Der Beinahne-Spielabbruch von Bochum wirft kein gutes Licht auf Fans und Behörden und zeigt doch nur, dass im Fußball immer öfter zwei Welten aufeinanderprallen. Ein Kommentar von Sportredakteur Gregor Preiß.
Die Geschichte der Fußball-Bundesliga ist reich an Skurrilem, Bizarrem, Verstörendem. Eine fast einstündige Halbzeitunterbrechung wie beim Gastspiel des VfB Stuttgart in Bochum (0:1) stellt aber ein Novum dar. Eines, das auf den ersten Blick banal erscheinen mag, hinter dem aber mehr steckt als ein kindisch anmutender Streit um eine Zaunfahne.
Zuallererst: Beide Seiten haben sich am langen Samstagnachmittag im Bochumer Ruhrstadion nicht mit Ruhm bekleckert. Die zuständigen Sicherheitsbehörden nicht, deren Kommunikation zu den Sicherheitsbestimmungen ausbaufähig erscheint. Beim Bochumer Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach gab es vor Kurzem dasselbe Problem. Angesichts des zeitlichen Vorgehens während der Halbzeit muss man schließlich von einer sehr engen Regelauslegung sprechen.
Beide Seiten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert
Letztlich haben aber vor allem die organisierten Fans ihren Teil zu diesem unrühmlichen Schauspiel beigetragen. Eher früher als später hätte selbst bei den Unnachgiebigsten mit etwas Gespür für die Situation die Erkenntnis reifen können, dass sie sich, der Mannschaft und allen anderen im Stadion mit ihrer Beharrlichkeit keinen Gefallen tun. Auch wenn den Ultras ihre Zaunfahnen heilig sind. Dass die Situation nicht völlig eskalierte und mit einem Spielabbruch und Ausschreitungen endete, ist noch das Beste am 130-Minuten-Spiel von Bochum.
Das aber etwas ganz anderes zeigt: Die Kluft zwischen den Anhängern in der Kurve, die ihre Mannschaft Woche für Woche unterstützen, und der Obrigkeit wird immer größer. Die Konflikte mit der Stuttgarter Polizei schwelen seit Langem, die Wut auf die Verbände („Scheiß DFL!“) wurde auch in Bochum wieder laut. Das Scharmützel mit den Sicherheitsbehörden ist vor diesem Hintergrund nichts anderes als ein Stellvertreterkonflikt. Der für so vieles steht, was aus Sicht der sich gegängelt gefühlten Stimmungsmacher in den Kurven rund um den Fußball schiefläuft.
Immer öfter prallen Welten aufeinander, die Situation ist völlig verfahren. Alle Seiten – Fans, Verein, Polizei, letztlich auch die Verbände – müssen wieder stärker aufeinander zugehen und an einer Lösung feilen. Damit sich der Konflikt nicht am nächsten Funken aufs Neue entzündet.