Immer wieder Reus: Das vorzeitige EM-Aus des Dortmunders erweitert seine lange Liste an schweren Enttäuschungen. Marco Reus ist der Pechvogel des deutschen Fußballs.

Ascona - Am Donnerstag, als über dem Lago Maggiore noch die Sonne am wolkenlosen Himmel stand, saß Marco Reus auf der Terrasse des Parkhotels Delta neben dem stillgelegten Flughafen von Ascona. Bester Laune war der Nationalspieler, der in kurzen Hosen in einem Korbsessel Platz nahm. „Hätte, hatte, Fahrradkette“, sagte er zu seinem Pech in den vergangenen Jahren und blickte voller Zuversicht der Europameisterschaft in Frankreich entgegen. „Mein Anspruch ist zu spielen, ich will unter die erste Elf“, erklärte Reus – und nicht einmal sein chronisch entzündetes Schambein bereitete ihm größere Sorgen: Von der neuen Woche an könne er „wieder ganz normal trainieren“.

Die neue Woche hat längst begonnen, der Dauerregen überschwemmt seither das Tessin – und auch sonst ist alles ganz anders gekommen. Marco Reus hat nicht richtig trainieren können und ist deshalb an seinem 27. Geburtstag völlig überraschend aus dem erweiterten deutschen EM-Kader gestrichen worden. Neben dem Hoffenheimer Sebastian Rudy sowie Karim Bellarabi und Julian Brandt von Bayer Leverkusen, für die im endgültigen 23-Mann-Aufgebot ebenfalls kein Platz war, musste auch der hochbegabte Offensivspieler von Borussia Dortmund am Dienstag das Trainingslager der DFB-Auswahl in der Schweiz vorzeitig verlassen.

„Marco kann derzeit nur geradeaus laufen“, sagt der Bundestrainer Joachim Löw und berichtet von der Skepsis der Mediziner: Sie hätten „keine klare Prognose“ abgeben können, dass Reus in seiner körperlichen Verfassung „diese zehrenden Spiele, dieses zehrende Turnier“ würde durchhalten können. Auch das eine ganz neue Entwicklung, die in krassem Widerspruch zu den bisherigen Bulletins zum Gesundheitszustand des Edeltechnikers steht: Bis zuletzt hatte Löw davon gesprochen, dass es im Fall Reus „keine Probleme“ gebe, dass es „eine reine Vorsichtsmaßnahme“ gewesen sei, Reus aus dem Mannschaftstraining und dem Testspiel gegen die Slowakei (1:3) herausgehalten zu haben.

b>„Für ihn ist das ein ganz bitterer Schlag“

Marco Reus, darauf verweist der Bundestrainer zum Abschied mit betrübter Miene, wäre „eine enorme Bereicherung“ für seine Mannschaft gewesen – jedoch: „In so einem Fall muss man eine Entscheidung treffen, auch wenn sie nicht einfach ist.“ Dass sie den Dortmunder besonders hart trifft, das weiß auch Sami Khedira, ebenfalls leidgeprüft, aber immer rechtzeitig fit, wenn große Turniere bevorstanden: „Gerade für ihn ist das ein ganz bitterer Schlag.“

Tatsächlich bedeutet die überraschende Ausmusterung für Marco Reus den nächsten Tiefschlag in seiner Karriere, die von großem Pech und schweren Enttäuschungen nur so gepflastert ist. Auch die WM 2014 verpasste er – damals auf noch dramatischere Weise: Topfit war er im Vorfeld gewesen und galt als sicherer Stammspieler, ehe er sich im letzten Testspiel gegen Armenien (6:1) eine schwere Sprunggelenksverletzung zuzog – am Abend vor dem Abflug nach Brasilien. Zu Hause saß er, als sich die Mitspieler in Rio de Janeiro unsterblich machten. Dass sie neben dem WM-Pokal hinterher auch sein Trikot in die Höhe hielten, bekam Reus gar nicht mehr mit – er war schon ins Bett gegangen, weil es zu sehr schmerzte, nicht dabei zu sein.

Reus entging damit der größtmögliche aller Titel – und er konnte sich nicht einmal damit trösten, wenigstens andere Pokale gewonnen zu haben. Nach Dortmund wechselte er 2013, als die große Ära mit zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg gerade zu Ende gegangen war. Vier Endspiele verlor er seither in vier Jahren, erst in der Champions League, ­danach dreimal im DFB-Pokal.

Zuletzt, kurz vor der Reise ins EM-Trainingslager, musste ihn der BVB-Trainer Thomas Tuchel aufmunternd in den Arm nehmen, als nach dem Elfmeterschießen in Berlin wieder einmal die Bayern jubelten. Der 13. große Titel war es für Thomas Müller – Marco Reus hingegen, talentierter als die meisten anderen, hat noch keinen einzigen gewonnen. Nur ein schwacher Trost ist es, dass Sami Khedira Zuspruch spendet: „Er hat so große Qualität – ich bin ganz sicher, dass er noch seine Chance auf der ganz großen Bühne bekommen wird.“

Bei der EM muss Reus aber wieder aus der Ferne zuschauen, wie die Kameraden um den nächsten Titel kämpfen. Die Nachwuchskräfte Leroy Sané, Joshua Kimmich und Julian Weigl, die Löws Ausleseprozess überstanden haben, sind darunter; und auch die Routiniers Bastian Schweinsteiger und Mats Hummels haben ihre EM-Tickets erhalten, obwohl auch sie noch angeschlagen sind. „Bei ihnen ist die Prognose klar: Sie werden in Frankreich zur Verfügung stehen“, sagt der Bundestrainer – und empfiehlt jenen, die nach Hause fahren mussten, die vorzeitige Ausbootung „als Chance und Motivation“ zu sehen.

Dem ewigen Pechvogel Marco Reus dürfte dies nicht so leichtfallen.

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