Gedenken an Nazi-Opfer in Stuttgart-Nord Als Ausweg den Freitod gewählt

Von Eva Funke 

Damit es kein Vergessen gibt: Der   Künstler Gunter Demnig  setzt vor dem   einstigen Wohnhaus von Robert Hirsch am Gähkopf einen Stolperstein zum Gedenken. Foto: Eva Funke
Damit es kein Vergessen gibt: Der Künstler Gunter Demnig setzt vor dem einstigen Wohnhaus von Robert Hirsch am Gähkopf einen Stolperstein zum Gedenken. Foto: Eva Funke

Vor dem Gebäude Nummer 31 am Gähkopf erinnert ein Stolperstein an Robert Hirsch – trotz Widerspruch der Bewohner. Hirsch hat sich in der Küche seiner Wohnung das Leben genommen.

Stuttgart - Susanne Bouché ist die erste, die am Gähkopf auf Gunter Demnig wartet. Der Künstler verlegte dort, vor dem Haus Nummer 31, den 96. Stolperstein im Stuttgarter Norden. Auf den Messingplatten in Größe eines Kopfsteins sind Namen, Geburtsjahr und Todestag von Stuttgartern verzeichnet, die dem NS-Regime zum Opfer fielen. Auf dem Stolperstein, den Demnig am Montag verlegte, steht: „Hier wohnte/ Dr. Robert Hirsch / JG 1857 / Gedemütigt / Entrechtet / Flucht in den Tod / 14. 1. 1939.“

Susanne Bouché hat sich auf den Festakt, den sie zum Gedenken an Robert Hirsch im Beisein von rund 30 Stuttgarterinnen und Stuttgartern hält, gut vorbereitet. Alles was man über den jüdischen Rechtsanwalt in Erfahrung bringen kann, hat sie zusammengetragen: „Er hat sich mit 82 Jahren im Gebäude Nummer 31 am Gähkopf das Leben genommen. Er hat in der Küche den Gashahn vom Herd aufgedreht“, sagt sie. Die 73-jährige hatte Kontakt mit Hirschs mittlerweile verstorbenem Sohn, und sie hat sich mit Hirschs Enkelin Gertrud in New York getroffen. Von der heute 98-Jährigen weiß Bouché, dass Robert Hirsch „ein stolzer Deutscher war, der einen Sohn im Ersten Weltkrieg ver­lor.“

Geboren wurde Hirsch als jüngster von 14 Söhnen in Tübingen, studierte dort Jura und machte seinen Doktor. Trotz glänzender Zeugnisse und unzähliger Bewerbungen wurde er nicht in den Staatsdienst aufgenommen. „Ich nehme Anstand an ihrer Konfession“, ließ ihn der damalige württembergische Justizminister wissen. Nach den vielen Absagen ließ sich Hirsch in Ulm als Rechtsanwalt nieder. 1933 gab er seine Anwaltstätigkeit auf – und zog mit seiner Frau nach Stuttgart auf den Gähkopf zu seiner Tochter Minna. Die hatte den trotz Namensgleichheit nicht mit ihrer Familie verwandten Theodor Hirsch geheiratet, einen Bruder von Otto Hirsch. Die Brüder hatten am Gähkopf für sich und ihre Familien ein Doppelhaus gebaut.

Als Robert Hirsch erfahren habe, dass seine Tochter und der Schwiegersohn vor der Verfolgung durch die Nazis in die USA fliehen müssen, habe ihn das tief getroffen. „Mit in die USA wollte er nicht, um den jungen Leuten nicht zur Last zu fallen. Allein in Stuttgart , sah er keinen anderen Ausweg als den Tod“, sagt Bouché.

Auch Otto Hirsch und seine Frau Martha sind Opfer des Nazi-Regimes geworden. Deshalb sind neben der Gedenkplatte für Robert Hirsch vor längerer Zeit zwei andere Steine verlegt worden: der für Otto Hirsch (1884 – 1941). Er wurde in Mauthausen ermordet. Und für seine Frau Martha (1891- 1942). Sie wurde 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Otto Hirsch war Politiker und unterstützte jüdische Glaubensgenossen bei der Emigration. Die Otto-Hirsch-Brücken zwischen Untertürkheim und Hedelfingen sind nach ihm benannt.

Manche Hausbesitzer fürchten, ihre Immobilie verliert durch einen Stolperstein an Wert

Bei ihrer Recherche ist Susanne Bouché auch darauf gestoßen, dass Fritz Bauer Robert Hirschs Großneffe war. Bauer hat als Generalstaatsanwalt an den Frankfurter Auschwitz-Prozessen mitgewirkt und sich für die Rehabilitierung der Widerstandskämpfer des 20. Juli eingesetzt.

Bouchés Interesse am Schicksal der Juden in Stuttgart während des Dritten Reichs hat ganz persönliche Hintergründe: „Ich stamme nicht aus einer Opfer-, sondern aus einer Täterfamilie“, sagt sie. Ob die Eltern oder Großeltern, alle seien sie in der NSDAP gewesen und hätten Hitler glühend verehrt. Die Beschäftigung mit den Nazi-Opfern und das Wachhalten der Erinnerung an sie: Für die 73-Jährige ist das vielleicht auch ein Stück weit der Versuch einer Wiedergutmachung der Schuld ihrer Familie.

Mittlerweile sind im gesamten Stadtgebiet rund 900 Stolpersteine verlegt. In fünf Prozent der Fälle sind die Anwohner nicht damit einverstanden: So auch am Gähkopf. Das Haus habe schon dem Vater gehört, sagt die heutige Besitzerin – und möchte sich nicht weiter äußern. Josef Klegraf von der Stuttgarter Stolpersteininitiative weiß aus Erfahrung, dass manche Bewohner befürchten, ihr Besitz verliere durch die Stolpersteine an Wert. Da sie auf öffentlichem Grund verlegt werden und die Stadt das Projekt unterstützt, können die Stolpersteine trotzdem gesetzt werden.

Redaktion Stuttgart-Nord

Ansprechpartnerin
Dr. Eva Funke
s-nord@stz.zgs.de

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