Philipp Nater zeigt seinen Showroom. Mit Kalorien aus der Konservenbüchse will er seine Kunden sicher satt machen. Foto: privat

Angst vor einem dritten Weltkrieg, einem Atomunfall oder dem jüngsten Gericht? Ein kleines Unternehmen aus dem Hegau hilft mit Konserven, Raketenofen und Schweizer Schoki.

Rielasingen-Worblingen - Der junge Mann geht auf Nummer sicher. 300 Kilometer weit ist er gefahren. Jetzt steht er vor einer kleinen Gewerbehalle im Industriegebiet der Hegaugemeinde Rielasingen (Kreis Konstanz) und packt unter den Augen seiner Mutter elf schwere Kartons und 48 Dosenbrote (Mindesthaltbarkeitsdatum: August 2026) in den Kombi. Das ist die Komplettlösung von Sicher-Satt, einem Unternehmen, das auch in Krisenzeiten das macht, was im Namen steht: sicher satt. 210 Kilogramm Ware für 2790 Euro – „vier Personen können damit drei Monate überleben“, sagt Philipp Nater, einer von drei Inhabern. Für alles ist gesorgt: Neben die Kalorien legt Nater Wasserfilter, ein Kurbelradio und einen Raketenofen.

Für welche Katastrophe der junge Mann und seine Mutter vorsorgen? Sie verraten es nicht, und Nater zuckt mit den Schultern. „Diskretion ist bei uns wichtig“, sagt der 48-Jährige, der sich in diskreten Dingen auskennt. Früher verdiente er sein Geld bei einer Schweizer Bank, heute bedient er diejenigen, die ihr Geld langfristig in Lebensmitteln anlegen wollen. „Mancher fürchtet vielleicht den Spott“, sagt Nater. Es könnte aber auch einen anderen Grund für die Verschwiegenheit geben: Sollte es tatsächlich zum Schlimmsten kommen, bräuchten die Nachbarn ja nicht zu wissen, dass der Keller voller Konserven steht.

Der moderne Mensch lebt von der Hand in den Mund

Auch Naters Mitgeschäftsführer Stefan Schätti ging früher in Anzug und Krawatte tagtäglich in ein Zürcher Bankhaus. Jetzt steht der 47-Jährige mit Vollbart, T-Shirt und halblangen Sommerhosen zwischen Kisten und Dosen in der kleinen Halle und bearbeitet die online eingegangenen Bestellungen. Früher sei Lagerhaltung etwas ganz normales gewesen. Doch der moderne Mensch lebe „von der Hand in den Mund“. Dabei könne schon ein Stromausfall das ganze System zum Erliegen bringen, sagt Schätti. Beispiele gebe es genug. „Was wir hier verkaufen, ist nichts anderes als eine Versicherung“ – eine Versicherung in Dosen.

Man muss nicht unbedingt einen neuen Krieg, einen Unfall im Atomkraftwerk oder das jüngste Gericht fürchten, um bei Sicher-Satt zu bestellen. Neuerdings gehören auch folgsame Bundesbürger zur Kundenklientel. Seit Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) vergangene Woche sein neues Zivilschutzkonzept vorgestellt hat, brummt der Laden. Die Empfehlung, die Deutschen sollten sich einen Notvorrat für mindestens zehn Tage anlegen, produzierte im Netz Hohn und Spott. Bei Sicher-Satt verdreifachte sie den Umsatz. Kurzerhand nahmen Nater und Schätti ein Zehn-Tagespaket mit Fertiggerichten ins Programm. Morgens gibt es Bircher-Müesli und Rührei, mittags Beef Stroganov oder Curryhuhn, abends eine leichte Tomatensuppe, alles zusammen für 93 Euro. Bitte nur Wasser hinzufügen. Die meisten bevorzugten jedoch die Sechs-Kilo-Dosen mit grünen Bohnen, roten Linsen, Kartoffelbrei oder Vollmilchpulver und deckten sich gleich für vier Wochen ein. „Bei den Rohwaren hat man das beste Preis-Kalorien-Verhältnis“, sagt Nater.

Und genau darum gehe es im Krisenfall. Deshalb zählt der Computer bei der Bestellung im Internet jede Kalorie mit und rechnet um, wie lange damit ein Erwachsener, zwei Erwachsene oder eine vierköpfige Familie überleben könnten. Ein spezielles Verfahren sorgt dafür, dass die Ware mindestens zehn Jahre frisch bleibt. In der kleinen Gemeinde Wald bei Zürich wird alles luftdicht verpackt. Dort haben die beiden Männer zusammen mit Schättis Bruder Reto, einem Diätkoch, im Jahr 2010 die Firma gegründet. Zwei Jahre später erfolgte die Expansion über die Grenze, um der wachsenden Kundschaft in Deutschland und in der Europäischen Union die Zollformalitäten zu ersparen.

Der Kalorienrechner hilft

Wer hat’s erfunden? Die Schweizer!

Irgendwie klar, dass eine solche Geschäftsidee aus der Schweiz stammt, wo jeder sein Sturmgewehr im Schrank verwahrt und die Architekten noch vor wenigen Jahren in jedes Privathaus einen Schutzraum einplanen mussten. Ja, das hörten sie von Deutschen komischerweise immer wieder, sagt Nater verwundert. Doch die Zeiten, in denen der Slogan „Guter Rat – Notvorrat“ an jeder Litfaßsäule prangte, seien auch in der Schweiz vorbei.

Schweizer Schoki hat Nater übrigens auch im Angebot. In riesigen Ziffern steht das Verfallsdatum auf der Verpackung, dazu der Hinweis: „Noch länger haltbar als Schweizer Armeeschokolade.“ Es bedarf allerdings soldatischer Selbstbeherrschung, um die Süßigkeit wirklich bis zum Krisenfall im Keller aufzubewahren.

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