Frank Elstner hört im Herbst 2015 mit „Menschen der Woche“ auf Foto: dpa

Eine Ära nach der anderen endet im deutschen Fernsehen. Bei „Wetten, dass. . ?“und beim „Nachtcafé“ gehen im Dezember die Lichter aus. Frank Elstner verabschiedet sich im Herbst 2015 von „Menschen der Woche“. Der SWR plant schmerzhafte Einsparungen.

Stuttgart - Fast schien es, als sei Frank Elstner, der an Karsamstag 72 Jahre alt wird, froh, dass er dem ganzen Affenzirkus der deutschen Medienarena entfliehen kann. Als er vor wenigen Tagen gefragte wurde, ob er als Erfinder von „Wetten, dass...?“ bei der allerletzten Ausgabe des Showklassikers dem glücklosen Moderator Markus Lanz beiseite stehen wolle, reagierte er für seine gewohnt freundlichen Verhältnisse relativ schroff. Natürlich hoffe er, dass es kein Begräbnis für immer sei, sagte Show-Dino Elstner, dafür stecke in der Sendung nach 33 Jahren noch genügend Potenzial für eine Fortsetzung. Ob er bei der letzten Ausgabe mit Markus Lanz vor die Kamera gehe, könne er nun wirklich nicht sagen – denn er habe ganz andere Dinge im Kopf, die ihm viel wichtiger seien – nämlich Bonobo-Affen.

Für den SWR ist Elstner mittlerweile in die Ferne geflogen, um sechs Wochen lang einen Film über die Zwergschimpansen zu drehen, die zu einem altbewährten Mittel greifen, wenn es für sie stressig wird: zu Sex.

Dieses Mittel dürfte den SWR-Verantwortlichen kaum weiterhelfen, wenn sie harte Sparmaßnahmen umsetzen wollen, von denen unsere Zeitung erfahren hat. „Wir müssen im Jahr 5,2 Millionen Euro einsparen“, bestätigte SWR-Sprecher Wolfgang Utz am Dienstag unserer Zeitung. So hoch ist die Summe, die der Sender nach der Reduzierung der Rundfunkgebühren weniger einnimmt. Um an den Programmen möglichst wenige Abstriche vornehmen zu müssen, wolle man große Produktionen verlagern und zusammenführen.

Weil mit dem bald 68-jährigen Wieland Backes und mit dem bald 72-jährigen Frank Elstner zwei altgediente Quotenbringer abtreten, besteht die Chance für einen umfassenden Neuanfang.

Der Flurfunk des SWR-Hochhauses an der Neckarstraße meldet Pläne aus der Chefetage, wonach der Sender künftig nur noch eine große Talkshow ausstrahlen will – nämlich die Nachfolge-Sendung des „Nachtcafé“, über deren Konzept gerade gebrütet wird. Sprecher Utz widerspricht: Ob man aus zwei eins mache, sei noch offen.

„Darüber ist noch keine Entscheidung gefallen“, erklärte Utz. Doch einräumen muss der SWR-Unternehmenssprecher, dass sich die neue Talkrunde nicht mehr im Ludwigsburger Schloss Favorite trifft, sondern im E-Werk von Baden-Baden, aus dem Elstners „Menschen der Woche“ seit dem Jahr 2000 gesendet wird. Der Verwaltungsrat habe den Umzug am vergangenen Freitag bei seiner Sitzung in Mainz genehmigt.

Schon in den vergangenen Jahren verfolgte der SWR diesen Plan, wogegen sich Wieland Backes immer heftig gewehrt hatte. Der Medienstandort Stuttgart dürfe nicht weiter geschwächt werden. Jetzt wird der Medienstandort Baden-Baden auf Kosten der Landeshauptstadt weiter gestärkt. Warum werden nicht die neu gebauten TV-Studios an der Neckarstraße in Stuttgart genutzt, damit das bisherige Flaggschiff der journalistischen Unterhaltung in Stuttgart bleiben kann? „Die Studios sind komplett ausgebucht“, sagt Utz. Auch wenn die Produktion der „Nachtcafé“-Nachfolgesendung nach Baden-Baden umziehe, bedeute dies nicht automatisch, dass die Redaktion mitziehen müsste. Bisher war Backes und sein Team im Bosch-Areal untergebracht. Auf Ende des Jahres hat der SWR die Räume gekündigt.

Auch wenn Frank Elstner sich optisch in 13 Jahren „Menschen der Woche“ kaum verändert hat, ist er doch nun einer der ältesteten Moderatoren Deutschlands, die noch vor der Kamera stehen. Sein Abschied kommt also nicht überraschend. Der bisherige Vertrag mit seiner Produktionsfirma läuft eigentlich im Sommer 2014 aus. Doch der Sender und Elstner einigten sich vor dem Abflug des Moderators zu den Affen-Dreharbeiten auf eine weitere Verlängerung bis Sommer 2015. Einzelheiten zu dem bevorstehenden Abschied wollte SWR-Sprecher Utz zunächst nicht nennen. Dies wolle man Elstner selbst überlassen, der im Mai nach Deutschland zurückkehrt.

Nach der Recherche unserer Zeitung entschloss sich der SWR, am späten Nachmittag eine Pressemitteilung zu Elstners Abschied und zum geplanten Sparpaket herauszugeben. „Beim SWR-Fernsehen, dessen Einsparvorgabe bei 25 Prozent liegt, soll der bereits laufende Einsparprozess nun weiter konkretisiert werden“, erklärte Intendant Peter Boudgoust. Trotz des Spardrucks wolle man an der „konsequenten Weiterentwicklung strategisch wichtiger Sendeplätze festhalten“.

Die „Große Show der Naturwunder“, die Frank Elstner auch künftig moderieren wird, und „Verstehen Sie Spaß?“, so der Intendant weiter, sollten künftig „statt aus unterschiedlichen Hallen in einem günstigeren Fernsehstudio produziert werden“. Mit einem festen Standort würden die hohen Reise- und Übernachtungskosten entfallen, was im Sinne der Gebührenzahler sei. „Der Fernsehzuschauer daheim will eine gute Sendung, ihm ist egal, von wo sie kommt“, betont Sprecher Utz.

Weitere Sparpläne betreffen den „Tigerentenclub“, der bisher in Göppingen produziert wird. Im Jahr 2017 soll die Kindersendung umziehen – ebenfalls nach Baden­Baden. Intendant Boudgoust hat über die Pläne bereits die vom Umzug betroffenen Oberbürgermeister von Göppingen und Ludwigsburg informiert. Guido Till (CDU), OB von Göppingen, hofft, die Studios des „Tigerentenclubs“ noch attraktiver zu machen, bis endgültig entschieden sei. Auch wenn der SWR „auf vielfältige Synergien“ setzt, sagt Till: „Die Hoffnung stirbt ­zuletzt.“

Die Landtagsfraktionen sehen die aktuellen Entwicklungen beim SWR teilweise recht kritisch. „Ich stehe jeder Vermagerung erst mal kritisch gegenüber“, sagt Sascha Binder, medienpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, „und halte nichts davon, das Programm zu reduzieren.“ Vor allem stört es ihn, Sendungen abzusetzen, ohne für adäquaten Ersatz zu sorgen.

Genauso wenig hat Binder für die Zentralisierung am Standort Baden-Baden übrig: „Wer in seinem Programm auf Regionalität setzt, darf die Vielfalt der Produktionsstandorte nicht vernachlässigen“, findet er. Außerdem steht er dem geplanten Umzug kritisch gegenüber, weil es sich bei Ludwigsburg und Göppingen um traditionelle Standorte handle. „Das Schloss in Ludwigsburg hat dem ‚Nachtcafé‘ ein ganz besonderes Flair gegeben. Und auch der ‚Tigerentenclub‘ hat eine starke Verbindung zu Göppingen und wurde 18 Jahre dort produziert.“

Ganz ähnliche Töne schlägt Alexander Salomon von den Grünen an. „Auch wenn es wirtschaftlich rentabel sein mag – man muss darüber sprechen, ob es Sinn ergibt, dass der SWR so zentral produziert“, sagt das Mitglied des Rundfunkrats. Und wenn man schon Sendungen absetzen müsse, könne man sich auch mehr Gedanken über neue Programme machen. „Wir sollten als bundesweit zweitgrößte Rundfunkanstalt mehr riskieren“, fordert er.

Etwas zurückhaltender geht Ulrich Goll, medienpolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, mit dem geplanten Strukturwechsel beim SWR um. „Aus Stuttgarter Sicht sind die Entwicklungen natürlich bedauernswert – aber der SWR ist schließlich fürs ganze Land da“, sagt er. Trotzdem sei es wichtig, dass der SWR auch in Baden-Baden „Unterhaltung auf gepflegtem Niveau“ wie im „Nachtcafé“ aufrecht erhalte.

Ähnlich sieht es Günther-Martin Pauli (CDU): „Trotz Verständnis für die Vorschläge des Senders müssen wir sie kritisch beäugen.“ Einen Grund, in Panik zu verfallen, sieht er deswegen aber nicht.

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