Viele Flüchtlinge würden gerne arbeiten, dürfen aber nicht. Die Frustration ist bei ihnen groß. Foto: dpa

In Sigmaringen schickt die Polizei Sonderkräfte gegen verdächtige Flüchtlinge aus Marokko auf die Straßen. Die Stimmung in der Bevölkerung ist unruhig, im Internet regiert die Hetze.

Sigmaringen - Zweieinhalb Kilometer lang ist der Weg vom Schloss Sigmaringen bis zur Graf-Stauffenberg-Kaserne vor den Toren der Stadt. Im pittoresken Hohenzollernschloss wohnen aber längst keine Adligen mehr, und die Kaserne ist auch nur noch eine Fassade, seit die Panzerfahrer sie im vergangenen Jahr räumen mussten. Stattdessen zogen Flüchtlinge in die Mannschaftsgebäude ein. Ende des vergangenen Jahres sind es 2650 in dieser Landeserstaufnahmestelle gewesen, mittlerweile sank die Zahl auf 602. Doch die Stimmung ist gereizter denn je.

Die meisten Flüchtlinge erreichen die Innenstadt nach einer guten halben Stunde Fußmarsch über eine Donaubrücke und passieren dann noch ein Einkaufszentrum. In der Lidl-Filiale steht ein Wachmann in schwarzem Shirt vor dem Kassenbereich. Draußen am Parkplatzrand steht ein Imbisswagen, die Wurstverkäuferin hat einen Panoramablick auf das Kommen und Gehen­ des Publikums. „Die sollen sich anpassen“, schimpft die Frau über die Flüchtlinge. Sie selbst schließe zu Hause seit Kurzem immer Fenster und Türen.

Ende Juli ist es im Stadtgebiet zur Vergewaltigung einer 50-jährigen Frau in ihrer Wohnung gekommen, ein ­24-jähriger Asylbewerber aus Gambia sitzt in Untersuchungshaft. Über die Tat informierte die Staatsanwaltschaft mit Verweis auf die langwierige Auswertung von Finger- und DNA-Spuren erst Anfang September. „Ich bin sicher, da wird jede Menge vertuscht“, sagt die Imbisskraft, und sie meint weitere durch Flüchtlinge verübte Straftaten.

Die Lokalzeitung schreibt alles mit

Die Lokalzeitung, die einschlägige Straf­taten bis zur „Spuckattacke durch Flüchtlinge“ fleißig notiert, scheint das ebenfalls zu glauben. In großformatigen Artikeln beschrieben zum Beispiel Sigmaringer Tankstellenpächter, wie „Marokkaner“ Schnaps und Zigaretten aus den Regalen klauten. Die Zeitung verschaffte auch einer anonymen Facebook-Schreiberin Gehör, der zu später Abendstunde die Handtasche von einer „Flüchtlingsgruppe“ entrissen worden sei, während ihre Rufe nach Hilfe ungehört verhallten. Die Fremdenhasser im Netz sammeln solche Artikel mit gezieltem Eifer, zum Beispiel bei „asylterror.com“ oder einer Facebook-Seite mit dem scheinneutralen Namen „asylinfo.sigmaringen“. Dass die Stadt zur No-go-Area verkommen sei, gehört noch zu den freundlicheren Leserkommentaren.

Überregionales Schaudern lösten schon Ende des vergangenen Jahres Lokalberichte über die örtliche SRH-Klinik aus. Die Krankenhausleitung hatte zum nächtlichen Schutz von Schwestern und Ärztinnen durch aggressive Patienten aus der Kaserne einen privaten Sicherheitsdienst engagiert. Von aktuellen Übergriffen wisse sie nichts, aber das Wachpersonal sei immer noch da, sagt eine Krankenhaussprecherin. „Es gibt schließlich Verträge.“ Es sei schon ein „Problem, dass solche Dinge über die sozialen Netzwerke kolportiert werden“, bestätigt ein Sprecher des Konstanzer Polizeipräsidiums . „Wir sind auf einem schmalen Grat, weil uns von einem Teil der Bevölkerung vorgeworfen wird, wir würden Straftaten unter der Decke halten.“

Ein Dutzend Marokkaner unter Beobachtung

Anfang des Monats hat sich die Polizei entschlossen, ihr schief gewordenes Bild geradezurücken. Eine Sondereinsatzgruppe passt jetzt täglich entlang des Fußwegs zwischen der Innenstadt und dem Kasernengelände auf. Im Fokus stehe „ein gutes Dutzend Tatverdächtiger marokkanischer Abstammung“, so das Präsidium. Zu den Hauptvorwürfen zählen unter anderem „Lärmbelästigungen“ oder „Vermüllung“.

Kleindiebstähle, Trunkenheit, Lärm, Müll – das sind also die Auslöser für eine aufwendige Polizeiinitiative. Im Grund, räumt der Sprecher ein, gibt die Kriminalitätsstatistik den Einsatz von Sonderkräften schwerlich her – die „Armutskriminalität“ sei in Sigmaringen nicht höher als in vergleichbaren südwestdeutschen Städten. Weshalb trotzdem „Präsenzstreifen“ in der Stadt aufgeboten werden, zumal der mutmaßliche Täterkreis ja klar eingegrenzt ist und direkt angegangen werden könnte, bleibt unklar. Genaue Zahlen über Einzeldelikte gibt das Polizeipräsidium nicht heraus­. Dient der Straßeneinsatz etwa vor allem der eigenen Imagepflege? „Nein“, sagt der Sprecher in Konstanz.

Der Unterkunftsleiter macht Öffentlichkeitsarbeit

Droben in der Graf-Stauffenberg- Kaserne­ arbeitet Fabian Heilmann unablässig an einem besseren öffentlichen Bild der ihm anvertrauten Flüchtlinge. Zum 1. Juni hat der Jurist aus der Sigmaringer Kreisverwaltung seinen Posten als Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung angetreten, mit gerade einmal 30 Jahren. Er bestätigt, dass die Kaserne aktuell problematisch belegt sei, vor allem mit 20 bis 30 Jahre alten Männern aus Marokko, Gambia und Nigeria. Doch bei internen Schulungen werde ständig über schwäbische Gepflogenheiten informiert. Eine freiwillige Putztruppe säubere jeden Tag den Fußweg bis zur Stadtmitte. Bei Gesprächsabenden würden die Beschwerden von Anliegern aufgenommen. Ein Streetworker im Dienst des Roten Kreuzes sei in der Stadt unterwegs, um Konflikten möglichst vorzubeugen.

Einige Flüchtlinge seien frustriert, sagt Heilmann, weil sie manchmal auch nach sechs Monaten Verfahrensdauer noch keinen Ämterbescheid über ihren Duldungsstatus erhalten hätten. Er wünscht sich mehr Tempo seitens des Bundesamtes für Migration. Derzeit arbeitet der Leiter daran, „Alphatierchen, die einen Clan um sich scharen“ in andere Einrichtungen verlegen zu lassen. Gegen die „Abwehrhaltung vor dem Unbekannten“ in den Sigmaringer Wohngebieten aber ist er machtlos.

Längst nicht alle sind gegen Flüchtlinge

Zurück in der Innenstadt zeigt sich: Heilmann und seine vielen Helfer in der Kaserne stehen nicht allein, auch wenn die sozialen Medien etwas anderes suggerieren. Vor dem Rathaus in der Fürst-Wilhelm-Straße ist Markt. Wieder ein Wurststand, wieder eine Verkäuferin, aber eine komplett andere Sicht der Dinge: „Ich bin in der Stadt noch nie angemacht worden“, sagt sie. Sie habe „mehr Angst vor unseren Besoffenen am Bahnhof als vor den Flüchtlingen“. Auch Deutsche, so scheint es, betrinken sich in Sigmaringen, lärmen und werfen Müll nicht in die dafür vorgesehenen Behälter. Nur welcher sozialen oder beruflichen Herkunft sie sind, hat bisher noch niemand verlässlich aufgeschrieben.

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