Ein Berliner Start-up rettet und verkauft Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden. Dabei geht es manchmal abenteuerlich zu.
Berlin - Die East Side Mall in Berlin-Friedrichshain ist ein Einkaufszentrum mit mehr als 100 Shops, Neonlicht, Dudelmusik – nicht besonders originell, nicht besonders lustig. Und doch gibt es darin einen Ort, an dem sich regelmäßig lustige Szenen abspielen. „Immer wieder mal kommen Kunden auf mich zu, die sich nicht so richtig im Laden umgeguckt haben“, erzählt Anton Hartwig, Filialleiter eines kleinen Lebensmittelmarkts. „Die sagen: Ich hab hier ein Produkt gefunden, bei dem das Mindesthaltbarkeitsdatum schon sehr lange verstrichen ist. Haben Sie das vielleicht noch frisch im Lager?“
Nein, haben sie nicht. Und ja, manches im Laden ist schon lange abgelaufen. Das gehört bei Sirplus zum Konzept. Dieses Konzept erklärt Hartwig geduldig seinen Kunden: „Werte Dame, werter Herr, sehr vieles, was Sie in diesen Regalen und Kühlschränken finden werden, hat in der Tat das sogenannte Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Und das ist gut so. Sie befinden sich hier in einem Rettermarkt, einem Supermarkt, der Lebensmittel vor der Verschwendung rettet.“
18 Millionen Tonnen Lebensmittel gehen verloren
Und die Verschwendung ist groß. Die Umweltorganisation WWF schätzt, dass allein in Deutschland pro Jahr rund 18 Millionen Tonnen Lebensmittel verloren gehen. 42 Prozent dieser Verluste passieren laut WWF bereits während und kurz nach der Ernte, bei der anschließenden Weiterverarbeitung sowie im Groß- und Einzelhandel; auf Großverbraucher (wie Restaurants und Kantinen) entfallen weitere 19 Prozent; und für 39 Prozent zeichnen die Endverbraucher verantwortlich.
Sirplus möchte mit seinen Rettermärkten vor allem dazu beitragen, jene ersten drei Verlustposten zu reduzieren, auf die man als Endverbraucher den geringsten Einfluss hat. Sirplus kauft die Lebensmittel zu einem reduzierten, meist bloß symbolischen Preis auf. Und bietet sie, zu einem ebenfalls stark reduzierten Preis, an. „Wie viele Lebensmittel schon auf dem Weg zum Supermarkt verloren gehen, ist den meisten Leuten total schleierhaft“, sagt Raphael Fellmer, einer der Gründer von Sirplus.
Auch für Fellmer war dies ein Lernprozess. Als er 2009 erfuhr, wie viele Lebensmittel weggeworfen werden, wurde er zum „Mülltaucher“ – ernährte sich also vor allem von Essen aus Supermarktabfallcontainern. 2011 gründete er die Bewegung Lebensmittel retten, die sich später mit der Internetplattform Foodsharing.de zusammenschloss und heute in Deutschland, Österreich und der Schweiz Hunderttausende Mitglieder zählt.
Sehen Sie im Video einen Beitrag über das Stuttgarter Food-Sharing-Café Raupe Immersatt:
Inzwischen betreibt Sirplus vier Rettermärkte in Berlin
Eigentlich ein großer Erfolg. Trotzdem fühlte sich Fellmer irgendwann hilflos: „Ich habe gemerkt, dass es allein mit Foodsharing noch Hunderte Jahre dauern würde, bis wir alle Lebensmittel gerettet haben.“ Er wollte das Nischenphänomen, Lebensmittel zu retten, in den Mainstream befördern. Im April 2017 startete Sirplus sein erstes Crowdfunding im Internet. Bis Juni jenes Jahres wollten sie 50 000 Euro eingesammelt haben, um den ersten Rettermarkt zu eröffnen. Es wurden sogar gut 90 000 Euro, überwiesen von rund 1700 Unterstützern.
Inzwischen betreibt Sirplus vier Rettermärkte in Berlin, darunter seit Anfang des Jahres einen im Ostbahnhof, der an sieben Tagen die Woche geöffnet hat. Zusammen mit dem Online-Shop haben sie gut 100 Mitarbeiter. 2018 betrug der Gesamtumsatz rund 1,2 Millionen Euro. Seit der Gründung 2017, so hat es Sirplus errechnet, wurden schon fast drei Millionen Kilogramm Lebensmittel gerettet: Unförmiges, nicht der Norm entsprechendes Obst und Gemüse oder Produkte, deren Verpackungen kleine Fehler haben, Überproduktionen, Restposten. Und vor allem: Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum entweder in Kürze überschritten wird oder bereits wurde. Was erst einmal kein Problem ist, denn dieses Datum sei „sehr konservativ“ gewählt, erklärt Sirplus-Filialleiter Hartwig. „Joghurt beispielsweise ist bei ordnungsgemäßer Kühlung noch Wochen nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum einwandfrei.“
Eine der wichtigsten Sirplus-Rettungsaktionen beginnt täglich um 5 Uhr morgens auf dem Großmarkt am Berliner Westhafen. Hier befindet sich der Fruchthof Berlin, eine Halle, so endlos und unübersichtlich wie ein Ikea-Warenlager. 30 000 Quadratmeter Fläche, 220 000 Tonnen Obst- und Gemüseumschlag pro Jahr, 120 elektrische Gabelstapler, die umhersurren.
Der Preismacher spart sich so die Entsorgungsgebühren
Es ist noch stockdunkle Nacht, als Sirplus-Einkäufer Felix Wagner die Halle betritt, in der es kaum wärmer ist als draußen. In seiner Lieblingsecke stellt der Großhändler kistenweise aussortierte B-Ware ab: Salat, reichlich, eigentlich einwandfrei. „Da wundere ich mich tatsächlich gerade, warum der hier steht.“ Daneben: Staudensellerie. „Geht immer gut.“ Grünkohl: „Auf jeden Fall spannend.“ Wird alles gerettet.
Der Sirplus-Einkäufer stapelt Kiste um Kiste auf eine Holzpalette. Wischt auf seinem Handy hoch und runter, um die Wunschlisten der Sirplus-Märkte damit abzugleichen. Packt noch drei Kisten Gurken drauf, je eine Kiste Dill und Suppengrün, zwei Kisten Romanesco. Und was sonst noch besonders ist oder gut geht.
Wagner ist mit der Ausbeute zufrieden, er ruft den Preismacher. Der tippt Kiste um Kiste in seinen Rechner. Plötzlich dreht er sich um und zeigt auf eine Wand aus Pappkartons, die hinter der Retterpalette meterhoch aufragt. Clementinen, in Beuteln. Zwei Lkw-Ladungen seien geliefert worden, eine davon habe sich gut verkauft, erzählt der Preismacher. Dann sei der Markt in Berlin und Brandenburg satt gewesen. „Die Clementinenbeutel“, sagt der Preismacher, „kannste palettenweise mitnehmen.“ – „Sind die durch?“, will Wagner wissen. Der Preismacher zögert. „Na ja, ein bisschen. Da ist halt in jedem Beutel mal eine drin, die kaputt ist.“ Wagner schaut sich zwei, drei Kisten an. „Wie viel der Beutel?“ – „Beutel zehn Cent. Scheißegal. Weg damit! Wir wollten die eigentlich gestern schon wegschmeißen.“ – „Gut, zehn Kisten.“ – „Na, siehste.“ Der Preismacher lächelt, zückt noch einmal den Rechner. Er verdient so nicht nur etwas Geld, er spart obendrein Entsorgungsgebühren, die der Großmarkt für Nichtverkauftes in Rechnung stellt. Wagner lädt die zehn Kartons auf die Palette. „Ich hoffe jetzt mal“, sagt er beim Rausgehen, „dass ich mich nicht verschätzt habe.“ Auf dem Parkplatz vor dem Markt steht inzwischen ein zweiter Sirplus-Transporter, vor dem ein Fahrer wartet. Zusammen verteilen er und Felix Wagner das gerettete Obst und Gemüse auf die Paletten – eine für jede Filiale.
Für den Einzelhandel wäre dieser Kürbis zu groß
Als Wagner in der East Side Mall eintrifft, ist Filialleiter Anton Hartwig bester Laune: Gerade hat er einen stattlichen Kürbis verkauft, den er extra direkt an der Kasse positioniert hatte – nicht zu übersehen. Wagner kann die Freude seines Kollegen gut verstehen: „Für den klassischen Einzelhandel wäre ein solcher Kürbis zu groß. Wir geben ihm die Chance, hier trotzdem verkauft zu werden.“
Wagners Wecker klingelt auch morgen wieder um 3.30 Uhr, deshalb hat er am frühen Nachmittag Feierabend. Schon da ist absehbar, dass seine wichtigste Wette des Tages aufgegangen ist. Die Clementinen, die im Morgengrauen kistenweise gerettet wurden, finden reißenden Absatz.