Die Fastenzeit ist Tradition. Doch auch sie unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel. Wie wird das Fasten dieser Tage zelebriert?
Süßigkeiten, Alkohol oder das Auto – die Auswahl an Dingen, auf die man während der Fastenzeit verzichten könnte, ist groß. Es muss nicht immer etwas Materielles sein, auch Pessimismus oder Alleingänge könnte man in den Wochen des Verzichts aus dem Alltag streichen.
Die Gründe fürs Fasten sind zahlreich. „Zum einen fastet man natürlich aus Tradition“, sagt Lena Warren, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Flacht. In der Passionszeit, wie die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag in der evangelischen Kirche genannt wird, gehe es grundsätzlich darum, die Leiden Christi nachzuempfinden.
Damit bezieht sie sich auf die Überlieferungen, nach denen Jesus 40 Tage fastend in der Wüste verbrachte, bevor er aufbrach, um das Evangelium Gottes zu verkünden. Aber man solle sich in dieser wichtigen Zeit nicht nur auf Gott konzentrieren, sondern auch auf sich selbst. „Ein bewusster Umgang mit Gott und sich selbst“, das ist laut Warren das Ziel in der Passionszeit.
Die Vorsätze sollten nachhaltig sein
Wie man das in der Fastenzeit erreicht, ist dabei jedem selbst überlassen. „Wichtig ist ein nachhaltiger Gedanke“, meint die 31-Jährige. Im besten Fall sollten die Vorsätze und die durch sie gewonnen Erkenntnisse über die Dauer der Fastenzeit hinausreichen. „Die Fastenzeit gibt einem die Chance, sich von unliebsamen Verhaltensweisen zu trennen“, erklärt sie.
Einen Ansatz dafür liefert etwa die bundesweite Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ der evangelischen Kirche. Während in den vergangenen Jahren bei der Aktion unter anderem auf Pessimismus, Lügen oder Ausreden verzichtet wurde, lautet dieses Jahr das Motto: „Komm rüber! Sieben Wochen ohne Alleingänge“. Durch Initiativen wie diese wird klar, Fasten muss sich nicht immer nur um die Ernährung oder die etwaigen Genussmittel drehen.
Dieser Ansicht ist auch Bernhard Schmid, leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit der katholischen Kirche Leonberg. „Die Gesellschaft wird immer individueller“, meint er. Deswegen müsse man sich bewusst machen, dass es beim Fasten für viele nicht mehr nur um Essen und Trinken geht. Zudem sei zu beachten, dass es für den Einzelnen heutzutage schwieriger sei, zu Fasten – in welcher Form auch immer. Das liegt laut Schmid daran, dass die Fastenzeit in früheren Zeiten von viel mehr Menschen im persönlichen Umfeld zelebriert wurde. Dies sei heute eben nicht mehr der Fall, weshalb das Fasten für den Einzelnen dieser Tage auch eine weitaus größere Herausforderung darstelle.
Fasten als gesellschaftlicher Trend
Lena Warren sieht das anders: „Mittlerweile ist das Fasten auch ein gesellschaftlicher Trend“. Es sei eine Möglichkeit, aus dem hektischen Alltag auszubrechen und sich mehr auf sich selbst zu fokussieren. So beschränken sich laut Warren viele nicht mehr auf die kirchliche Fastenzeit selbst, sondern verwirklichen diese Ansätze das ganze Jahr über. Auch die Art und Weise, wie gefastet wird, hat sich dadurch geändert. „Das Fasten ist zu einem gewissen Teil auch politisch geworden“, meint die Pfarrerin.
Zum Beispiel durch den Trend des sogenannten Klimafastens. Dabei wird bewusst darauf geachtet, auf Dinge zu verzichten, die unsere Umwelt und das Klima negativ beeinflussen, wie das Autofahren. Laut einer aktuellen Studie der Deutschen-Angestellten-Krankenkasse DAK Gesundheit liegt Fasten heutzutage gerade bei jungen Menschen im Trend. Eine repräsentative Umfrage dieser Studie hat ergeben: 76 Prozent der 18- bis 19-Jährigen finden einen Verzicht auf Genussmittel und Konsum sinnvoll.
Die Spitzenreiter auf der Verzichtsliste sind dieses Jahr laut der DAK-Studie Alkohol, Süßigkeiten und Fleisch. Zudem konnte die Krankenkasse feststellen, dass das digitale Fasten, oder auch „Digital Detox“, an Popularität zunimmt. 26 Prozent der Befragten gaben demnach an, beim Fasten vor allem anderen auf Smartphone, Computer und andere Bildschirmmedien zu verzichten.
Innere Freiheit und Selbstreflexion
Pfarrer Schmid ist ein gutes Beispiel dafür. „Wenn ich in der Fastenzeit abends nach Hause komme, entscheide ich mich oft bewusst dafür, ein Buch zu lesen, anstatt mich vor den Fernseher zu setzen“, meint er.
Für ihn persönlich ist die österliche Bußzeit, wie man die Fastenzeit in der katholischen Kirche bezeichnet, die Chance, eine innere Freiheit zu schaffen und zu reflektieren, was im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich sei die Grundlage der Fastenzeit immer noch Buße, Besinnung und eine Neuausrichtung am Evangelium, erklärt Schmid. Aber diese Zeit sei eben auch eine gute Gelegenheit, um sich zu fragen: „Was brauche ich wirklich?“