Die Achtklässler erstellen gemeinsam Fotoposter als Erinnerung an ihren Schüleraustausch mit Quimper in der Bretagne. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Bereits im vierten Jahr lernen geistig Behinderte und G8-Schüler am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium gemeinsam. Nicht nur im Französischunterricht, auch beim Schüleraustausch in der Bretagne sind alle dabei. Aber das ist für die 8a eh normal.

Stuttgart - Nach der Klassenarbeit in Französisch werden in der 8 a am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Bad Cannstatt erst mal die Fenster aufgemacht. Frische Luft muss in die Köpfe. Das gilt für die 13 G8-Schüler genauso wie für die sieben geistig Behinderten aus der Helene-Schöttle-Schule. Denn die haben genauso mitgeschrieben, wenngleich sie auch andere Aufgaben bekommen haben und wenngleich es beim Ergebnis für sie nicht um die Versetzung geht. „Die eigentliche Herausforderung ist, dass die eine ganze Stunde arbeiten“, sagt Französischlehrerin Kirsten Esser. „Aber es war mucksmäuschenstill.“

Seit der fünften Klasse besteht die 8 a am Elly aus „Helenes“ und „Ellys“. Insgesamt sind es 28 Schüler, denn auch die acht Lateiner gehören dazu. Geht das? Inklusion mit so unterschiedlichen Voraussetzungen? Und dazu noch im Fachunterricht? Das haben sich am Anfang auch viele Lehrer gefragt. Auch Kirsten Esser. Aber es funktioniert. Nicht nur in Musik, Kunst oder Sport, sondern auch in Deutsch, Mathe, Gemeinschaftskunde, Geschichte, Englisch, Französisch. Dabei kommen Fremdsprachen im Bildungsplan der Schulen für geistig Behinderte gar nicht vor. „Man kann schon darüber streiten, ob die das brauchen“, sagt Esser. „Aber das ist ein Stück Teilhabe.“

Das soziale Miteinander funktioniert

Für die 8 a ist das Miteinander längst Alltag. Wenn Esser im Französischunterricht auf Französisch etwas fragt, dann übersetzt es meist einer oder eine der Ellys. Und die Helenes antworten auf Deutsch. Denn für eine flüssige Kommunikation reicht ihr Sprachschatz nicht aus, außerdem sind sie nur bei einer der vier Französischstunden pro Woche dabei. Für die Achtklässler stand nicht infrage, dass alle zum Schüleraustausch nach Quimper in die Bretagne mitfahren. Erst vor Kurzem sind sie zurückgekehrt, wohlbehalten, wie Esser betont. Im Nachgang schauen sich alle die Fotos per Beamer an und berichten, was dort zu sehen ist: die Ellys auf Französisch, die Helenes auf Deutsch. „Wir haben in Paris die Metro genommen, die Lehrer haben uns vertraut, dass wir allein gehen können“, erzählt ein Schüler. „Nous sommes à la plage“, sagt eine Mitschülerin und deutet auf das Strandfoto. Anschließend bearbeiten alle gemeinsam die Plakate mit Fotos, überlegen sich Bildunterschriften und Sprechblasen dazu. Selbstverständlich auf Französisch. Die Anregungen dazu dürfen auch auf Deutsch kommen.

Natürlich musste der Frankreichaustausch gut vorbereitet werden. „Wir können die Helenes ja nicht einfach in Gastfamilien packen“, sagt Katrin Lang. Die Sonderschulpädagogin gestaltet nicht nur den gemeinsamen Französischunterricht mit, sondern ist Klassenlehrerin und war auch in Frankreich dabei, samt drei weiteren Lehrern. So wurde das Lehrerteam samt den Helenes in einem Ferienhaus untergebracht, und tagsüber war man gemeinsam unterwegs. Dass die Gymnasiallehrer dann schon mal beim Zähneputzen hinterher sein mussten, nun ja, das gehörte eben auch dazu.

Den Schülern hat es jedenfalls gefallen. „Man hatte schon Angst, in ’ne fremde Familie zu kommen“, erzählt Angelina, „aber es war gar nicht so schwer, es hat gut geklappt mit der Verständigung. Wir haben hauptsächlich französisch geredet.“ Alyssia hingegen wundert sich, dass die französischen Partnerschüler „alle kein Vesper dabeihatten“. Lisa fiel auf: „Die essen so spät.“ Und Luk berichtet stolz, dass er im Meer gebadet habe: „Ich war bis zur Schulter im Wasser, ohne Neopren.“ Was sie beim nächsten Frankreichbesuch anders machen würden? „Ein bissle länger bleiben“, sagt Angelina, „ich glaub, das geht allen so.“

Mit steigendem Alter der Schüler wird die Inklusion im Fachunterricht schwieriger

Im Unterricht werde es im vierten Jahr dieser „kooperativen Organisationsform“ allerdings immer schwieriger, einen hohen Prozentsatz der Gesamtstunden inklusiv zu gestalten, räumt Kirsten Esser ein. 16 gemeinsame Stunden seien es noch pro Woche, zuvor waren es mehr als 20. Der Grund: „Für die Ellys steigt der Abstraktionsgrad, die Helenes brauchen Zeit, um etwa in Hinblick auf Arbeitswelt/Berufsorientierung Lebenspraktisches zu üben“, sagt sie. Auch die Interessen entwickelten sich auseinander. „Dennoch ist das gute soziale Miteinander ungebrochen.“ Das zeige sich auch im Umgang mit zwei Schülern aus internationalen Vorbereitungsklassen, die anfangs kaum Deutsch konnten und jetzt bestens mitkämen. „Diese Klasse kann schon sehr gut integrieren“, sagt Esser.

Der größte Unterschied zu den Regelklassen am Elly? „Wenn’s Konflikte gibt, klären wir die sofort. Das hat Vorrang, sonst funktioniert das Miteinander nicht“, sagt Katrin Lang. „Im Grunde“, ergänzt Esser, „müsste man sich auch in Regelklassen die Zeit für soziales Lernen nehmen.“ In der 8 a sagen die Ellys auch zu den Helenes schon mal: „Du nervst.“ Da werde „niemand mit Samthandschuhen angefasst“, berichten die Pädagoginnen. Sie räumen aber auch ein: „Wir haben super Voraussetzungen – einen offenen Schulleiter, ein offenes Kollegium.“ Und FSJler, die den Unterricht begleiten. Esser räumt ein, am Anfang sei der Unterricht mit einer zweiten Lehrerin ungewohnt gewesen. Sie habe erst umdenken müssen, dass das keine Überwachungssituation sei, sondern Unterstützung. Trotz ihres hohen fachlichen Anspruchs als Gymnasiallehrerin habe sie den Eindruck: „Hier kann jede und jeder das Beste aus sich herausholen.“ Die Französischklasse, die bisher zur Hälfte der Zeit inklusiv gearbeitet habe, müsse sich „von der Sprachkompetenz hinter anderen Klassen nicht verstecken“. Auch zum kommenden Schuljahr startet am Elly wieder eine der fünften Klassen kooperativ – mit Helenes.

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