Jan Wagner wird für seine Lyrik mit dem Mörike-Literaturpreis der Stadt Fellbach ausgezeichnet. Foto: Villa Massimo, Alberto Novelli

Jan Wagner wird für seine Lyrik mit dem Mörike-Literaturpreis der Stadt Fellbach ausgezeichnet. „Mörike hat eine ungeheure Kraft in seiner Poesie, die Kraft vieler Gedichte besteht darin, dass er nicht die heile Welt beschreibt, sondern die Dunkelheit, das Todesahnen“, sagt Wagner.

Berlin - „Die Grundtugend des Dichters ist das Staunen“, sagt Jan Wagner. Er sagt es mit Ossip Mandelstam, jenem Märtyrer der ­Poesie, der für seine Lyrik in einem von Stalins Gulags 1938 mit dem Leben bezahlte. Und gleich nimmt Jan Wagner noch einmal Bezug zur russisch-jüdischen Literatur: „Joseph Brodsky hat ein Gedicht über ein Wasserglas geschrieben, ich schreibe über Teebeutel, Nägel, ein Stück Seife genauso wie über Giersch.“

Wagner, der in Berlin zum Gespräch eingeladen hat, will sich nicht als „Naturlyriker“ reduzieren lassen, auch wenn anlässlich seiner Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse 2015 in vielen Lobreden der „schäumende Giersch“ gepriesen wurde. „Aber ich mach die Erfahrung, dass sich die größten Reichtümer in der Natur befinden“, räumt er ein und legt ein Blatt mit dem Titel „giersch“ vor. „nicht zu unterschätzen: der giersch / mit dem begehren schon im namen – darum / die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch / wie ein tyrannentraum .“

Gedichte sind für den gebürtigen Hamburger eine Einladung, die Welt neu zu sehen und neu zu denken, ein gutes Gedicht verändere gar den Blick auf die Welt. „im ­brunnen“ titelt ein Gedicht, in dem sich Wagner der Urangst des Menschen nähert, verloren zu gehen. „sechs, sieben meter freier fall / und ich war weiter weg / als je zuvor, ein kosmonaut / in seiner kapsel aus feldstein, / betrachtet aus der ferne / das kostbare, runde blau“ Jan Wagner nutzt das Ich als „wunderbare Maske“, wie er sagt.

Wagner ist 1971 in Hamburg geboren, hat dort sowie in Dublin und Berlin Anglistik studiert, arbeitete als Übersetzer, Herausgeber und Schriftsteller, ehe er seit dem Erscheinen des ersten Gedichtbandes „Probebohrung im Himmel“ im Jahre 2001 als freier Schriftsteller tätig wurde.

Ein Jahr vorher zog es ihn nach Berlin. „Für Künstler ist Berlin ein wunderbarer Ort, seit dem Expressionismus gab es in Berlin nicht mehr eine solche ­Lyrikszene“, lobt Jan Wagner seine Wahlheimat. Offenbar wurde er mit seiner Stimme auch an Orten wahrgenommen, die außerhalb der deutschen Hauptstadt liegen. Nach dem Arbeitsstipendium des Berliner Senates (2000) bekommt Wagner unter anderem 2001 das Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds, 2004 den Anna-Seghers-Preis, 2007 das Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom, 2011 das Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo Rom und nach dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie „Belletristik“ 2015 jetzt den Mörike-Preis der Stadt Fellbach.

„Mörike ist für mich ein großer Dichter mit einer großen Neugier auf die Welt“, sagt Wagner und dass Mörike „nichts zu gering“ war. Nicht die Honigtöpfe noch sein Hund. „Mörike hat eine ungeheure Kraft in seiner Poesie, die Kraft vieler Gedichte besteht darin, dass er nicht die heile Welt beschreibt, sondern die Dunkelheit, das Todesahnen“, sagt Wagner.

Die Stadt Fellbach vergibt den Mörike-Literaturpreis seit 1991. Er ist in diesem Jahr erstmals mit 15 000 Euro dotiert. Die Preisverleihung findet am Mittwoch, 22. April, im Rathaus der Stadt Fellbach statt. Beginn ist um 19 Uhr.

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