Organisator Hannes Steim am Eingang zur Calwer Passage Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es ist eine Glaubensfrage geworden. Wo kauft man ein? Selten waren der Möglichkeiten so viele. Es gibt die neuen Einkaufszentren, es gibt die Königstraße, die kleinen Läden in den Stadtteilen. Und das Fluxus in der Calwer Passage. Die 16 Läden dort zeigen, was möglich ist, wenn die Mieten bezahlbar sind.

Stuttgart - Nein, das neueste Abenteuer von Asterix und Obelix spielt nicht in Stuttgart. Auch wenn Dirk Wehinger vom Projektentwickler Argon in der Innenstadt ein „kleines gallisches Dorf“ erspäht hat. Nicht zufällig hat er es in der Calwer Passage entdeckt, die gehört seit einem Jahr der Mutter der Argon, der Piëch Holding. Dort finden sich seit November 16 Läden, betrieben zumeist von Stuttgarter Händlern, angelockt durch günstige Mieten und den Mut und Optimismus von Macher Hannes Steim.

„Wir wollen was anderes bieten als den Einheitsbrei“, sagt er, „die großen Einkaufsstraßen sehen doch überall gleich aus, ob in Düsseldorf, München oder Stuttgart.“ Die Eigenheiten, die Besonderheiten, finde man dort aber nicht. Die muss man suchen. Und in Stuttgart sind sie besonders gut versteckt. „In Hamburg im Karo-Viertel gibt es solche besonderen Läden geballt, in Stuttgart sind sie nur den Eingeweihten bekannt.“

Damit die Suche einfacher wird, präsentieren sich dort Läden wie der Second-Hand-Laden Obscür, der Designkiosk West – eine Abordnung diverser Geschäfte aus dem Westen -, Mademoiselle YéYé, betrieben von Flaming-Star- Chefin Florence Shirazi. Weil beim Einkaufen alles Etiketten braucht, könnte man es die kleine, feine Alternative nennen, oder mit den Worten von Wehinger: „Das kleine gallische Dorf im Einkaufsdschungel von Stuttgart.“

Unrecht hat er nicht. Man braucht tatsächlich einen Kompass, um sich durch das Dickicht der Stuttgarter Einkaufslandschaft zu kämpfen. An der einen Ecke wuchert es , anderswo siecht es dahin. Breuninger eröffnet ein Outlet am Rotebühlplatz, Hugendubel und Karstadt schließen. So die neuesten Nachrichten aus dem Dschungel.

Begleitet wird all das von schrillen Tönen. Die einen schelten das Milaneo als Müllaneo, das Gerber steckt man gleich mit in den Sack der bösen Einkaufszentren, die die Königstraße und die alt eingesessenen Läden killen. Einkaufen besaß stets eine moralische Komponente, man denke nur an Bio-Produkte und fair gehandelte oder gefertigte Ware. Aber mittlerweile kann man sich nicht mehr nur darüber definieren, was man kauft, sondern wo man kauft. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ hat jüngst den Gutbürger entdeckt, der in Manufakturen, Familienbetrieben und Hinterhöfen einkauft. Mit seinem Geld will er keinesfalls Konzerne mästen, die Näherinnen ausbeuten, Lagerarbeiter verarmen lassen und nirgends Steuern zahlen.

Ein Ort wie das Fluxus ist wie gemacht für diese Zielgruppe. Dass aber viele andere kommen, hat selbst Steim überrascht, „das war im Vorfeld so nicht absehbar“. Im Gegenteil, ihm war mulmig zumute. „Ich hatte Bekannte und Freunde gefragt, ob sie mitmachen“, sagt er, „hätte ich das Ding gegen die Wand gefahren, wäre das Geld weg gewesen – und die Freunde.“

Nun hat er neue Freunde gewonnen. die Ladenbetreiber sind begeistert. Pascal Steybe hält die Stellung im Ableger des Kinderladens aus Weinstadt. „Wir waren 15 Jahre in der Kronprinzstraße, dann haben sie uns vor fünf Jahren die Miete um 60 Prozent erhöht.“ Das war das Aus. Nun sind sie wieder da. Und würden gerne länger bleiben. „Für uns läuft es super.“ Auch beim Obscür ist der Andrang groß, da braucht man gar dringend gebrauchte Klamotten, weil man weit mehr verkauft hat als erwartet. Ulrich Schöler steht im DesignKiosk West, dort präsentieren sich das Vogelsangatelier und andere Läden aus dem Westen. „Dort kommt man zu uns gezielt“, sagt er, „aber hier haben wir Laufkundschaft und können auch auf unsere Stammläden hinweisen.“

Eine Bestätigung für Steim, der sagt: „Die Leute hungern nach Vielfalt.“ Und wenn man Freiräume ermögliche, gelinge dies auch. Er macht als Hannes Orange Musik, veranstaltet das Pop not Pop-Festival, und betreibt den Klamottenladen Lá pour Lá auf der Rückseite der Königstraße 1b. „Dort geht das, 50 Meter weiter vorne wäre es zehnmal so teuer.“ Und unbezahlbar. Die Königstraße ist eine der teuersten Adressen Deutschlands, im Schnitt muss man dort 330 Euro für den Quadratmeter zahlen. Wer also einen Laden mit 100 Quadratmeter betreibt, muss 33 000 Euro Miete im Monat zahlen. „Dass können nur Ketten“, sagt Steim, „25 Euro für den Quadratmeter wären machbar, dann kann man was ausprobieren.“ Das versucht er nun in der Calwer Passage. „Ich habe den Betreiber angesprochen“, sagt er, „ich dachte, vielleicht geht ja was.“ Es ging tatsächlich was.

Argon verlangt Mieten zwischen 15 und 30 Euro je Quadratmeter. Wehinger weist übrigens weit von sich, dass man für die in die Jahre gekommene Calwer Passage niemand anders gefunden habe und Argon zu seinem Glück gezwungen wurde. „Wir wollten das genau so ausprobieren“, sagt er, „für uns ist das ein gelungenes Beispiel einer Stadtbelebung, das wir auf andere Städte übertragen wollen.“ Nicht jedoch auf andere Immobilien in Stuttgart. Die besitzt Argon auch, auch an der Königstraße. „Da können wir kein Mäzenatentum betrieben das geht an der wirtschaftlichen Realität vorbei.“ Auch bei der City-Initiative und bei der Stadt freut man sich über den Erfolg von Fluxus, sieht darin eine lobenswerte Ausnahme, „die der City guttut, aber keinen Modellcharakter hat“. Man könne ja keinen Immobilienbesitzer per Gesetz zwingen, seine Miete zu senken. So bleibt Staims Wunsch wohl ein Traum: „Es wäre toll, wenn Besitzer ein Testjahr mit bezahlbaren Mieten einräumen: dann würde es mehr so Läden in der City geben.“

Doch vielleicht bleibt das Fluxus der Stadt ja länger erhalten. Eigentlich soll Ende Januar Schluss sein, doch man denkt darüber nach, länger weiterzumachen. Steim: „Die Mieter müssen erst mal darüber nachdenken, ob sie einen längeren Zeitraum stemmen können.“ Argon zumindest wäre gesprächsbereit, auch „wenn wir zu diesem Zeitpunkt keine Statements rausgeben“. Und wie war das mit dem gallischen Dorf? Das gibt’s bekanntlich immer noch.

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