Andreas Müller bedient Gäste im Gasthaus Lamm in Leutenbach. Foto: Gottfried Stoppel

Lange stand ein ehemaliges Wirtshaus im Rems-Murr-Kreis leer – bis es in diesem Jahr mit neuem Leben gefüllt wurde. Im Gasthaus Lamm arbeiten nun Menschen mit Handicap.

Leutenbach - Es ist Mittagszeit. Nach und nach füllt sich das Gasthaus Lamm in Leutenbach. An der dunkel verkleideten Theke gleich neben dem Eingang herrscht reger Betrieb. „Einmal das Tagesessen“ – Andreas Müller gibt eine Essensbestellung an die Küche weiter, dann schenkt er Limonade aus und bringt das Glas an den Tisch.

Seit das inklusive Gasthaus im vergangenen Juli im frisch sanierten, denkmalgeschützten Gebäude eröffnet wurde, ist Andreas Müller Teil des Teams. Der 32-Jährige aus Backnang war zuvor in den Backnanger Werkstätten tätig, unter anderem als Stapler- und Hubwagenfahrer. „Hier gefällt es mir besser“, sagt der lernbehinderte Mann, „der Job macht richtig viel Spaß.“

Die Paulinenpflege betritt mit dem inklusiven Gasthaus Neuland

Am Anfang sei er ein wenig aufgeregt gewesen, habe sich dann aber gleich wohlgefühlt, berichtet er. Das liege nicht zuletzt an seinen netten Kollegen: Neun Menschen umfasst das Team, darunter ein gelernter Koch, eine FSJlerin, mehrere Nebenjobber und eine junge Frau mit Behinderung, die wie Müller im Service arbeitet. „Außerdem haben wir noch acht ehrenamtliche Kräfte“, sagt Rosemarie Walz, die Projektleiterin.

Die Paulinenpflege Winnenden hat mit dem inklusiven Gasthaus Neuland betreten. Die Idee dazu kam vonseiten der Gemeinde Leutenbach, die durch einen großen Inklusionscharakter geprägt sei, erzählt Walz. „Wir wussten erst nicht, was auf uns zukommt, aber schließlich fanden wir den Vorschlag von Bürgermeister Jürgen Kiesl interessant.“ So gründete sich vergangenes Jahr eine Projektgruppe, zwei Stellen für Menschen mit Behinderung wurden ausgeschrieben. „Die Arbeitsplätze hier sind mitten in der Öffentlichkeit, mitten im Ort. Man muss mit den Herausforderungen der Gastronomie, mit Lob und Kritik der Gäste, umgehen lernen, über sich hinauswachsen“, beschreibt Walz die Anforderungen.

Bis zum Jahresende folgen weitere drei Mitarbeiter mit Behinderung

Nachdem Müller und seine Kollegin Franziska Tyburzy vorab im hauswirtschaftlichen Bereich geschult worden waren, lernten sie nach der Eröffnung des Lamms vor allem im Echtbetrieb – wie man die Kaffeemaschine bedient, die Kasse macht und mit Gästen kommuniziert. „Da gab es viele witzige Situationen“, erinnert sich Walz. Einmal beispielsweise hätten Gäste um 15 Uhr auf einem Vesper bestanden, obwohl es um diese Zeit nur Kaffee und Kuchen gibt. „Da hat sich die Franziska hingestellt und gesagt: ‚Die Küche ist jetzt aufgeräumt und wird nicht mehr aufgemacht, basta!‘, aber das hat sie mit so viel Charme gemacht, dass die Gäste Verständnis hatten.“

Selbstbewusstsein haben Müller und Tyburzy durch ihre Arbeit hier gewonnen, Ausstrahlung und Souveränität im Umgang mit Stress und Konflikten, hat Rosemarie Walz beobachtet. „Andreas Müllers Eltern sagen mir, dass ihr Sohn nach der Arbeit fröhlich nach Hause kommt.“ Bis Ende des Jahres sollen daher noch weitere zwei bis drei Menschen mit Behinderungen im Gasthaus Lamm eine Arbeit aufnehmen, der nächste Bewerber beginnt im Oktober.

„Das Ziel ist, dass hier ein Ort der Begegnung, der Menschlichkeit entsteht“, sagt Walz. Sie wünscht sich, dass die Inklusion irgendwann so selbstverständlich wird, dass sie gar nicht mehr Thema ist – und dass die Gäste hier zur Ruhe kommen, die Hektik draußen lassen und Zeit haben, das Essen und die Atmosphäre zu genießen. Dafür hat Rosemarie Walz den Gastraum liebevoll mit historischen Gegenständen dekoriert – alte Uhren und bunte Mokkatassen schmücken Fenstersimse und Wände.

So gehen die Mitarbeiter mit Handicap mit dem Stress um:

Damit spielt sie auch auf die lange Wirtshaustradition des Gebäudes am Löwenplatz an, die Anfang der 1970er Jahre geendet hatte. „Viele der Gäste, die zu uns kommen, erzählen ihre Geschichten mit dem Haus – wie sie hier einst Taufe gefeiert haben, Konfirmation oder Hochzeit“, berichtet Walz, für die das inklusive Gasthaus ein Herzensprojekt geworden ist. Sie würde sich freuen, wenn das Modell auch an anderen Orten Schule macht.

Andreas Müller will aus dem Lamm nicht mehr weg. Der Stress, der zur Arbeit in der Gastronomie zeitweise dazugehört, macht ihm nichts aus. „Meine Kollegen und meine Gruppenleiterin unterstützen mich immer“, betont er. „In Stresssituationen ziehen wir uns als Team kurz zurück, um zur Ruhe zu kommen. Dann gibt es auch mal eine Umarmung. Herzlichkeit im Umgang miteinander ist wichtig“, findet Rosemarie Walz.

Die Mittagszeit ist um, die Gäste verlassen das Lokal. „Wann ist die Franziska wieder da?“, erkundigt sich eine Frau beim Rausgehen. Franziska Tyburzy und ­Andreas Müller ist es gelungen, schon nach wenigen Monaten Stammgäste für sich im Lamm zu gewinnen.

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