Ein Bild aus besseren Zeiten: Das Möhringer Kinderfest gibt es nicht mehr.Archivfoto:Günter E. Bergmann Foto:  

Der Reigen der Sommerfeste beginnt an diesem Wochenende: Radrennen in Hohenheim, Europaviertelfest und Rotweinnacht stehen an. Doch nicht alle Vereine führen ihre Traditionen fort. Woran liegt das?

Stuttgart - Man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Das sagt sich so schön, und wer säße an den kommenden Wochenenden nicht gern mit einem kühlen Getränk auf einer Bierbank, um mit Nachbarn und (anfangs) Fremden aus dem Viertel zu tratschen? Die gute Nachricht: Die Saison der „Feschdle“ beginnt, das Hohenheimer Schlossradrennen, das Europaviertelfest und die Lange Rotweinnacht von Untertürkheim machen an diesem Wochenende den Anfang. Die schlechte: Manche Feste fallen aus. Denn es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Vereine es schaffen, Traditionen aufrechtzuerhalten.

So geschehen in Mühlhausen. Der Bund der Selbstständigen (BDS) veranstaltet dort keine Kirbe mehr. „Es war nicht mehr machbar“, sagt der Vorsitzende Michael Lietz. Einen einzelnen Grund, der ausschlaggebend gewesen wäre, gäbe es nicht, sondern eine Verquickung mehrerer Umstände. „Viele Auflagen, die man bekommt, müssen sicherlich sein“, sagt Lietz. „Aber wir sind personell nicht imstande, alle Auflagen sinnvoll zu erfüllen“, schränkt er ein. Besonders schwer habe man sich immer mit der Beschilderung getan, wenn Straßen zu sperren waren. „Nicht nur muss man die Schilder holen und zurückbringen, das kostet dann auch noch Geld“, sagt der Unternehmensberater. „Wie überhaupt die Stadt für alles Gebühren verlangt. Dabei erbringen wir ja schließlich eine Leistung für die Gemeinschaft“, sagt der BDS-Chef.

Den Möhringer Sängern fehlt es an Jungrentnern

Aufgegeben hat auch der Liederkranz Möhringen: Er veranstaltet seit zwei Jahren kein Kinderfest mehr. Es sind in diesem Fall nicht die jungen Leute, die fehlen, sondern die „Jungrentner“, sagt der Vorsitzende ­Xaver Beck. „Nicht mehr im Job eingespannt, aber noch voll fit“ – diese Generation sei den Vereinen komplett verloren gegangen. Becks Theorie ist, dass dies die 68er seien. „Die sind typischerweise eher weniger in Vereine gegangen“, meint er. An jungen Leuten mangele es in den Reihen der Sänger nicht, doch junge Akademikerinnen und Ingenieure hätten wenig Zeit.

Unterm Strich sei das Festlestreiben in Stuttgart dennoch nicht ärmer geworden, sagt der städtische Pressesprecher Martin Thronberens. Es seien ungefähr gleich viele Veranstaltungen geblieben, sagt er. Was man jedoch feststelle, sei eine hohe Fluktuation im Bereich des Ehrenamts: „Das ehrenamtliche Engagement scheint abzunehmen, daher haben wir es immer wieder mit neuen Ehrenamtlichen bei Traditionsfesten zu tun“, erläutert der Pressesprecher.

Anders als mancherorts vermutet stimmt es aus Sicht der Stadt nicht, dass gestiegene Anforderungen an Hygiene und den fachgerechten Umgang mit Lebensmitteln den Ehrenamtlichen das Leben erschweren würden. Zwar hätten die Kontrolleure der städtischen Lebensmittelüberwachung immer wieder Beanstandungen. Meist seien das fehlende Handwaschgelegenheiten für Mitarbeiter, unzureichende Kühlung und fehlende Hinweise auf Allergene in den Zutaten. Im Großen und Ganzen hätten sich die Festlesveranstalter aber gut auf Anforderungen wie Abdeckung des Straßenbodens oder Spuckschutz über Kuchen- beziehungsweise Salatbüfetts eingestellt. Die Stadt bietet dazu auch Schulungen an, zuletzt hätten daran im März mehr als 200 Personen teilgenommen, schildert Martin Thronberens.

Neu ist nur die Forderung nach Listen von Allergenen

Die einzige Neuauflage in den zurückliegenden Jahren sei die Ausweisung der Inhaltsstoffe, etwa bei Kuchenspenden für Feste. „Das ist aber kein Problem, wir händigen ein Formular aus, und die Leute bringen es mit, wenn sie Kuchen abgeben“, sagt die Pfarrerin Daniela Reich. In Hygienefragen seien ihre Mitarbeiter gut geschult.

In diesem Jahr ist das Gemeindefest allerdings eine Stufe größer, da sei auch der Aufwand gestiegen: Die Plieninger feiern den 50. Geburtstag ihres Gemeindezentrums. „Da dachte ich, ich hätte für den Antrag zur Straßensperrung einen guten Plan abgegeben. Von wegen: Der kam zurück, ich müsse ihn im Maßstab zeichnen. Also habe ich mich wieder mit dem Lineal hingesetzt“, berichtet die Plieninger Pfarrerin.

Nur einen Steinwurf entfernt von Plieningen steigt am Wochenende das große Schlossradrennen. An der Spitze der Organisatoren sitzt einer, der nicht klagen kann, sondern voll des Lobes ist: „Trotz Ferien und allem habe ich alle 30 Sicherheitsposten an der Strecke besetzt – und es läuft“, frohlockt der Sporthändler Folker Baur. Er hat die Erfahrung gemacht, dass es hilft, wenn die jungen Vereinsmitglieder wissen, wofür sie sich engagieren. „Das erwirtschaftete Geld geht an den TV Plieningen, wir unterstützen damit die Jugendarbeit. Das sehen die 700 Kinder und Jugendlichen im Verein, und sie machen gerne mit“, lobt Folker Baur den Nachwuchs.

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