Leonie Wieland, Miriam Kungel und Lena Hanß haben ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Obwohl wegen Corona vieles anders war, will keine der jungen Frauen die Zeit missen. Auch wenn nicht alle beruflich an sie anknüpfen wollen.
Kreis Esslingen - Hast du keinen Ausbildungsplatz gefunden? Das ist doch nur verschwendete Zeit. Geh doch lieber und mach etwas Anständiges. – Nach ihren Reaktionen zu urteilen, haben Lena Hanß, Leonie Wieland und Miriam Kungel solche Sätze wohl in den vergangenen zwölf Monaten häufiger zu hören bekommen. Die drei jungen Frauen aus dem Kreis Esslingen hatten sich vergangenes Jahr dazu entschlossen, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren. Und nicht bei allen im Umfeld sei das auf Verständnis gestoßen. „Einige denken, wir haben nicht viel gemacht. Dabei haben wir Vollzeit gearbeitet und vor allem viele wertvolle Erfahrungen gesammelt“, betont Leonie Wieland. Sie ist seit September 2020 im Jugendhaus Domino in Aichwald. Eigentlich wollte die 19-Jährige nach ihrem Abschluss ins Ausland gehen und ein Jahr als Au-pair arbeiten, doch Corona machte ihr einen Strich durch die Rechnung.
Escape Room für Kinder im Jugendhaus Domino
Über einen Zeitungsartikel sei sie dann auf das FSJ-Angebot des Kreisjugendring Esslingen (KJR) gestoßen. Der KJR bietet jedes Jahr 159 freie FSJ-Plätze im Kreis Esslingen an, sagt Selina Eckstein, Referentin für Freiwilligendienste im Bereich Jugendbeteiligung. Zu den Einrichtungen gehören unter anderem Schulen, Kindergärten, Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren und eben Jugendhäuser. In einem davon war Wieland die vergangenen zwölf Monate. „Normalerweise werden dort von uns Schülercafés veranstaltet, wir planen Kinder- und Ferienprogramme oder wirken bei Schulsozialarbeitsprojekten mit“, berichtet Wieland. Wegen Corona sei jedoch vieles anders gewesen. „Zu Beginn hatten wir noch einen geregelten Alltag durch unser Ferienprogramm. Im Dezember wurde es dann allerdings heftig. Es war schließlich ein kompletter Lockdown“, erinnert sie sich. Doch die Corona-Einschränkungen wurden kreativ gemeistert: „Wir haben uns die Zeit dann mit der Planung von neuen Programmen und Projekten vertrieben“, berichtet sie. So hätten sie zum Beispiel einen Escape-Room für Kinder auf die Beine gestellt, das Jugendhaus renoviert und bereits zukünftige Ferienprogramme geplant. „Rückblickend bin ich sogar froh, dass ich nicht ins Ausland gehen konnte“, gesteht sie. Denn ihre Zeit im Jugendhaus wolle sie nicht missen.
Auch ohne Präsenzunterricht eine wertvolle Erfahrung
Etwas anders als gewöhnlich lief auch die Arbeit von Lena Hanß ab. Die 20-Jährige verbrachte ihr FSJ in zwei Grundschulen in Ostfildern, in der Lindenschule und in der Schule am Park. Sie startete ihren Freiwilligendienst erst im Oktober, zu dem Zeitpunkt war die Coronalage bereits angespannt. „Der Alltag in beiden Schulen wurde deshalb auch recht bald auf Notbetreuung umgestellt“, erinnert sich Hanß. Die meisten Schülerinnen und Schüler seien zu Hause gewesen. Geregelter Unterricht fand nicht mehr statt.
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Doch das habe ihren Erfahrungen im vergangenen Jahr keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: „Ich konnte dadurch viel Eigenverantwortung zeigen, da ich eine Klassenstufe komplett selbst betreuen durfte“, berichtet die Neuhausenerin. Eine Lehrkraft sei zwar immer vor Ort gewesen, aber zu Nicht-Coronazeiten wäre sie auch häufiger mal nur als Zuschauerin im hinteren Teil des Klassenzimmers gesessen, vermutet Hanß. Dass es sie in eine Grundschule ziehen würde, war von Anfang an klar. „Ich überlege schon länger, Lehramt zu studieren.“ Am Ende hat es sich auch bewährt. Im Herbst beginnt die 20-Jährige ihr Studium. Gerade mit Blick auf die Studierenden, die ihre ersten Semester zuletzt nur online absolvieren konnten, sei sie froh, dass sie noch etwas gewartet hat.
Coronakonforme Spaziergänge organisiert
Im Gegensatz zu den anderen beiden FSJlerinnen hatte Miriam Kungel ursprünglich nicht vor, eine Orientierungszeit zu nehmen. Sie wollte direkt eine Ausbildung beginnen. Als dies erfolglos blieb, bewarb sich die Reichenbacherin kurzerhand für ein FSJ im örtlichen Jugendhaus. Eine Entscheidung, die sie nicht bereut hat, auch wenn wegen Corona viele Aufgabenbereiche nicht besetzt wurden. „Während des Lockdowns, als keine Jugendlichen kommen durften, haben wir uns hauptsächlich um Renovierungsarbeiten gekümmert“, berichtet sie. Zum Teil sei ihre Gruppe auch mit einigen Personen coronakonform spazieren gegangen. Besonders, wenn jemand Redebedarf hatte, haben sie alles versucht, um das möglich zu machen, sagt sie.
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Im September fängt die 21-Jährige nun eine Ausbildung zur Speditionskauffrau an. An einen geregelten Arbeitsalltag sei sie dank ihres Freiwilligendienstes bereits gewohnt, auch wenn der angestrebte Job wenig mit ihren Aufgaben im Jugendhaus zu tun hat. „Vor allem für meine persönliche Entwicklung hat es mir viel gebracht.“ Zudem habe es ihr auch gezeigt, was sie nicht gerne mache: „Ich mag Kinder, mit ihnen arbeiten könnte ich jedoch nicht“, sagt die Reichenbacherin und lacht.
Freiwilliges Soziales Jahr im Kreis Esslingen
FSJ
Das Freiwillige Soziale Jahr, auch häufig als FSJ abgekürzt, gibt es bereits seit über 50 Jahren und wird in einer sozialen kulturellen Einrichtung absolviert. Im Gegensatz zum Bundesfreiwilligendienst (BFD), der erst im Jahr 2011 als Reaktion auf die Aussetzung der Wehrpflicht beziehungsweise Zivilpflicht in Leben gerufen wurde. Der größte Unterschied zwischen den beiden Angeboten ist, dass man einem BFD auch noch absolvieren kann, wenn man älter als 27 ist.
KJR
Der Kreisjugendring Esslingen vereinigt alle wichtigen Verbände und Organisationen, die im Landkreis Esslingen Jugendarbeit betreiben. Der Verein listet auf seiner Webseite als anerkannter Träger für das Freiwillige Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst alle FSJ-Einsatzstellen. Auch für dieses Jahr seien noch in allen Bereichen einige Stellen frei, sagt Selina Eckstein vom KJR.