer des Flugzeugabsturzes, sagt er in einer einleitenden Rede. „Ich stehe fassungslos dieser Tragödie gegenüber. Dafür gibt es keine Worte und keinen Trost.“

Lubitz spielt damit auf die Kritik an, die ihm schon vorab entgegenschlug. Es geht um die Deutungshoheit über einen der spektakulärsten Abstürze der deutschen Luftfahrt. Um die Frage, ob es sich um einen erweiterten Suizid des Kopiloten oder um einen Unfall handelte, wie Günter Lubitz jetzt mithilfe des Journalisten und Luftfahrtexperten Tim van Beveren nachzuweisen versucht. War es nicht eine gezielte Provokation, so eine Pressekonferenz ausgerechnet an einem Tag zu veranstalten, an dem Angehörige an anderen Orten um die Opfer trauern?

Kein Wort der Anteilnahme

Im westfälischen Haltern läuten am selben Tag die Totenglocken. Die Teilnehmer einer Gedenkfeier des Joseph-König-Gymnasiums legen fünf Schweigeminuten für die sechzehn Schüler und zwei Lehrer ein, die bei dem Absturz ums Leben kamen. Sie waren am 24. März 2015 auf dem Rückflug von einem Schüleraustausch in Spanien. Auch im französischen Le Vernet wird zur selben Zeit der Toten gedacht. Die German-Wings-Muttergesellschaft Lufthansa hatte ein Treffen der Angehörigen in der Nähe der Absturzstelle organisiert. Hätte es das Taktgefühl nicht geboten, den anderen Hinterbliebenen spätestens jetzt das Mitgefühl auszusprechen?

Kein Wort der Anteilnahme bei der Pressekonferenz in Berlin. Es ist nicht das erste Mal, das Lubitz an die Öffentlichkeit geht. Einen Tag zuvor hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ ein Interview mit ihm veröffentlicht. Der Vater des vermeintlichen Amokpiloten, er stellte sich selber als Opfer der Medien da. Er klagte darüber, wie Reporter der Familie auflauerten, sogar auf dem Friedhof. Es ging um Fotos vom Grab seines Sohnes und ein Interview, das eine große deutsche Boulevardzeitung mit einer ehemaligen Kollegin seines Sohnes geführt haben will.

Bild als Massenmörder geprägt

Es suggerierte, Andreas Lubitz habe die Tat schon seit langer Zeit geplant, um in die Geschichte einzugehen. Er sei ein größenwahnsinniger Psychopath. Die Staatsanwaltschaft geht inzwischen davon aus, dass das Interview erfunden wurde. Für den Vater ist das kein Trost. Berichte wie dieser haben das Bild von Andreas Lubitz als Massenmörder geprägt. Günther Lubitz kann und will das nicht hinnehmen. Er sagt: „Andreas war ein sehr verantwortungsvoller Mensch. Ein solches Verhalten passt einfach nicht zu ihm und seiner Persönlichkeit.“

Der Anfang vom Ende in diesem Thriller

So spricht einer, der sich vielleicht selber fragen muss, ob es Alarmsignale bei seinem Sohn gab, die er, der Vater, übersehen hat. Die Frage etwa, warum sein Sohn in den drei Monaten vor dem Absturz einen Arzt nach dem anderen aufsuchte, weil er plötzlich alles „wie durch eine Sonnenbrille sah“. Er sei nicht depressiv gewesen, behauptet der Vater. Er habe lediglich unter der panischen Angst gelitten, er könnte erblinden. Aber seine Kritik an der Staatsanwaltschaft, die lässt Experten aufhorchen. Hat es Dinge gegeben, die nicht ermittelt wurden, weil man sie nicht ermitteln wollte?

Die Sache mit der Cockpit-Tür etwa. Zu den Ungereimtheiten im Fall Lubitz gehört, warum der Pilot nicht versucht hatte, sie per Notfall-Code zu öffnen, als er vom Klo zurückkam. Es war der Anfang vom Ende in diesem Thriller. Die Maschine hatte ihre ­Reisehöhe erreicht. Kaum war Andreas Lubitz allein im Cockpit, hatte er den Sinkflug eingeleitet – ohne Rücksprache mit Lotsen.

Cockpit-Tür hat schon einmal geklemmt

Sein Pilot will zurück, aber er kommt nicht ins Cockpit rein. Man hört auf dem ­Voicerekorder, dass er gegen die Tür trommelt. Glaubt man Tim van Beveren, war es nicht das erste Mal, dass sich die Tür nicht öffnen ließ. Beveren ist Journalist, Sachbuch-Autor – und selbst Pilot. Ein Mittfünfziger, der schon als Luftfahrtexperte vom Bundestag angehört wurde. Auf dem Podium fällt er aus dem Rahmen mit seiner grauen Hippie-Matte. Doch sein Wort zählt. Er hat den Untersuchungsbericht studiert. Und er hat selbst recherchiert.

Die Cockpit-Tür zum Beispiel habe schon einmal geklemmt, erklärt van Beveren. So hätten es ihm Mitarbeiter erzählt. Er habe dies auch der Französischen Luftfahrtbehörde (BEA) gemeldet, die als Erste ermittelte. Reaktionen? Keine. Auf der Mängelliste stand die Cockpittür nicht. Dabei war der Airbus erst einen Tag vor dem Absturz durchgecheckt und für luftfahrttauglich befunden worden. Der Gutachter hatte per Hand unterschrieben. Sein Name? Unleserlich. Eine von vielen Merkwürdigkeiten, die Klaus Siebert auch schon aufgefallen waren.

Andere Piloten mussten die Flughöhe wechseln

Er ist einer der Opferanwälte. Er vertritt den Düsseldorfer Klaus Radner, der bei dem Absturz seine Tochter Maria, ihren Lebensgefährten Sascha und deren 18 Monate alten Sohn Felix verlor. Ein Schicksalsschlag, von dem Radner sagt, er sei so schwer, dass er jeden Tag daran erinnert werde. „Dafür brauche ich keine Jahrestage.“

Klaus Siebert sagt, er sei erstaunt, was van Beveren noch alles zutage gefördert hatte. Die Sache mit dem Wetter zum Beispiel. Nach dem Bericht der BEA war der 24. März ein sonniger Tag, kein Lüftchen. Tatsächlich aber, und dafür hat der Experte einige ­Zeugen gefunden, gab es erhebliche Turbulenzen. Mehrere Piloten mussten die Flug­höhe wechseln.

Rätsel über Rätsel

Und da war die Sache mit dem iPad von Andreas Lubitz. Genau genommen waren es drei. Die ersten beiden fanden Ermittler in seiner Wohnung. Das iPad aber, auf dem die Ermittler Suchbegriffe wie Zyankali fanden, gab eine unbekannte Person erst am 26. März bei der Polizei ab. Wer das war, weiß Siebert nicht. „In den Akten schwirren die drei iPads aber durcheinander“, sagt er.

Rätsel über Rätsel. Klaus Siebert sagt, dass die Pressekonferenz eines gezeigt habe: Die Staatsanwaltschaft müsse weiter ermitteln. Das sei sie den Hinterbliebenen der ­Opfer genauso schuldig wie dem Vater des Kopiloten.

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