Die Sozialarbeiter bewerten die Lage im Wohnheim Tunzhofer Straße positiv (Symbolbild). Foto: dpa

Die betreuenden Sozialarbeiter bewerten die Lage im Flüchtlingsheim an der Tunzhofer Straße insgesamt positiv, viele Ehrenamtliche engagieren sich. Weiterhin werden Spenden benötigt.

S-Nord - Eines Nachmittags saß Jean-Jacques am Klavier der Flüchtlingseinrichtung in der Tunzhofer Straße und klimperte auf den Tasten herum. Ob er gerne lernen wolle zu spielen, fragte ihn die Sozialarbeiterin Jyldyz Umetalieva. Jean-Jacques wollte. Und Jean-Jacques übte – bis zu einem Auftritt in der vergangenen Woche: bei der Weihnachtsfeier, die für die Bewohner gleichzeitig so etwas war wie ein kurzer Ausbruch aus ihrem Alltag.

Seit Juli 2013 sind die Flüchtlinge in der umgebauten ehemaligen Psychiatrie des Bürgerhospitals untergebracht – es ist die zweite Einrichtung im Stadtbezirk nach der am Nordbahnhof. Die 220 Plätze an der Tunzhofer Straße sind permanent belegt, derzeit leben dort Menschen aus 25 Nationen, viele müssen sich wegen des behäbigen bürokratischen Anerkennungsprozess ihres Asylantrags gedulden. „Das heißt für sie häufig warten, warten, warten, ohne dass sie sich ablenken können“, berichtet die Sozialarbeiterin Salome Gunsch, die mit zwei Kolleginnen und einem Kollegen die Heimleitung inne hat. Hinzu kommt ein Beauftragter aus dem Projekt „Omid“, das die Caritas als Betreiber geschaffen hat, um traumatisierten Flüchtlingen schnell helfen zu können. 40 Prozent der Asylsuchenden sind Schätzungen zufolge auf die Hilfe dringend angewiesen.

Ein Freundeskreis hat sich bereits gebildet

Die Unterbringung im Bürgerhospital hat für die Flüchtlinge Vor- und Nachteile. Die Platzsituation ist etwas komfortabler als anderswo, wo ihnen lediglich 4,5 Quadratmeter Wohnfläche pro Person zur Verfügung stehen. Privatsphäre gibt es in den Zimmern, in denen Familien oder Fremde auf engstem Raum zusammenleben, aber kaum. Das Alter des Gebäudes schafft weitere Probleme: kaputte Heizungen und verstopfte Rohre oder Abflüsse sind nichts Außergewöhnliches.

Dennoch bewerten die Sozialarbeiter die Lage im Bürgerhospital insgesamt positiv. Das hängt auch mit dem großen Zuspruch der Ehrenamtlichen im Stadtbezirk zusammen. Ein Freundeskreis trifft sich etwa zweimal im Jahr, aktuell helfen rund 30 Menschen regelmäßig aus. Sie begleiten die Flüchtlinge zum Beispiel bei Behörden- oder Arztgängen oder lernen mit ihnen Deutsch. „Die Bereitschaft zu helfen ist unheimlich groß. Die Menschen sind sehr offen“, berichtet Christine Göttler-Kienzle, die Gemeindereferentin der katholischen St.-Georg-Gemeinde.

„Es kommen so viele Menschen hier her, die man willkommen heißen sollte“, sagt Angela Frank, die – ganz neu im Team der Ehrenamtlichen – die Kinderbetreuung bei der Weihnachtsfeier übernommen hat. Und Ellen Wurster, die schon seit mehr als einem Jahr dabei ist, pflichtet ihr bei. „Die Flüchtlinge kommen häufig aus großen Familien und sind hier nahezu auf sich allein gestellt“, sagt sie. „Wir ersetzen im Rahmen unserer Möglichkeiten die Mütter, Schwestern, Tanten oder Nachbarinnen.“

Flüchtlinge haben „Schweres erlebt“

Dass die ehrenamtliche Mitarbeit eine hohe Eigendynamik entwickle und sie zuweilen mit hohem Leid und einer hohen Frustration konfrontiert ist, verschweigt Wurster nicht. „Das sind keine Wirtschaftsflüchtlinge. Sie haben Schweres erlebt und ihr Land nicht ohne Grund verlassen“, sagt sie.

Doch auch dank vieler Sachspenden ist die Lage im Bürgerhospital nicht niederschmetternd. Fahrräder, Helme und Schlösser könnte die Einrichtung laut der Sozialarbeiterin Regine Knapp zurzeit noch gut gebrauchen. Die Weihnachtsfeier hielt für die Bewohner unter anderem Leckereien aus vielen Herren Ländern, ein chinesisches Ständchen, ein kirgisischer Tanz und eine Bescherung für die Kinder mit Geschenken aus dem Schuhkarton bereit. Das Gedränge war groß, die Freude bei Kindern und Eltern ebenfalls. Der Ausbruchsversuch aus dem Alltag hat funktioniert.

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