Die Flüchtlinge haben eine Woche lang auf die Schicksale ihrer Angehörigen aufmerksam gemacht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wenn die Angst um die Familie erdrückend zu werden droht, greifen Asylbewerber schon mal zu außergewöhnlichen Aktionen. Von Montag bis Freitag haben sie auf dem Stuttgarter Schlossplatz eine Mahnwache abgehalten.

Stuttgart - Der Blick von Mohammed Jamal Noor-Aldin ist in der Ferne gerichtet, auf einen unbestimmten Punkt, den nur er kennt. Leise sagt er in gebrochenem Deutsch: „Wir können uns nicht in Sicherheit fühlen, wenn die Familie nicht in Sicherheit ist.“ Seit Stunden steht der 54 Jahre alte Syrer bereits auf dem Schlossplatz vor dem Herzog-Christoph-Denkmal. Mit seiner ausdauernden Mahnwache möchte er werben – für den Nachzug der Familien von ihm und seinen syrischen Freunden in Stuttgart.

Seine Frau und seine drei Kinder (12, sieben und vier Jahre alt) sind derzeit in der Türkei. Seit der Familienvater vor anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat er sie nicht mehr in die Arme genommen. Und jeden Tag macht er sich Sorgen um sie. Sein Vierjähriger leidet unter starkem Asthma und bräuchte dringend gute Ärzte. Von seinen paar Euro unterstützt der 54-Jährige die Familie, so gut es geht.

Jamal Noor-Aldins Schicksal ist kein Einzelfall. Immer mehr Syrer bekommen nicht mehr den Flüchtlingsstatus anerkannt, sondern nur noch den provisorischen, „subsidiären Schutz“ mit eingeschränkten Rechten, bestätigt der evangelische Asylpfarrer Joachim Schlecht. Während es 2016 noch geheißen habe, dieser Status sei die Ausnahme, habe sich das Verhältnis längst umgekehrt – die Familie nachzuholen, wird damit für viele fast ­unmöglich.

Provisorischer Schutz nimmt deutlich zu

Die andere Handhabung lässt sich deutlich aus der Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge lesen. Wurden laut Übersicht vom Februar 2016 noch 51 677 Syrer bundesweit als Flüchtlinge eingestuft und nur 39 mit subsidiärem Schutz vertröstet, waren es ein Jahr später nur noch 8455 anerkannte Flüchtlinge und 16 091 Menschen mit subsidiären Schutz.

Hinter jeder Nummer steht ein Mensch mit seinem Schicksal. Noor-Aldin kommt aus Aleppo. „Mein Haus, alles kaputt“, sagt er. Zum Glück sei der Familie nichts passiert. Der Asylpfarrer kennt seine Geschichte gut, und auch die Erlebnisse der anderen Männer. Über pro Asyl und über eine Gemeinde in Obertürkheim haben sich die Geflüchteten kennengelernt und einen kleineren Freundeskreis aufgebaut. „Sie stehen sehr unter Druck und fühlen sich so ohnmächtig, dass sie einfach etwas tun wollten“, sagt Schlecht.

Die Mahnwache helfe ihnen bei ihrem Kampf gegen Depressionen, berichtet der Asylpfarrer. Auch einen Brief an die Prä­sidentin des Verwaltungsgerichts haben sie schon zusammen geschrieben, mit der dringenden Bitte um schnellere Entscheidungen in Sachen Flüchtlingsstatus und Familiennachzug.

Zum Teil geht jeder entbehrliche Cent an die Familie

Oft würden ihre Familien fragen, warum denn andere nach Deutschland kommen dürften, sie selbst aber nicht. Unterdessen laufen die Männer hier vor harte Wände und legen oft jeden entbehrbaren Cent zur Seite, um ihre Lieben zu unterstützen. Ein Geflüchteter hat laut Schlecht gelebt wie ein Asket, um seiner Frau soviel Geld wie möglich zu schicken – bis er ganz abgemagert gewesen sei. „Ich habe ihm gesagt: Du musst jetzt wieder etwas essen.“

Rund 15 Männer haben sich von Montag bis Freitag mit den Mahnwachen abgewechselt, sie sammelten Unterschriften und dachten über eine Petition nach. So konnten sie wenigstens etwas tun und sich eine zeitlang von ihren Sorgen ablenken. Ziel sei, dass die Regelungen zum subsidiären Schutz entschärft oder zumindest nicht über 2918 hinaus verlängert werden.

Die Reaktionen seien nicht immer freundlich, berichtet Schlecht: Hin und wieder würden die Männer auch beschimpft oder bekämen Antworten, die ganz und gar nicht empathisch seien. Doch sie gingen sehr erwachsen damit um.

Die Fälle sind so unterschiedlich wie die Menschen. Mohamad Abdullah, der Noor-Aldin bei der Mahnwache Gesellschaft leistete, hat seine Frau und seinen 17-jährigen Sohn inzwischen hier. Sie hätten für ein Jahr Schutz, berichtet der 47-Jährige. Asylpfarrer Schlecht sagt, dieser Schutz sei nicht so übel. Oft werde er verlängert. Auch biete der Status einige Vorteile, etwa bei der Krankenversorgung. Aber seine größte Angst kann Abdullah damit nicht ablegen: „Wenn wir zurück müssen, werden sie mein Kind ins Militär holen, zum Kämpfen. Dann wird er entweder jemanden töten oder selbst getötet werden.“

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