Der Schauspieler Sebastian Blomberg, Jahrgang 1972, im Foyer des Stuttgarter Schauspielhauses Foto: Julian Rettig/Lichtgut

Sebastian Blomberg sorgt als Stargast im Stück „Das Portal“ für ein Theaterfest am Schauspiel Stuttgart. Begegnung mit einem Ausnahmekünstler.

Für die Uraufführung von „Das Portal“ am Schauspiel Stuttgart hat sich der Autor Nis-Momme Stockmann den Regisseur und Theatertausendsassa Herbert Fritsch gewünscht. Das wundert nicht, ist doch der Berliner ein Meister des bedeutungsschweren Unsinns und virtuosen Slapsticks, bei seinen grellbunten Aufführungen fühlt man sich bisweilen wie ein jauchzender Erwachsener im Bällebad.

 

Auch die Premiere von „Das Portal“ ist wieder so eine wunderbare Netzhautreizung. Gegeben wird eine fiese Komödie über ein Stadttheater am Abgrund, die Figuren purzeln und stolpern quietschbunt und fritschvergnügt über die Bühne, bis dann Sebastian Blomberg als Intendant Elias Geldoff mit einem diabolischen Zug um die Mundwinkel aus dem Dunkel an die Rampe tritt und alles an sich reißt. Endlich, nach einer Stunde. Blomberg spielt einen windigen Theaterleiter, einen karrieristischen Überlebenskünstler.

Blomberg ist wie der Rest des Ensembles verkleidet, stark geschminkt, völlig überzeichnet. Eine Intendantenkarikatur. Doch was Kostüm, Frisur und Maske wirklich hergeben, liegt tief in ihm. Weil er seine Figuren nicht nur darstellt. Blomberg fährt in seine Figuren, wie ein Fluch oder ein Geist in etwas hineinfährt, um sich ihrer zu bemächtigen. Er traut sich, sie ganz und gar zu sein.

In ständigem Kampf mit seinen Dämonen – und mit den Dämonen der anderen. Immer so spielend, als wäre es das letzte Mal. Und wenn er dann sein Gegenüber auf der Bühne oder das Publikum in den Rängen auf seiner Seite weiß und alle sich in Sicherheit wiegen, hält er kurz inne, für eine Mikrosekunde vielleicht. Wie kaum ein zweiter im deutschsprachigen Theater beherrscht Blomberg die nur noch selten anzutreffende Kunst der Pause, in der er als Schauspieler Regie führt. In diesen Augenblicken ist alles möglich. Jähzorn. Verzweiflung. Glück.

Tiefe an der Oberfläche suchen

Blomberg, der unberechenbare Dialektiker sucht an der Oberfläche die Tiefe, in der Trauer das Alberne. Und oft spielt er den Gegensatz im selben Moment: ist gleichzeitig Theaterdiktator und Intendantenschlumpf, Betrüger und Betrogener, Täter und Opfer. „Das Absonderliche gepaart mit einem existenziellen Moment, das interessiert mich. Wenn dir das gelingt, schnappst du dir die Zuschauer und zerrst sie in die erste Reihe“, sagt Sebastian Blomberg bei einem Treffen im Foyer des Stuttgarter Schauspiels nach einer Probe zum Stück.

Es ist mittlerweile seine vierte Arbeit mit Herbert Fritsch, er weiß, worauf es ankommt – und was bestenfalls am Ende herauskommt. „Die Clownerien werden gern mal unterschätzt und als Albernheiten abgetan. Dabei ist dieses Spiel im besten Sinne eine Mischung aus Commedia dell‘arte und LSD-Trip“, analysiert der Stargast aus Berlin klug. „Ich find es herrlich, weil du als Schauspieler oftmals in Theaterbereiche vordringst, die fast schon ungehörig sind.“

Star? Ja, eine präzisere Beschreibung findet sich nicht. Sebastian Blomberg ist ein überaus gefragter Allroundkünstler, der anscheinend reibungsfrei als mittlerweile freischaffender Schauspieler seine Projekte beim Film, im Fernsehen und regelmäßig auf den größten Theaterbühnen im deutschsprachigen Raum verwirklicht. Mit dem Medizin-Kinothriller „Anatomie“ wird Blomberg im Jahr 2000 einem größeren Publikum bekannt, es folgen bis heute nachhallende Produktionen wie „Der Baader Meinhof Komplex“ unter der Regie von Uli Edel oder auch die Kapitalismussatire „Zeit der Kannibalen“ im Jahr 2014. Er spielte in und mit Bjarne Mädels „Tatortreiniger“ eine der sehenswertesten Folgen dieser herrlich widerborstigen Reihe um einen unterschätzten Underdog der Reinigungsbranche.

Und dann ist da auch noch „Wellness für Paare“, ein Kammerspiel von Jan Georg Schütte, ein Fest für großartige Improvisationskünstler, bei dem an einem Wochenende fünf Paare zu einer Partnertherapie auf einem Wasserschloss alles geben, sich seelisch und sonst wie nackig machen. Sebastian Blomberg, Partner von Anke Engelke, bleibt als nicht mehr ganz junger Mann mit unerfülltem Kinderwunsch in Erinnerung, unheimlich präsent, mit seinem flackernden, tiefen Blick, der sowohl Leidenschaft als auch Bedrohlichkeit verheißen kann.

Schön, wenn das eigene Werksverzeichnis rückblickend dermaßen viel Qualität aufweist. Wer kann das schon von sich behaupten? Und noch besser, dass Blomberg, der 1972 in Bergisch Gladbach geboren wurde und heute mit seiner Familie in Berlin-Neukölln lebt, zwischen seinen vielen Arbeiten fürs Kino und Fernsehen den Weg ins anstrengende Theater findet. „Das Theater war und bleibt für mich ein Refugium, eine Heimat, in die ich immer wieder gerne zurückkehre. Ich brauche regelmäßig das Ensemble, die Bühne, die unverstellte Nähe zum Publikum.“

Dass das überhaupt klappte, hat er nicht Stuttgart zu verdanken. Leider. Nach seinem Abitur am Internat Schule Schloss Salem bewirbt sich Blomberg, was für ihn schon seit Jahren klar ist, an einigen Schauspielschulen, darunter auch mit einem Text von Franz Kafka an der Stuttgarter Schauspielschule. Keine Chance, er wird abgelehnt.

Engagements in Wien und Berlin

Blomberg lässt nicht locker, geht nach Wien, bewirbt sich am dortigen Max-Reinhardt-Seminar, eine der ersten Adressen für angehende Bühnenkünstler, trägt neben anderen Szenen sein Kafka-Solo vor – und wird sofort angenommen. Nach dem Abschluss geht er fest ans Wiener Schauspielhaus, es folgen mehrjährige Engagements in Basel und am Deutschen Theater in Berlin. Gegen Stuttgart hegt er Gott sei Dank keinen Groll, im Gegenteil, behauptet er zumindest, dieser feinnervige und unverschämt höfliche Stargast, einer der unvergesslichen ganz nebenbei.

Was wiederum auch und vor allem dem Regisseur Thorsten Lensing zu verdanken ist, der im Jahr 2015 Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ auf die Bühne des hiesigem Kammertheaters zaubert. Das Paar des Abends: Sebastian Blomberg und André Jung. Blomberg - durchgedrücktes Kreuz, stechender Blick – stellt sich vor dem Publikum auf. „Ich bin Kolja.“ Pause. Typisch Blomberg. Herausfordernd vorgeschobenes Kinn, der ganze Körper eine Provokation. Kolja erzählt, dass er ein Muttersöhnchen sei. Der Bub wirkt so hochintelligent wie hochmütig.

Er muss die Ansprache wiederholen, weil ihn immer wieder etwas aus dem Konzept bringt. Ein sabbernder Hund. André Jung mit wirrem Haar schleckt an ihm, drückt die Nase am Rücken des Jungen platt. Tier und Kind, Hund und Herrchen, Jung und Blomberg – das wird damals gefeiert, das ist einer dieser flüchtigen Theatermomente, die für die Ewigkeit gemacht sind.

„Thorsten Lensing ist das phänotypische Gegenteil von Herbert Fritsch. Seine Versuchsanordnung ist eine ganz andere“, sagt Blomberg. „Bei Herbert gibt es einen eigenen engen Parcours, in dem man seine Freiheiten sucht; bei Thorsten gibt es eine Fläche, die betanzt werden muss.“

Dass dieser Tanz gelingt, und die Abende leicht werden und zu schweben beginnen, hat etwas mit Vertrauen zu tun. Thorsten Lensing, ein freischaffender Theaterenthusiast und Regisseur, produziert nur das, was er will, alle paar Jahre widmet er sich einer Vorlage und tourt damit durch die Republik. Zu seinen Stammkräften gehören neben dem erwähnten André Jung etwa auch Ursina Lardi, Devid Striesow und Sebastian Blomberg. „Wenn wir uns wiedersehen, dann freuen wir uns alle. Thorsten Lensing hat über die Jahre etwas Unnachahmliches geschaffen, eine Architektur des Theaters, die einzigartig ist.“

Recht hat er. Und wenn man vor der schwierigen Entscheidung stünde, welches Buch, welche zwei Schauspieler man auf eine einsame Insel mitnehmen wollte, wenn man denn müsste, man brauchte nicht lange zu überlegen: einen Dostojewski, dazu André Jung und Sebastian Blomberg. Und das öde Inselleben wäre ein einziges Spiel.

Info

Portal
Weitere Aufführungen im Schauspielhaus Stuttgart: 30. Januar, 9., 18., 26. Februar, 9. März.

Wellness für Paare
Der Fernsehfilm, in dem die Schauspieler, darunter Sebastian Blomberg an der Seite von Anke Engelke, viel improvisieren, ist in der ARD-Mediathek weiterhin online zu sehen.