Bis 2035 will Stuttgart CO2-neutral sein. Noch fehlt aber eine Strategie, wie die Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien umgestellt werden kann. Das hat auch mit einer Eigentümlichkeit Stuttgarts zu tun.
Die Ampelkoalition hat sich darauf geeinigt, dass neu eingebaute Heizungen von 2024 an zu 65 Prozent aus Klimaschutzgründen aus erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Für Stadthäuser mit mehreren Etagen sind Wärmepumpen nicht die erste Wahl. Was aber dann, vor allem in der Stuttgarter City?
Die Potenziale, die Fernwärme in der Landeshauptstadt auszubauen, waren nun Thema im Ausschuss für Klima und Umwelt. Dabei ging es auch um die Frage, ob in wieweit das Rostocker Modell als Vorbild dienen könnte. Die Hansestadt setzt voll auf Fernwärme. Unter Fernwärme versteht man die zentrale Versorgung von Gebäuden mit Warmwasser und Heizwärme.
Rostock verfügt über eine klare Strategie
Anders als Stuttgart verfügt Rostock seit Mai 2022 über eine Strategie, wie die Hansestadt mit Wärme aus klimaneutralen Energiequellen versorgt werden kann. „Wir sind davon überzeugt, mit dem Ausbau der Fernwärme den Bürgern eine bezahlbare und zuverlässige Alternative zu Gas oder Öl bieten zu können“, sagt Kerry Zander, Koordinatorin im dortigen Umweltamt. Bis 2035 soll die Produktion von Gas auf umweltfreundliche Quellen wie Abwärme, Umweltwärme und Biomasse umgestellt werden. Laut Zander habe die Stadtverwaltung bei der Erstellung des Wärmeplans von Anfang an die Bürgerinnen und Bürger einbezogen. „Fernwärme hat bei uns eine hohe Akzeptanz.“ Schon jetzt werden in Rostock 60 Prozent der Wohnungen und Wohngebäude mit Fernwärme versorgt. In Stuttgart sind es derweil nur rund 20 Prozent.
Kessellage macht Fernwärmeausbau kompliziert
Stellt sich die Frage, ob sich das Rostocker Modell auf Stuttgart übertragen ließe. Ein von der Stadt für 190 000 Euro in Auftrag gegebenes Gutachten legt nahe, dass das nicht ohne weiteres geht. Auch weil die Geografie in Stuttgart dem Ausbau des vorhandenen Fernwärmenetzes Grenzen setze, so die Beratungsfirma Ramboll. So sei es technisch kaum möglich, Haushalte in den höher gelegenen Bezirken an ein Netz in der Innenstadt anzuschließen.
Ein eigenes Netz für die Außenbezirke aufzubauen, werde nicht empfohlen, da es in diesen Gegenden an Möglichkeiten mangele, Wärmequellen wie Erdwärme zu nutzen. Hier sollten die Eigentümer besser auf Wärmepumpen setzen. In der Innenstadt halten die Autoren der Studie einen Ausbau des vorhandenen Fernwärmenetzes hingegen für sinnvoll. Insgesamt fällt das Fazit der Studie ernüchternd aus: „Die Potenziale für die Erzeugung kostengünstiger regenerativer Wärme sind begrenzt,“ heißt es.
Jürgen Görres, Abteilungsleiter im Amt für Umweltschutz, ist von den Ergebnissen des Gutachtens wenig überrascht. „Die Studie bestätigt unsere Annahme, dass ein großflächiger Ausbau des vorhandenen Netzes aus wirtschaftlichen und technischen Gründen unrealistisch ist“, sagt er. Eine Nachverdichtung des Fernwärmenetzes in der Innenstadt hält Görres hingegen für notwendig. Auch wenn bis zum Niveau von Rostock noch einiges zu tun ist.
SPD fordert die Stadt zu entschlossenerem Handeln auf
Der Stadtrat Michael Jantzer (SPD) kritisiert grundsätzlich, dass die Stadt noch keine konkreteren Pläne für die Energiewende vorgelegt habe, obwohl die Studie bereits vergangenen Herbst fertiggestellt worden sei. Das Gutachten liefere zwar wichtige Hinweise, doch seien weitere Untersuchungen zu den Potenzialen nachhaltiger Wärmequellen wie Erdwärme, Solarthermie, Flusswasserwärme oder Abwasserwärme notwendig.
Laut Jantzer sollte die Stadt so schnell wie möglich in Zusammenarbeit mit dem Netzbetreiber EnBW pragmatische Lösungen entwickeln, wie eine klimaneutrale und bezahlbare Wärmeversorgung verwirklicht werden könnte. Wenn diese mit den Renditezielen des Energiekonzerns unvereinbar seien, müsse das Land als Anteilseigner eine Anpassung der Ziele durchsetzen.
Umweltverbände beklagen zu wenig Transparenz seitens der Stadt
Gabriele Munk (Grüne) bemängelt, dass die Stadt den Stadträten das Gutachten erst zwei Tage vor der Sitzung habe zukommen lassen. Eine Anfrage unserer Zeitung an die Stadt blieb unbeantwortet. Manfred Niess vom Klima und Umweltbündnis Stuttgart (KUS) befürchtet, die Stadt wolle die Verantwortung auf die Hauseigentümer abwälzen. Er macht sich für den großflächigen Ausbau des vorhandenen Netzes sowie für neue Netze in den Außenbezirken stark. Michael Fuchs, der sich in der Bürgerinitiative Kommunale Stadtwerke engagiert, fordert die Stadt zu mehr Bürgerbeteiligung bei der Energiewende auf.