Er ist grauer geworden, doch ein weiser „Elder Statesman“, der über den Dingen schwebt, wird aus Gerhard Schröder wahrscheinlich nie. Foto: dpa

Er war „Basta“- und Medienkanzler. Mal rauchte er als „Genosse der Bosse“ Cohiba, mal glänzte er in Gummistiefeln als Krisenmanager. In der SPD bleibt er eine Reizfigur - weil er die Füße nie stillhält.

Stuttgart - Keiner seiner Vorgänger im Kanzleramt bot der eigenen Partei so viele Reibungspunkte wie der Sozialdemokrat Gerhard Schröder. Nicht nur wegen seiner neoliberalen Agenda 2010. Schröder pflegte machohafte Auftritte in teuren Anzügen, rauchte Cohiba-Zigarren und war schnell als „Genosse der Bosse“ verschrien. Geliebt hat ihn seine Partei nicht, wohl aber geachtet für seine gradlinige, unverstellte und bisweilen hemdsärmelige Art. Am 7. April wird der Niedersachse 75 Jahre alt.

Heute sehen ihn viele Parteimitglieder - nicht nur wegen seiner provokanten Attitüde - am liebsten von hinten. Auch als Privatier mischt sich der Ex-Kanzler, gefragt oder ungefragt, noch gerne in die Tagespolitik ein. Mit einer eigenwilligen Sicht auf das Weltgeschehen bringt er die SPD regelmäßig in Erklärungsnot. So auch mit seiner Forderung, die Sanktionen gegen Russland zu beenden - trotz Krim-Annexion.

Spitzen gegen die SPD-Führung

Seine jüngste grobe Attacke im „Spiegel“ hinterließ eine weitere tiefe Kerbe in der waidwunden SPD-Seele: Auf die Frage, ob Parteichefin Andrea Nahles die Kompetenz zur Kanzlerschaft habe, antwortete Schröder: „Ich glaube, das würde nicht mal sie selbst von sich behaupten.“

Schröder komme vom „unteren Ende der Gesellschaft, aus einem randständigen Milieu“ und habe einen „beispiellosen Aufstieg“ hinter sich, urteilt sein Biograf Gregor Schöllgen. Geboren 1944 im Dorf Mossenberg in Nordrhein-Westfalen, wächst Gerhard Fritz Kurt Schröder ohne den im Krieg gefallenen Vater in sehr einfachen Verhältnissen auf, die Mutter arbeitet als Putzfrau.

Der Junge verschafft sich Respekt beim Fußball, seiner Leidenschaft. Er wird „Acker“ gerufen, ist erfolgreiche Sturmspitze beim TuS Talle - der Fußball verschafft ihm soziale Anerkennung. „Der Name passte, er kann kämpfen, spielen, bolzen, gewinnen. Er hat Ausdauer“, sagte Franz Müntefering, einst engster Vertrauter Schröders und Chef der SPD-Bundestagsfraktion. 1998 wird Schröder mit Hilfe der Grünen zum Bundeskanzler gewählt.

Schröder kann Wahlkampf

Er liebte den Wahlkampf. Reden konnte er wie kein zweiter. Mit seiner markanten rauen Stimme brachte er jeden Saal zum Kochen. Schröder sei „einer der besten Wahlkämpfer, die Europa gesehen hat“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) über ihn. Unterschätzt habe sie ihn und sein unbedingtes Machtbewusstsein nie.

„Leidenschaft ist wichtiger als Augenmaß“, sagte Schröder einst über sich selbst. Das erklärt recht gut, weshalb er wiederholt vom Testosteron über das eigene Ziel hinausgespült wurde. Sein Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) attestierte ihm eine „feinsinnige Art zu holzen“.

„Gerhard Schröder betrat die Bonner Bühne leichtfüßig, aber lern- und kampfbereit“, sagt Franz Müntefering. Nach Oskar Lafontaines Rücktritt vom SPD-Parteivorsitz habe Schröder „die volle Verantwortung übernommen und Statur gezeigt“.

SPD fremdelt mit seinem Erbe

Akzente setzte der sozialdemokratische Kanzler einige. Die Erinnerung daran ist aber vom andauernden Streit über das Für und Wider der Hartz-Reformen überlagert. Dass seine Partei jetzt seine „Agenda 2010“ korrigieren, unter anderem Arbeitslosen mehr Geld zahlen will, hält er laut Medienberichten für falsch. Die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Reformen unter dem Schlagwort “Hartz IV„ und die damit verbundenen Härten sind in den Augen vieler Parteimitglieder Grund für die Krise der SPD.

Spektakulär verweigerte Schröder 2003 den USA die Gefolgschaft im Irakkrieg: “Für Abenteuer stehen wir nicht zur Verfügung.„ Ihm gelang eine große Steuerreform, bei der er den Spitzensteuersatz massiv senkte. Viel Zustimmung erntete der Regierungschef für seinen mit den vier wichtigsten Energieversorgern erreichten Konsens für einen Ausstieg aus der Atomkraft bis zum Jahr 2018.

Ein Spieler, der sich verzockte

Die zweite Kanzlerschaft verlor er 2005, weil er sich verzockte. Er hatte mit Chuzpe alles auf eine Karte, nämlich Neuwahlen, gesetzt. Doch die SPD verlor - wenn auch nach einer grandiosen Aufholjagd mit 34,2 Prozent der Stimmen denkbar knapp: ein Votum, das bei den heutigen Genossen wehmütige Gefühle wecken dürfte.

Ein Wahldebakel mit Machtverlust in NRW lag bereits hinter der Partei. Rot-Grün befand sich in den Umfragen im Sinkflug. Für Schröder war die Luft spürbar dünner geworden, auch das traditionell enge Band zu den Gewerkschaften war durchschnitten. Zugleich bremste im Bundesrat die Mehrheit der unionsgeführten Länder seine Reformen aus.

Schröder beschreibt in seiner Autobiografie „Entscheidungen. Mein Leben in der Politik“, wie er lange Tage schlaflos im Kanzleramt verbrachte, in der Nacht ruhelos durch die Räume im achten Stock lief und seine Optionen prüfte. Ergebnis: Die Agenda 2010 durfte nicht aufgegeben werden. Eine Abkehr „wäre für die SPD eine Katastrophe gewesen“. Ihre Regierungsfähigkeit und das Zutrauen der Menschen in die Partei wären auf Jahrzehnte zerstört worden.

Mit Franz Müntefering traf er die Entscheidung, Neuwahlen herbeizuführen. Schröder wollte ein Votum über seinen strittigen Regierungskurs. „Die einzige Chance, das zu erreichen, war ein vorgezogener Wahlgang“, schreibt er. Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht machten den Weg frei.

Raubeiniger Abschied von der Politbühne

Die Wahl am 18. September 2005 ging verloren. Raubeinig gab Schröder seinen Ausstand: Im TV-Studio zur Wahlanalyse attackierte er im Überschwang des Hochgefühls eines nie erwarteten Wahlergebnisses seiner Partei die Journalisten: „Ich bleibe Bundeskanzler, auch wenn Medien wie Sie dagegengearbeitet haben.“ Schröder stand eisern zu seinen Überzeugungen - und fiel über sie. Der Rest ist Geschichte.

Der Ex-Kanzler kehrte der Politik umgehend den Rücken. Der erklärte Freund Wladimir Putins wechselte in die russische Wirtschaft - und löste einmal mehr viel Kritik aus. Schröder legt aber großen Wert darauf, dass er den Posten als Aufsichtsrat beim Staatskonzern Rosneft nicht als Ex-Kanzler, sondern als „Privatperson“ übernommen hat. Dennoch titelte die „Süddeutsche Zeitung“: „Ein Rentner auf Abwegen“.

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