Die neue Windel soll möglichst noch in diesem Jahr auf den Markt kommen. Foto: Jagoda Wisniewska

Luisa Kahlfeldt hat eine Mehrwegwindel und einen Schlafsack aus einem innovativen Material konstruiert. Denkendorfer Textilforscher haben die Designerin unterstützt.

Denkendorf - Sprechen kann das Baby natürlich nicht. Doch scheint sich das Kleinkind-Model, das auf Fotos die neuartige Windel „Sumo“ von Luisa Kahlfeldt trägt, pudelwohl zu fühlen. Die Designerin hat die Windel auf der Grundlage von SeaCell – einer Zellulosefaser aus Eukalyptusholz und Braunalgenextrakten – konzipiert. Um ihre Masterarbeit an der École cantonale d’art de Lausanne (ECAL) realisieren zu können, klopfte die 29-Jährige bei den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF) an – und stieß dort auf offene Türen.

In Denkendorf wird das Gewebe hergestellt

Unter der Federführung des Bereichsleiters Stephan Baz machten sich die Spezialisten des DITF daran, aus den Fasern Garn und Zwirn herzustellen, um das notwendige Gewebe und Vliesstoff zu gewinnen. Schließlich war so viel Material produziert, dass die Prototypen geschneidert werden konnten.

Das Besondere an der SeaCell-Faser: sie ist biologisch abbaubar, extrem saugfähig, atmungsaktiv und von Natur aus antibakteriell. Der Stoff eigne sich nicht nur für den direkten Hautkontakt, weil er sehr weich ist, erklärt Luisa Kahlfeldt. Meeresalgen seien zudem reich an Vitaminen, Spurenelementen, Aminosäuren und Mineralien. Das natürliche Feuchtigkeitsniveau der Haut gewährleiste einen aktiven Austausch dieser wohltuenden Stoffe zwischen Faser und Haut. Daher sei die Faser die ideale Grundlage für eine Mehrfachwindel, die auch nach mehreren Waschzyklen ihre Eigenschaften behalte.

Das Material hat viele positive Eigenschaften

Atmungsaktiv, weich, isolierend, thermoregulierend und antibakteriell – diese Vorzüge zeichnen auch Luisa Kahlfeldts Schlafsack „Sensu“ aus. Wie bei der „Sumo“-Windel hat die Industriedesignerin aus Berlin auch beim Schlafsack auf Nachhaltigkeit geachtet. So kommt der Schlafsack ohne Reißverschlüsse und Knöpfe aus. Das vereinfacht später die Entsorgung von ausgedienten Schlafsäcken.

Luisa Kahlfeldt war begeistert von der Zusammenarbeit mit dem Denkendorfer Forschungsteam. „Es war eine unglaublich spannende Erfahrung, zusammen mit den DITF an einem Pilot-Gewebe zu arbeiten, da man ja als Industriedesigner nicht oft die Möglichkeit hat, die ,Hauptzutat‘ eines Produkts selber herzustellen“, sagt Luisa Kahlfeldt rückblickend.

Die Textilforschung in Denkendorf hat eine lange Tradition

Die mit zahlreichen Laboratorien und Versuchsmaschinen ausgestatteten DITF haben eine lange Tradition. Die Wurzeln liegen in Reutlingen. Dort wurde bereits 1855 auf Initiative der Industrie, der Stadt Reutlingen und des Königreichs Württemberg eine Webschule gegründet, aus der 1891 eine Fachschule für Spinnerei, Weberei und Wirkerei hervorging. Dieses nach ihrem Direktor benannte Otto-Johanssen-Technikum verdiente sich den Ruf eines Schrittmachers für die aufstrebende Textilindustrie in Süddeutschland. 1921 kam das Deutsche Forschungsinstitut für Textilindustrie, Reutlingen-Stuttgart, hinzu, das als Vorläufer der DITV gilt.

Die Geschichte in Denkendorf beginnt 1937 mit der Gründung der Zellwolle-Lehrspinnerei. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Einrichtung in Denkendorf in Denkendorf Forschungsgesellschaft für Chemiefaserverarbeitung umbenannt worden. Parallel dazu zieht das bisher in Reutlingen angesiedelte Institut für Textilchemie 1961 nach Stuttgart-Wangen um. 1981 wurden mit der Fertigstellung der Neubauten die Forschungseinrichtungen im Körschtal konzentriert.

Die Windel überzeugt durch Funktionalität und Design

Mit Funktionalität und Design hat Luisa Kahlfeldt bei Design-Wettbewerben überzeugt. Sie gewann unter anderem den James Dyson Award und den Special Vitra Award. „Das erregt natürlich Aufmerksamkeit“, sagt Stephan Baz. „Die Windel hat eine Chance, auf den Markt zu kommen“, meint Luisa Kahlfeldt. Damit dies klappt, suchen sie und ihr Geschäftspartner Caspar Boheme derzeit Investoren und Vertriebspartner. Es soll mehr Stoff produziert werden, um die wiederverwendbare Windel auf Algen- und Eukalyptusbasis optimieren zu können. Luisa Kahlfeldt: „Unser Ziel ist es, eine erste Kollektion hoffentlich im Laufe dieses Jahres auf den Markt zu bringen.“

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