Auch in der Kita kann man ein FSJ machen. Das Bild wurde vor Corona in der Einrichtung IB Heusteigzwerge aufgenommen. Foto: Hans Scherhaufer

Das Freiwillige Soziale Jahr ist eine Alternative, wenn man in Coronazeiten nicht mit Studium oder Ausbildung starten will. Einige Träger berichten, dass in diesem Jahr ungewöhnlich früh Bewerbungen eingegangen seien. Es kommt aber auf den Bereich an.

Stuttgart - Gehen Jugendliche planvoller an die Zukunft als vor Corona? Ein Teil von ihnen offenkundig: Ungewöhnlich viele Bewerbungen für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) seien bei ihnen schon im Frühjahr eingegangen, berichtet Ursula Claß, die für den Bereich beim Freiwilligenzentrum Caleidoskop des Caritas-Verbands zuständig ist. Vor der Pandemie sei der Trend ein anderer gewesen: Immer später gingen die Bewerbungen ein – vielleicht, weil sich mancher nicht festlegen wollte oder aus dem Gefühl heraus, dass einem ohnehin die Welt offensteht.

 

Doch Corona hatte 2020 für geschlossene Grenzen gesorgt. Und auch für diesen Herbst sieht es nicht rosig aus, um in ein Auslandsjahr zu starten. Da kann das FSJ eine Option sein. „Wir haben eine sehr gute Bewerberlage“, sagt Claß. Die Aussicht auf eine feste Tagesstruktur, etwas Praktisches zu machen und nicht nur online im Austausch mit anderen zu sein, sei dabei vielen wichtig, „das hören wir ganz stark“,berichtet sie. Insgesamt hätten sie im Freiwilligenzentrum an die 130 Stellen. Es gebe weiterhin freie Plätze, zum Beispiel in der Behinderten- und in der Altenhilfe. Bereits belegt seien ihre Plätze in der Sucht- und der Wohnungsnotfallhilfe.

Mit weiteren Bewerbungen wird gerechnet

„Das FSJ ist gerade eine gute Alternative“, sagt auch Stefanie Recht, Sprecherin der Freiwilligendienste des Internationalen Bunds (IB) Stuttgart. Viele Universitäten in Deutschland würden auch im Wintersemester mit Online-Unterricht starten. Wer das nicht wolle, der könne mit dem FSJ das Jahr überbrücken. Auch beim IB, der rund 520 Plätze vermittelt, seien dieses Jahr ungewöhnlich früh Bewerbungen eingegangen, allerdings gelte dies laut Recht vorwiegend für einen Bereich: das Krankenhaus. In den Kliniken seien alle Plätze belegt. „Das konnten wir noch nie so früh wie in diesem Jahr sagen“, so die Sprecherin.

In anderen Feldern hingegen spürten sie noch Zurückhaltung. Stefanie Recht geht davon aus, dass zum Ferienende hin noch Bewerbungen einlaufen. Wenn zum Beispiel klar ist, dass der ein oder andere Traum geplatzt ist. Sowohl beim IB als auch beim Freiwilligenzentrum Caleidoskop weist man darauf hin, dass auch ein späterer Einstieg möglich ist. Der reguläre FSJ-Start ist am 1. September, also bereits in der nächsten Woche. Aber auch zum 1. Oktober oder zum Halbjahr könne man beginnen.

Hier kann man sicher sein, den Dienst auch wirklich abzuleisten

Doch was macht den Freiwilligendienst im Krankenhaus eigentlich so beliebt? Die Sprecherin vom IB Stuttgart macht dafür mehrere Aspekte verantwortlich. Zum einen die Coronakrise. Krankenhausberufe hätten eine ganz andere Aufmerksamkeit erfahren, so manch einem Jugendlichen sei dabei vielleicht bewusst geworden, wie sinnvoll diese Tätigkeiten sind, vermutet sie. „Im Krankenhaus wird und wurde immer gearbeitet“, nennt sie einen weiteren Aspekt. Hier könne man sichergehen, seinen Dienst auch abzuleisten, unabhängig von Infektionszahlen. Hinzu komme, dass das FSJ in der Klinik für zukünftige Medizinstudenten attraktiv sei. Der Freiwilligendienst kann als Pflegepraktikum angerechnet werden, und er gibt Bonuspunkte, die (je nach Uni) den Notendurchschnitt spürbar heben (können).

Altenpflege ist nicht gerade ein Zugpferd

Der IB Stuttgart hat den Vorteil, eigene Wohnplätze zu haben. Das sei zum Beispiel für ausländische Freiwillige attraktiv: So hänge so manches Au-pair im Anschluss noch einen Freiwilligendienst dran. Bei diesem Klientel sei auch der Altenpflegebereich nachgefragt, weil er Perspektiven bietet. Ansonsten sei die Altenpflege, das hört man auch bei anderen Trägern, nicht gerade ein Zugpferd für die jungen Leute.

Wo kommt man neben der Altenpflege noch gut unter? Beim IB heißt es, in den Bereichen Kita und Schulbegleitung gebe es mehr freie Plätze als in den Vorjahren, der Unterschied sei aber „nicht eklatant“, so Recht. Die Evangelischen Gesellschaft (Eva) verzeichnet ebenfalls einen Bewerberrückgang bei der Schulbegleitung – der Bedarf liege höher als die Zahl der Bewerbungen. Auch sonst gibt es bei der Eva noch offene Stellen: „Wir bekommen kaum Anfragen und müssen sehr kreativ vorgehen“, bedauert der Freiwilligenbeauftragte bei der Eva, Christian Musse. Er macht dafür unter anderem den Wohnraummangel in Stuttgart verantwortlich, sie hätten keine eigenen Unterkünfte, die sie vermitteln könnten. Bisher hätten sie erst knapp über zehn FSJ-Stellen besetzt, vergangenes Jahr seien es knapp 20 gewesen. Zum Vergleich: Früher seien bei der Eva im Schnitt 100 Zivis im Einsatz gewesen. „Man kann sich jederzeit bei uns bewerben“, betont Musse.

Die eigenen Kompetenzen kennenlernen

Beim Freiwilligenzentrum Caleidoskop kann man sich über die Bewerberlage für Schulbegleitungen nicht beschweren. Die Aufgabe zählt dort zu den attraktiven FSJ-Stellen. „Da ist das Interesse gleichbleibend hoch“, sagt Ursula Claß, gerade bei Abiturientinnen und Abiturienten, die überlegten, Lehramt zu studieren und ihren Berufswunsch prüfen wollen. Auch in Internationalen Vorbereitungsklassen und beim Lernmobil der Stadtbibliothek könne man ein FSJ machen. Letzteres ist eine neue Stelle. „Ich glaube, das FSJ kann für die Entwicklung der Persönlichkeit ein entscheidender Faktor sein, man lernt sich ganz anders kennen und die Kompetenzen, die man hat“, wirbt Claß generell für den Dienst. Man hinterfrage die Motivation nicht. Es sei auch okay, den Dienst „nur“ für den Lebenslauf zu machen

Bis einschließlich 26 Jahre ist ein FSJ möglich

Bedingungen
Das FSJ richtet sich an junge Menschen bis einschließlich 26 Jahre. Wer älter ist, kann sich für den Bundesfreiwilligendienst bewerben. Die Freiwilligendienste dauern in der Regel zwölf Monate und starten am 1. September. Ein Zwischeneinstieg ist möglich. Die Freiwilligen erhalten ein Taschengeld, sind sozial- und unfallversichert, haben Urlaubsanspruch und bekommen einen FSJ-Ausweis. In der Regel beträgt die Wochenarbeitszeit zwischen 38,5 und 40 Stunden, es sind aber auch in bestimmten Härtefällen FSJ in Teilzeit möglich, wenn man zum Beispiel ein Kind zu betreuen hat.

Kontakte
Der Freiwilligendienst Caleidoskop (https://www.caleidoskop-stuttgart.de/freiwilligendienste) ist per E-Mail unter freiwilligendienste@caritas-stuttgart.de erreichbar, der Freiwilligendienst des Internationalen Bunds in Stuttgart unter freiwilligendienste-stuttgart@ib.de, Bewerbungen an die Freiwilligendienste der Eva gehen an personalabteilung@eva-stuttgart.de. Es bieten auch weitere soziale Träger ein FSJ an, auf den jeweiligen Internetseiten der Träger finden sich meistens Informationen zur Möglichkeit, sich zu bewerben.