Ausgelassene Freude bei den österreichischen Fußballdamen. Foto: AFP

Die österreichischen Fußballerinnen stehen beim Turnier in den Niederlanden überraschend im Halbfinale. Die Stimmung ist schon jetzt titelreif.

Stuttgart/Tilburg - Man ist das mittlerweile ja gewohnt: Wenn es im Fußball was zu feiern gibt, bleibt die Tür der Umkleidekabine nur noch selten geschlossen. Die Partygemeinde geht auf Tour. In den Raum, in dem die Pressekonferenz mit den Trainern stattfindet, in den Bereich, in dem die Sportlerinnen und Sportler auf die Journalisten treffen, zur Not auch noch in ein TV-Studio. So ähnlich läuft das nun auch bei der Fußball-EM der Frauen in den Niederlanden – mit zwei Neuerungen.

Diejenigen, die da feiern, sind Spielerinnen aus Österreich. Und: Sie warten mit der Party nicht bis nach dem Finale.

Halbfinal-Qualifikation sorgt für Jubelstürme

Am Sonntagabend spielte das Team des Trainers Dominik Thalhammer im Viertelfinale gegen Spanien. Die Austria-Mädels befanden sich in der Außenseiterrolle, kurz vor der Pause musste Lisa Makas mit Verdacht auf einen Kreuzbandriss vom Platz – und doch waren sie nach dem Elfmeterschießen (5:3) obenauf. Und so war ein bunt blinkender Lautsprecher dabei, als die Polonaise durch die Katakomben des Stadions in Tilburg startete, dazu ein Mikrofon – und ein Song, der ansonsten die Party-Insel Mallorca besingt, in abgewandelter Form aber so klang: „Holland ist nur einmal im Jahr . . . olé, olé . . . und schalala.“

„Das ist unser Teamspirit“, jubelte Sarah Zadrazil von Turbine Potsdam, „wir sind eine chaotische Supermannschaft.“ Die bereits alle Erwartungen übererfüllt hat. Aber was heißt schon Erwartungen? Allein die erstmalige Qualifikation für ein großes Turnier war ja schon ein Erfolg gewesen. Dann feierte das Team einen ersten EM-Sieg (1:0 gegen die Schweiz), spielte 1:1 gegen Mitfavorit Frankreich und beendete die Vorrunde nach dem 3:0 über Island ungeschlagen. Schon da sagte Sebastian Prödl: „Ihr begeistert die Massen und habt schon jetzt so viele Herzen gewonnen.“

Bundesliga als Qualitätsmerkmal

Prödl ist österreichischer Nationalspieler, kickte einst für den SV Werder und steht spielt nun beim FC Watford. Zudem ist er der Cousin von EM-Kapitänin Viktoria Schnaderbeck (FC Bayern). Mittelfeldspielerin Laura Feiersinger (SC Sand) ist die Tochter des Ex-Dortmunders Wolfgang Feiersinger. Und Nadine Prohaska ist – nein: nicht verwandt mit Herbert Prohaska. Muss sie aber auch nicht sein, um Aufmerksamkeit auf ihr Team zu lenken. Dem liegt auch so ganz Österreich zu Füßen.

„Ihr spielt sensationell“, sagte Stefan Ilsanker von RB Leipzig. Bremens Zlatko Junusovic meinte: „Mädels, ihr seid großes Kino.“ 44 Prozent Marktanteil erreichte der ORF bei seiner Übertragung des Viertelfinales. Bundeskanzler Christian Kern gratulierte: „Ihr seid der Wahnsinn.“ Und die „Kronen Zeitung“ fragte: „Wer soll euch noch stoppen?“ Am Donnerstag (18 Uhr/Eurosport) versuchen es die Däninnen. Abwehrspielerin Carina Wenninger (FC Bayern) machte aber gleich klar, dass die Feier vom Sonntag nicht die letzte gewesen sein soll: „Der Traum vom Finale ist groß.“ Geht er in Erfüllung, wäre das eine der größten Überraschungen der Fußballgeschichte. Doch die hat einen Hintergrund.

2011 wurde in St. Pölten unter Thalhammers Führung das nationale Zentrum für Frauenfußball eröffnet. Im aktuellen EM-Kader stehen acht Spielerinnen, die dort ausgebildet wurden. Die österreichische Auswahl ist die jüngste des Turniers (23,2 Jahre). Dass 14 Spielerinnen davon in der deutschen Bundesliga unter Vertrag stehen, ist ebenfalls ein Qualitätsmerkmal. „Wir müssen unsere Landsleute davon überzeugen, dass Frauenfußball ein fantastischer Sport ist“, sagte der Coach immer wieder. Für’s Erste scheint das gelungen.

Der „Wahnsinn“ soll weitergehen

Prödl sagte schon nach dem Auftaktsieg: „Das ist ein Ausrufezeichen für den Frauenfußball.“ Und er nahm sich selbst und seine Kollegen auf die Schippe, als er seiner Cousine schrieb: „Ihr habt in einem Spiel mehr Punkte gesammelt, als wir Herren bei zwei EM-Turnieren.“ Thalhammer lobte nach dem Einzug ins Halbfinale die mentale Stärke und Lockerheit seiner Mädels im Elfmeterschießen und meinte: „Das ist ein Wahnsinn.“ Der am Donnerstag seine Fortsetzung finden könnte.

Auf dem Rasen des Rat Verlegh Stadions zu Breda – und später in den Katakomben.

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