Gibt es ein Überschuldungsrisiko durch Kredite der staatlichen Förderbank KfW? Zahlreiche Studierende in Deutschland sind mit drastisch gestiegenen Zinsen konfrontiert. Vor einem Jahr war der Kredit de facto zinsfrei. Hilft der Staat?
Was eigentlich als kostengünstiges Hilfsangebot gedacht war, hat sich im Zuge der Zinswende zu einer teuren Belastung und teilweise sogar Schuldenfalle entwickelt: Die Kritik am Studienkredit der staatlichen Förderbank KfW nimmt zu. Inzwischen sind die Zinsen auf fast acht Prozent gestiegen. Die Rufe nach staatlicher Unterstützung werden lauter.
„Der Zinssatz ist für viele Studierenden eine hohe Belastung und bringt ein Überschuldungsrisiko mit sich“, erklärte das Studierendenwerk Stuttgart gegenüber unserer Zeitung. Der KfW-Studienkredit sei ein Angebot einer staatlichen Förderbank und sollte daher einen möglichst niedrigen Zinssatz aufweisen. „Ein Gegensteuern durch die Bundesregierung ist hier wünschenswert“.
Direkte Folge der Geldpolitik im Euroraum
„In Zeiten steigender Lebenshaltungs- und Energiekosten stellt die Zinserhöhung beim KfW-Studienkredit eine zusätzliche Belastung für betroffene Studierende dar“, erklärte Baden-Württembergs Bildungsministerin Petra Olschowski von den Grünen auf Nachfrage. „Als Landesregierung und Wissenschaftsministerium haben wir jedoch keinen Einfluss auf die Zinskonditionen, denn die Ausgestaltung des KfW-Studienkredits obliegt dem Bund.“
War der KfW-Studienkredit vor einem Jahr für viele Studierende noch de facto zinsfrei, so ist der effektive Zinssatz mittlerweile auf 7,82 Prozent geklettert. Bei der nächsten halbjährlichen Anpassung im Herbst könnte er noch weiter steigen. Dass es so weit kommen konnte, ist in erster Linie eine direkte Folge der Geldpolitik im Euroraum. Im Kampf gegen die hohe Inflation hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins seit letztem Sommer von null auf inzwischen 4,25 Prozent angehoben.
Unbesicherter Kredit mit variabler Verzinsung
Beim KfW-Studienkredit sind die Zinsen variabel und folgen dem Referenzzins Euribor im Euroraum. Dazu kommt noch ein satter Aufschlag, denn der Kredit ist unbesichert – anders als zum Beispiel bei der Hausfinanzierung, wo Banken auf die Immobilie zugreifen können. Ohne geregeltes Einkommen und abgeschlossene Berufsausbildung gelten Studierende als erhebliches Kreditrisiko.
„Die KfW erzielt mit dem Studienkredit keinen Gewinn, muss jedoch selbst kostendeckend arbeiten und daher über den Zinssatz die Kosten abbilden, die durch die ordnungsgemäße Abwicklung des Förderprodukts sowie aus der Übernahme der zugehörigen Ausfallrisiken entstehen“, rechtfertigt sich die Kreditanstalt auf Nachfrage. Seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine sei der Euribor-Referenzzins um rund 4,5 Prozentpunkte gestiegen.
“Markt für Studienkredite in Deutschland kollabiert“
Auch die Bundesregierung steht in der Kritik. Zu Beginn der Corona-Pandemie, als die Konjunktur einbrach und viele Nebenjobs den Lockdowns zum Opfer fielen, hatte sie den Großteil der Kredite vorübergehend zinsfrei gestellt. Im Jahr 2020 führte dies laut einer Analyse des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zu einem sprunghaften Anstieg der Kreditverträge. Als die zinsfreie Phase im vergangenen Oktober endete, war die Zinswende bereits voll im Gange. So kam es für viele Kreditnehmer zu einem abrupten Zinsschock.
Nicht zuletzt angesichts der hohen Zinsen ist die Nachfrage inzwischen eingebrochen. Laut der Studie „CHE-Studienkredit-Test 2023“ ging die Zahl der neu abgeschlossenen Studienkredite im vergangenen Jahr auf 23 820 zurück. Das sind etwa 9000 Verträge oder 28 Prozent weniger als noch 2021. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 lag die Zahl der Neuverträge dem CHE zufolge noch bei fast 60 000. „Wir können gerade in Zeitlupe dabei zusehen, wie der Markt der Studienkredite in Deutschland kollabiert“, resümiert Experte Ulrich Müller vom CHE.
Studierendenwerk: „Handfester sozialpolitischer Skandal“
Matthias Anbuhl, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Studierendenwerks, bezeichnete die Zinserhöhung beim KfW-Studienkredit bereits als „handfesten sozialpolitischen Skandal“ und fatales Signal an die Studierenden. „Kredite fürs Studieren sind damit doppelt so teuer wie Immobilienkredite.“ Dies zeige einmal mehr: „Studienkredite sind mit höchster Vorsicht zu betrachten“. Sie sollten, so Anbuhl, immer das letzte Mittel der Wahl sein, wenn alle weiteren Quellen der Studienfinanzierung – Elternunterhalt, BAföG, Nebenjob, Stipendien – nicht oder zu kurz greifen.
Die KfW weist den Vergleich mit Immobilienkrediten indes zurück. Die Beantragung des Studienkredits sei unabhängig vom Vermögen oder Einkommen – vom eigenen wie auch dem der Eltern – und es müssten keine Sicherheiten gestellt werden, betont die Förderbank. Der Studienkredit biete zudem viele Wahlmöglichkeiten bei der Ausgestaltung der Auszahlungen und Tilgungen. Sowohl in der Auszahlungs- als auch in der Rückzahlungsphase könnten die monatlichen Beträge flexibel angepasst werden. „Daher ist er nicht mit einer anderen Art von Kredit vergleichbar.“
Staatliche Hilfen – bislang Fehlanzeige
Auf staatliche Hilfe hoffen Studierende, die durch hohe Zinsen unter Druck geraten, bislang vergeblich – anders als 2008, als die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) eine zwischenzeitliche Deckelung der Zinsen auf 6,5 Prozent bei der KfW durchsetzte. Immerhin sagte die amtierende Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) der Rheinischen Post im August: „Wir sind im Austausch mit der KfW, um Wege zu finden, damit der Zinssatz nicht noch mehr steigt“.